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Vereinigte Staaten Wachsende Sorgen über den Export von Arbeitsplätzen

06.02.2005 ·  Die amerikanische Wirtschaft brummt. Trotzdem kann die Regierung dem Druck zum Protektionismus nur mühsam widerstehen, denn im Chinahandel sehen viele Amerikaner eine Gefahr für die heimischen Arbeitsplätze.

Von Claus Tigges, Washington
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Lou Dobbs gibt nicht auf: Auch ein Vierteljahr nach dem Sieg von George Bush in der Präsidentschaftswahl setzt der Fernsehmoderator des Senders CNN unbeirrt seinen Feldzug gegen jene Politiker und Unternehmen fort, die, mutmaßlich angetrieben von einer unersättlichen Gier nach Macht und Profit, die amerikanische Wirtschaft zugrunde richten.

In der Rubrik „Exporting America“ berichtet Dobbs regelmäßig über jene Manager, die durch die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland angeblich dem Niedergang der größten Volkswirtschaft der Erde Vorschub leisten und sich in rücksichtsloser Weise nicht um das Schicksal von Hunderttausenden amerikanischer Familien kümmern, denen durch die billige Konkurrenz mexikanischer, chinesischer oder indischer Arbeitskräfte die Lebensgrundlage entzogen werde.

„Unsere Handelspolitik funktioniert nicht“

Der Verlust von vielen Tausenden von Arbeitsplätzen im Verarbeitenden Gewerbe in den vergangenen Jahren ist nach Dobbs' Einschätzung der eindeutige Beleg dafür, daß „unsere Handelspolitik nicht funktioniert, zumindest nicht im Interesse amerikanischer Arbeitnehmer steht“. Auf der Internetseite des Fernsehjournalisten findet sich denn auch eine lange Liste mit jenen Unternehmen, die nach seinen Erkenntnissen „Amerika exportieren“, indem sie die Produktion ins Ausland verlagern, um die dortigen Bedingungen, einschließlich niedrigerer Löhne, auszunutzen.

Um den „amerikanischen Traum“ zu sichern, sind nach Dobbs' Worten sowohl gesetzliche Vorschriften zur Sicherung von Arbeitsplätzen sowie eine neue Ausrichtung der Handelspolitik unverzichtbar. Die Öffnung des amerikanischen Marktes für ausländische Produkte dürfe nicht zum Abbau von heimischen Arbeitsplätzen führen, argumentiert der Moderator.

„Chinahandel hat 1,5 Millionen Jobs gekostet“

Dobbs, der für seine Kampagne kürzlich sogar mit dem Emmy-Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, ist keineswegs der einzige Kritiker amerikanischer Unternehmen und ihrer Geschäftsstrategien. Denn obwohl die Wirtschaft die Rezession des Jahres 2001 längst hinter sich gelassen hat und nun wieder kraftvoll wächst - im vergangenen Jahr legte das Bruttoinlandsprodukt ersten Berechnungen zufolge um 4,4 Prozent zu, und für dieses Jahr liegen die Prognosen zwischen 3,4 und 4 Prozent -, ist das Thema „Outsourcing“ keineswegs vom Tisch.

Vor einigen Tagen veröffentlichte das gewerkschaftsnahe Economic Policy Institute (EPI) in Washington einen Bericht, wonach die heimische Produktion gegenüber dem Import von Waren und Dienstleistungen immer mehr ins Hintertreffen gerate. „Ein Handelsbilanzdefizit auf Rekordhöhe ist eine schlechte Nachricht für den amerikanischen Arbeitsmarkt“, sagt EPI-Ökonom Robert Scott.

Scott ist sicher, daß insbesondere das wachsende Defizit im Handel mit China - es dürfte von etwas mehr als 100 Milliarden Dollar 2003 im vergangenen Jahr abermals deutlich gestiegen sein - amerikanischen Arbeitnehmern große Nachteile bringt. „Das große Ungleichgewicht im Handel mit China hat Amerika zwischen 1989 und 2003 mindestens 1,5 Millionen Jobs gekostet“, sagt Scott.

