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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Verkaufsstart des iPhone 5 Wir campen vor dem Apple-Store

 ·  Hunderte Apple-Jünger haben vergangene Nacht dem Verkaufsstart des iPhone 5 entgegengefiebert. In Frankfurt übernachteten Dutzende vor dem Geschäft, um zu den ersten Käufern zu gehören. Was treibt diese Menschen? F.A.Z.-Autor Johannes Pennekamp hat die Nacht mit ihnen verbracht.

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© Kaufhold, Marcus Dunkles Grüppchen vor heller Fassade: Hier werden die Apple-Jünger noch lange ausharren.

20.30 Uhr

Was brauche ich für eine Septembernacht in Frankfurt unter freiem Himmel? Isomatte, Schlafsack, Winterpulli und einen Gartenstuhl. Los geht’s.

21 Uhr

In der Frankfurter Innenstadt ist es dunkel, die Geschäft haben gerade geschlossen, die Menschen gehen nach Hause. Nur in der „Fressgass“ ist schon von weitem eine Menschentraube vor einem Geschäft zu sehen. Vielleicht 40 Camper in kleinen Gruppen, die auf Decken und Stühlen vor dem Apple-Store sitzen. Sieht ganz gemütlich aus und erinnert aus der Ferne etwas an Occupy.

Die Dunkelheit wird durchbrochen von den Smartphone- und iPad-Displays der Camper, der Großteil hat eines der Geräte in der Hand. Über ihnen strahlt in der gläsernen Fassade das hell erleuchtete Apple-Logo, davor die gebeugten dasitzenden Pilger. Ein Gottesdienst?

Die Schlange macht einen Knick und ist jetzt vielleicht 20 Meter lang, die meisten Leute sind zwischen 20 und 30 Jahren alt. Sie alle wollen das neue iPhone 5, Einstiegspreis 679 Euro. Das Geschäft öffnet um 8 Uhr, also in ziemlich genau elf Stunden.

21.30 Uhr

Die Inszenierung beginnt: Hinter der Ladenfassade sind Apple-Mitarbeiter damit beschäftigt, Vorhänge als Sichtschutz aufzuhängen. Der Blick auf das Allerheiligste soll verdeckt bleiben. Apple geht nicht ohne Event.

An der Scheibe klebt noch der Schriftzug der für das neuste iPad wirbt. „Sehvolution“ steht da. Ein Mitarbeiter im blauen Apple-T-Shirt kratzt ihn mit einem kleinen Spachtel ab. Zeit für eine neue Revolution? Die gibt’s hier anscheinend im Monatstakt.

22 Uhr

Was sind das eigentlich für Leute hier? Und warum bloß schlagen sie sich die Nacht um die Ohren, wenn man das Telefon doch auch bequem im Internet bestellen kann?

Direkt vor dem Eingang sitzt ein kräftiger Typ, Glatze, Kinnbart, beige Hose. Der junge Mann heißt Okan, 19 Jahre alt, und er ist freundlicher als sein Äußeres vermuten lässt. Er hat die Bilder aus New York im Fernsehen gesehen, dort campen die Apple-Fans seit Tagen. Im Frankfurter Store hat er um drei Uhr mittags gefragt, wo hier die Schlange sei. „Dann haben sie mir den Zettel in die Hand gedrückt, auf dem steht: Du bist die Nummer 1“, sagt er stolz. Seitdem sitzt er hier. Warum? „Apple ist das Geilste, was es gibt. Ich hab das Mac Book, das iPad und das iPhone. Samsung ist doch ne Plastikschüssel“. Und warum das neue iPhone, wenn das Vorgängermodell noch recht frisch ist? „Das Display ist größer, die Form ist geil, ich kaufe es diesmal in weiß!“

Okan heißt mit Nachnamen Yasin und wer die Privatsender verfolgt, kennt ihn als Teilnehmer der Casting-Show Supertalent. Er hat den Rapper Pitbull imitiert und steht jetzt „unter Vertrag“. An den Wochenende reist er als Double des Musikers durchs Land unter der Woche hat er nichts zu tun. „Darum ist es kein Problem, dass ich hier die ganze Nacht sitze.“ Sein Auftritt heute wird noch kommen.

Als ich das letzte Mal campen war, gab es Bäume, einen See und Frösche, die Lärm gemacht haben. Hier gibt es Häuserfassaden, einen Springbrunnen und Handys, die ab und zu klingeln.