Kritik an der amerikanischen Regierung

Betroffen seien sowohl Stellen in der Endfertigung von Produkten als auch in der Zulieferindustrie. „Zunächst haben wir die Dominanz Chinas besonders stark in Sparten wie Bekleidung und Textilien gespürt, wo niedrige Löhne eine große Rolle spielen. Mittlerweile ist auch die High-Tech-Wirtschaft betroffen, insbesondere die Hersteller von Halbleitern“, erklärt Scott. Dem Ökonomen zufolge ist durch den wachsenden Handel mit China in 27 der 50 Bundesstaaten die Zahl der Beschäftigten um mindestens 1 Prozent gesunken, wobei Maine (minus 2,47 Prozent) und Arkansas (minus 1,67 Prozent) am härtesten betroffen seien.

Die Aufnahme Chinas in die Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2001, ermöglicht nicht zuletzt durch die Unterstützung der amerikanischen Regierung, hat die Entwicklung nach Einschätzung Scotts noch erheblich beschleunigt. Ursächlich dafür seien fehlende Vereinbarungen zu Umwelt- und Arbeitsstandards ebenso wie die Weigerung der chinesischen Führung, eine Aufwertung ihrer Währung Yuan zum Dollar zuzulassen. Nach Auffassung amerikanischer Ökonomen ist der Yuan durch seine feste Wechselkursbindung an den Dollar inzwischen um 25 bis 40 Prozent zu niedrig bewertet - zum Vorteil chinesischer Exporteure, aber zum Nachteil der amerikanischen Produzenten.

Die Regierung in Washington hat dem Druck verschiedener Interessengruppen, darunter auch einiger Industrieverbände, China wegen seiner Wechselkursmanipulation bei der WTO zu verklagen, bisher widerstanden. Statt dessen bemühen sich verschiedene Regierungsmitglieder, von Präsident Bush über Finanzminister John Snow bis zu dessen Staatssekretär John Taylor, seit geraumer Zeit darum, auf diplomatischem Weg eine Lösung zu erreichen. China hält nach wie vor an seiner Haltung fest, den Wechselkurs erst dann freizugeben, wenn die notwendigen Vorbereitungen dafür in der chinesischen Wirtschaft abgeschlossen seien.

Vorteile des Chinahandels

Die relative Zurückhaltung Washingtons erklärt sich zum Teil aus der Einsicht, daß der wachsende Handel mit China und dem Rest der Welt für die amerikanische Wirtschaft unter dem Strich von großem Vorteil ist. Amerikanische Verbraucher profitieren vom Import chinesischer Waren in Form niedrigerer Preise und eines größeren Angebots; und amerikanische Unternehmen, die in China produzieren, sei es um den dortigen oder den heimischen Markt zu bedienen, nutzen sich bietende Wettbewerbsvorteile zur Freude ihrer Anteilseigner.

Zudem besteht über die Zahl der Arbeitsplätze, die durch den internationalen Handel gefährdet sind, erhebliche Ungewißheit. Finanzminister Snow zog sich im Präsidentschaftswahlkampf den Zorn der Arbeitnehmervertreter zu, als er auf einer Veranstaltung den Verlust von Arbeitsplätzen in Amerika als „Mythos“ bezeichnete. Später wies er darauf hin, daß der grenzüberschreitende Handel mit Waren und Dienstleistungen es amerikanischen Unternehmen ermögliche, neue Märkte zu erschließen und auf diese Weise Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten zu schaffen oder zu sichern.

Unterstützung von der Handelskammer

In jedem Fall läßt sich den verschiedenen Schätzungen ein Teil ihrer Dramatik nehmen, wenn man bedenkt, daß in einer so dynamischen Volkswirtschaft wie der amerikanischen jedes Jahr rund 15 Millionen Arbeitsplätze verlorengehen. Im Saldo aus Arbeitsplatzvernichtung und der Schaffung neuer Stellen ergibt sich freilich seit vielen Monaten wieder ein Plus.