23 Uhr

Monika und Ruth haben gerade ihr 2. Staatsexamen in Jura bestanden. Um sich zu belohnen, sitzen sie jetzt hier, sagen sie. Ruth hat sich in einen dicken Schlafsack verkrochen, Monika hat eine warme weiße Jacke an und eine rote Decke um die Beine gewickelt. „Wir wollen einmal die Atmosphäre hier mitmachen“, sagt Monika. Und: „Das neue iPhone ist dünner und leichter, das ist super“. Auch Ruth ist begeistert: „Ich freue mich so drauf, das neue Gerät endlich hochzufahren und es einfach in der Hand zu haben.“ Die Juristinnen klingen wie Teenager, die für ihren Star schwärmen. Das scheinen sie zu bemerken. „Naja, es ginge auch ohne iPhone, ist halt ein schönes Spielzeug.“ Warum eigentlich fast nur Männer hier sind? „Wahrscheinlich sind die robuster gegen die Kälte und bringen ihren Freundinnen gleich eins mit.

Mitternacht

Es wird immer voller. Die Schlange ist jetzt bestimmt 60 oder 70 Meter lang, zum Zählen sind es schon zu viele Leute. Ganz verschieden Menschen sind das: Ein Skater mit Ring durch die Lippe und lässigem Outfit, eine Mutter aus einem Frankfurter Vorort mit ihrem 15 Jahre alten Sohn. Die meisten Leute sehen unscheinbar aus, manche erfüllen das Klischee des Nerds. In den kleinen Gruppen wird gefachsimpelt, über technische Neuerungen, schnelle Internetverbindungen und die Möglichkeit, das iPhone zu hacken und mit Programmen zu bespielen, die es eigentlich für das Telefon nicht gibt. Es sind nicht nur Deutsche hier, man hört viel russisch und polnisch. Ein dunkelhaariger Mann, der in der Reihe weit vorne steht, erzählt, dass er extra aus Rumänien angereist sei, um das Gerät hier zu kaufen. In seiner Heimat hätte er noch mehrere Wochen warten müssen, sagt er.

Die meisten Passanten können kaum fassen, was hier los ist. Etliche bleiben stehen, gucken ungläubig, machen Fotos und bleiben für ein kurzes Gespräch. Andere zeigen ganz offen, was sie von diesem Konsumfest halten: Zwei junge Frauen im Kapuzenpulli, die ihr Fahrrad vorbeischieben, geraten mit einem Camper aneinander. „Was ihr hier macht - ihr habt doch kein Leben“, brüllen sie ihn an. „Natürlich haben wir eins, haut ab“, brüllt der Camper zurück. „Die sind doch nur neidisch und haben kein Geld sich das iPhone zu leisten“, sagt der Camper hinterher. „Wenn ich kein Leben hätte, dann hätte ich auch kein Geld und säße nicht hier.“

Ein anderer Passant in olivgrüner Hose und mit lockigem, wallenden Haar stürmt durch die Menge auf den Eingang und das leuchtende Apple-Logo zu. „Das goldene Kalb ist weiß! Das goldenen Kalb ist weiß!“, ruft er und sorgt für Gelächter. Im Weggehen: „Das ist so wie in der DDR, nur, dass es da nichts gab im Laden.“

Eine vorbeieilende Frau dagegen ruft: „Ihr seid Helden“ und meint das ernst.

1 Uhr

Langsam wird es richtig ungemütlich. Gefühlte Temperatur: Sechs bis sieben Grad. Weiter hinten machen ein paar Leute Feuer in einem kleinen Grill, über der Flamme kochen sie Eintopf. Nicht schlecht. Ein anderer hat sich ein mobiles Heizelement mitgebracht, und sich davor in seinem Schlafsack zusammengerollt. Nicht übel.

Für den Verkaufsstart gelten genaue Regeln: Jeder der hier sitzt, darf zwei Geräte kaufen. Wahrscheinlich, um zu verhindern, dass der Graumarkt zu kräftig blüht und dafür zu sorgen, dass nicht zu viele Kunden enttäuscht und ohne Gerät nach Hause gehen. Viele die anstehen, kaufen zwei Smartphones, entweder, weil sie von Bekannten beauftragt wurden oder weil sie bei Ebay mit dem Verkauf ein paar Euro Gewinn machen wollen.

Auch in der Schlange gibt es Regeln, darüber herrscht stilles Einverständnis: 4 bis 5 Leute sitzen maximal nebeneinander. Wer seinen Campingstuhl oder seine Decke für eine Zeit verlässt, behält seinen Platz. Ein bisschen wie am Hotelpool.

2 Uhr

Es tut sich nicht viel. Zwischenfazit: Die Leute können erklären, warum das iPhone ein tolles Produkt ist, dass es sich intuitiv bedienen lässt, ein Statussymbol ist. Warum es aber diesen unvergleichlichen Hype um Apple gibt und sie ein Teil davon sind, warum sich manche verschulden, um es zu kaufen, das kann niemand wirklich erklären. „Ich will´s halt haben“, „Ich bin halt einfach Apple-Fan“, das sind die typischen Antworten. Andere antworten reflektierter: „Ich merke schon, dass das hier verrückt ist, aber ich mache es trotzdem“, sagt einer. Ein anderer: „Die Propaganda hat bei allen hier eben gut gewirkt.“

2.30 Uhr

Mache Plätze neben mir sind leer geworden. Diejenigen haben sich wohl eine Auszeit vom Warten genommen und schlafen zu Hause ein wenig. Dann darf ich das auch.

5 Uhr

Langsam erwacht die Schlange wieder. Und jetzt gibt es Stress. Frühaufsteher strömen herbei und längst nicht alle beherzigen, dass man sich besser hinten anstellen sollte, geschätzt sind jetzt 500 Menschen da. „Haut ab ihr Asozialen“, brüllt einer, der seit dem Abend seinen Platz verteidigt. Er findet es „unvorstellbar ärgerlich“, das er jetzt betrogen wird und ein paar Minuten später drankommen wird.

5.30 Uhr

Am Straßenrand ist ein Müllberg entstanden: Leere Cola-Flaschen, Bierdosen, Fastfood-Verpackungen. Die Camper sehen verdammt müde aus, gleichzeitig sind sie aufmerksam, um sich nicht zurückdrängen zu lassen. Eine Mischung aus Katerstimmung und Vorfreude.

6 Uhr

Weil Sicherheitspersonal vor dem Eingang eine Absperrung aufstellen will, muss die ganze Truppe ein paar Meter nach hinten rücken. Gebrüll, Rangelei, hoffentlich gibt es bei der Ladeneröffnung keine Verletzten.

Ein Mann mit kurz geschorenen Haaren hat seine ganz eigene Sicht auf den Konzern. „Dass jeder ‚nur‘ zwei Geräte kaufen kann ist doch reinste Marketingstrategie“, sagt er. Niemand käme normalerweise auf die Idee zwei Handys zu kaufen, doch durch die Vorgabe würden es jetzt alle für normal halten. Apple bezeichnet er als eine Art „Sekte“, die die Konsumgesellschaft steuere. „Eigentlich hasse ich Apple“, behauptet er. Warum er selbst das neuste Modell kaufen wird? Er will es nicht verraten. Und schließlich: „Ja, wir sind alle Opfer.“ Die Blondine neben ihm sieht das anders: „Apple macht an!“

7 Uhr

Die heiße Phase beginnt, mindestens zwei Dutzend Apple-Mitarbeiter in blauer Einheits-Kluft verteilen Tetrapacks mit Mineralwasser und erklären geduldig, dass das Geschäft um Punkt acht Uhr aufmacht – nicht früher. Und, dass für alle ein Handy da ist. In Frankreich sind die Kollegen übrigens weniger arbeitswütig - ein Teil der Belegschaft streikt pünktlich zum Verkaufsstart.

Wer weit vorne steht, bekommt jetzt eine Karte ausgehändigt, auf dem sein Wunschmodell vermerkt ist, zum Beispeil „16 Gb schwarz“. Mit dieser Berechtigungskarte bekommt man später das ersehnte Objekt.

7.30 Uhr

Es ist hell, man sieht jetzt, wie übernächtigt die Wartenden sind. „Das ist einfach ein Erlebnis, sagt ein Student in der Menschentraube. Allein schon, dass die hier Wasser verteilen ist großartig“.

7.50 Uhr

Die Vorhänge hinter der Glasfassade fallen, Applaus brandet auf. Zu sehen ist ein hell erleuchteter Innenraum, sonst noch nichts. Vor der Tür sammeln sich mehrere TV-Kameras und Reporterteams.

Ungefähr 50 Mitarbeiter bilden hinter der Glastür ein Spalier, jubeln wie im Fußballstadion (einschließlich Laola) und versuchen die Stimmung anzuheizen. Die Reaktion vor der Tür ist mäßig. Die meisten fotografieren das Schauspiel mit ihren alten iPhones, die bis jetzt so wichtig für sie waren, die aber in ein paar Minuten ausrangiert werden.

7.59 Uhr

Die Mitarbeiter starten den Countdown. Endlich öffnet sich die Tür. Okan hat jetzt eine Sonnenbrille auf. Jubelnd marschiert er als Erster durch das Spalier der Mitarbeiter, die ihn abklatschen und ihm auf die Schulter klopfen. Jetzt hat er seine Bühne. Ihm folgen die anderen ausdauernden Camper, jeder einzelne wird von den Mitarbeitern gefeiert, als hätte er gerade eine Fußballmeisterschaft gewonnen.

Zehn Minuten später stolziert Okan mit einem weißen Packet, das er wie eine Trophäe in die Höhe stemmt, aus dem Laden. Die TV-Leute stürzen sich auf ihn. „Klar hat es sich gelohnt zu frieren und zu warten. Jetzt geht’s direkt ab nach Hause“, sagt er. 150 Meter weiter hinten in der Schlange können die Wartenden davon nur träumen – aber auch sie werden heute noch erlöst.

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