Unterstützung erhält die Regierung unter anderem von der amerikanischen Handelskammer, der Chamber of Commerce: „Eine schlechte Geschäftslage, Verunsicherung in den Unternehmen und erhebliche Produktivitätsgewinne sind die Ursache für den Abbau von Arbeitsplätzen und die anschließende, anfangs geringe Dynamik im Stellenzuwachs gewesen - nicht die Abwanderung von Arbeitsplätzen“, heißt es aus der Kammer.

Im Jahr 2010 werde es nicht zu viele, sondern zu wenige Erwerbsfähige in Amerika geben. „Die Antwort darauf muß in Form von Aus- und Weiterbildung, aber auch durch eine fortgesetzte Einwanderung gegeben werden“, fordert der Wirtschaftsverband. Zur Schaffung neuer Arbeitsplätze sei es unverzichtbar, daß Amerika sich der Weltwirtschaft nicht verschließe.

Sorge um die Handelsbilanz

Die Gelassenheit der amerikanischen Regierung im Zusammenhang mit der möglichen Bedrohung von heimischen Arbeitsplätzen darf gleichwohl nicht darüber hinwegtäuschen, daß dort die Beunruhigung wächst angesichts des hohen und weiter wachsenden Defizits in der amerikanischen Leistungsbilanz. Der Chairman der Notenbank Federal Reserve (Fed), Alan Greenspan, warnte im späten Herbst davor, daß der Zeitpunkt kommen könnte, an dem ausländische Investoren das Vertrauen in die Kraft der amerikanischen Wirtschaft verlören und nicht länger bereit seien, Unmengen Kapitals in den Vereinigten Staaten zu investieren.

Dieses Geld stünde den amerikanischen Verbrauchern dann auch nicht mehr zum Kauf wachsender Mengen importierter Waren und Dienstleistungen zur Verfügung. Als Maßnahme zur Stärkung des Vertrauens empfiehlt Greenspan einen strikten Sparkurs der Regierung, um den Kapitalbedarf zu verringern und wieder mehr Geld in produktive Verwendungen zu lenken.

Präsident Bush wird an diesem Montag seinen Etatentwurf für das nächste Haushaltsjahr vorlegen, das am 1. Oktober beginnt. Zahlreichen Einzeletats, so hat es das Weiße Haus bereits wissen lassen, stehen Kürzungen bevor. Auf diese Weise und im Vertrauen auf ein kraftvolles Wachstum will Bush sein Ziel erreichen, das Haushaltsdefizit bis zum Jahr 2009 zu halbieren. Für das laufende Jahr peilt die Regierung freilich ein Rekorddefizit von 427 Milliarden Dollar an.

Land und Leute

Knapp 295 Millionen Menschen leben in den 50 Bundesstaaten der Vereinigten Staaten. Nach wie vor ist das Land der Einwanderer ein wahrer Schmelztiegel der Kulturen. Die Verschiebungen in der Zusammensetzung der Bevölkerung sind gleichwohl unverkennbar: Der Anteil der Weißen sank in den vergangenen 30 Jahren von rund 83 auf 69 Prozent. In den Tabellen des Amtes für Bevölkerungsstatistik sind im Jahr 2002 zum ersten Mal die Einwanderer aus lateinamerikanischen Ländern, die sogenannten Hispanics, als größte Minderheit ausgewiesen. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt inzwischen 13,5 Prozent, etwas mehr als der der Schwarzen, der bei 13 Prozent liegt. Schätzungen der Regierung zufolge leben bis zu 10 Millionen vorwiegend hispanische Einwanderer illegal im Land. Der großen Zahl der Amerikaner gemein ist ihre große Skepsis gegenüber dem Staat. Rufe nach staatlicher Hilfe sind selten zu vernehmen, das Schicksal wird zumeist in die eigene Hand genommen. Daraus erklärt sich zum Beispiel der geringe Einfluß der Gewerkschaften. Viele Amerikaner halten sich für Manns genug, selbst über ihren Lohn zu verhandeln. Ernste Klagen darüber, daß sich die Einkommensschere zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahren weiter aufgetan hat, gibt es kaum.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2005, Nr. 31 / Seite 12
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