02.12.2006 · Almond Adams kommt es kein bißchen seltsam vor, mitten auf dem Times Square in New York mit Toilettenpapier zu wedeln. Procter & Gamble sorgt in New York mit einem spektakulären Marketing-Gag für Aufsehen und macht auf einen Notstand aufmerksam.
Von Roland LindnerAlmond Adams kommt es kein bißchen seltsam vor, mitten auf dem Times Square in New York mit Toilettenpapier zu wedeln. In beiden Händen hält er einen längeren Streifen und fuchtelt damit in der Luft herum, während er ein Liedchen singt und von links nach rechts und wieder zurück tänzelt. Er ist schon seit acht Uhr morgens im Einsatz, und auch jetzt am frühen Nachmittag hüpft er noch munter umher und spricht von den "vielen glücklichen Gesichtern", für die seine Aktion sorgt.
Adams ist ein Glücklichmacher, weil er den Menschen in New York etwas gibt, das sie nicht haben: öffentliche und kostenlose Toiletten. Die Weltstadt ist für einen Mangel an eben solchen Einrichtungen berüchtigt. Die Gratisklos sind der wahrscheinlich auffälligste Marketing-Gag, den New York seit einiger Zeit gesehen hat und der auch im mit Werbung nur so zugepflasterten Times Square sofort ins Auge sticht. Hinter der Aktion steht der amerikanische Konsumgüterkonzern Procter & Gamble mit seiner Toilettenpapiermarke Charmin. Almond Adams ist Teil des Animationsteams von Charmin, er soll die vorbeiströmenden Passanten dazu bringen, hereinzukommen und den Toiletten einen Besuch abzustatten.
Geschäfte an der „Kreuzung der Welt“
Der Times Square nennt sich "Crossroads of the World" - "Kreuzung der Welt". Hier treffen die Prachtstraßen Broadway und Seventh Avenue aufeinander. Der Platz ist außerdem wohl das bunteste Reklamemeer der Welt. Die Broadway-Theater werben mit riesigen Plakaten für ihre Shows, und bekannte Konsummarken installieren aufwendige Leuchtreklamen. Coca-Cola hat vor zwei Jahren 6,5 Millionen Dollar in sein neues Glitzerschild auf der Nordseite des Times Square investiert. Die prominentesten Werbeflächen auf dem Platz sind auf Jahre hinaus ausgebucht, und die Mieten liegen zum Teil bei mehreren hunderttausend Dollar im Monat.
Charmin hat sein Lager auf der Ostseite des Broadway aufgeschlagen, in dem Gebäude, das bis heute den Namen "Bertelsmann Building" trägt, allerdings seit ein paar Jahren nicht mehr dem deutschen Medienkonzern gehört. Auf zwei riesigen Plakaten an der Fassade sind die Maskottchen der Marke, die Charmin-Bären, zu sehen. Darunter weisen ein großer Pfeil und das Wort "Restrooms" auf die Toiletten hin. Julia A. aus Wien, die mit ihrer Mutter zum Weihnachts-Shopping nach New York gekommen ist, erzählt, wie sie erst mal mit europäischer Skepsis vor den Schildern stand: "Ich war sicher, das kostet was."
Nichts Schäbiges, sondern purer Luxus
Im Inneren des Gebäudes findet man alles andere als schäbige Mobilklos, sondern den puren Luxus. Vorbei an einem flackernden künstlichen Kamin, erreicht man eine Rampe mit zwanzig hufeisenförmig angeordneten Türen. Dahinter verbergen sich aufwendig gestaltete Toiletten, alle mit eigenem Waschbecken, Holzvertäfelungen an den Wänden und selbstverständlich einem riesigem Vorrat an Charmin-Toilettenpapier. Manche Kabinen haben ein eigenes Motto. Im "Wall Street"- Klo hängt zum Beispiel ein elektronischer Aktienticker an der Wand (über den freilich keine Aktienkurse laufen, sondern der Charmin-Werbeslogan). Nach jedem einzelnen Benutzer kommt ein Mitarbeiter, um die Kabine wieder sauberzumachen.
Da in Amerika auch beim Toilettengang nichts ohne Entertainment geht, hat Charmin neben den Klos einen Lounge-Bereich eingerichtet. Dort stehen Sessel für die Besucher, und auf einer Bühne führt Erica Blaise den gleichen "Tanz mit Klopapier" auf wie ihr Kollege draußen vor der Tür. Die junge Frau erzählt stolz, daß sie Extraschichten schieben darf, weil sie so viele Leute zum Mittanzen animieren kann. Sie macht das etwas ruppig, aber erfolgreich: "Hey, komm, tanz mit mir. Oder bist du dir zu fein dafür?" raunzt sie einen Teenager an, der brav zu ihr auf die Tanzfläche steigt. Man kommt sich in dieser Charmin-Welt am Times Square vor wie in einem Disneyland rund um das Thema Toilette.
Früher hab ich es mir verkniffen
Für Dora Castro ist die Aktion von Charmin ein Segen. "Ich war schon viermal hier", erzählt die 17 Jahre alte Schülerin aus Manhattan. Was hat sie bislang gemacht, wenn die Natur rief? "Ich hab's mir verkniffen." Viele andere New Yorker haben mangels öffentlicher Einrichtungen eine Art imaginären Klo-Stadtplan mit den besten Anlaufstationen für den Notfall im Kopf. Zu den beliebtesten Orten gehören die Filialen der Kaffeehauskette Starbucks und des Buchhändlers Barnes & Noble, die kostenlose Kundentoiletten haben. Entsprechend lang sind hier aber die Schlangen. Die Entschärfung der angespannten Versorgungslage durch die Charmin-Toiletten ist nur kurzfristig, denn die Kampagne läuft nur bis zum 31. Dezember.
Procter & Gamble läßt sich den Werbe-Gag einiges kosten, wenngleich keine konkreten Summen genannt werden. Die Klos am Times Square seien aber der zweitgrößte Einzelposten im Marketing-Budget von Charmin in diesem Jahr hinter traditioneller Werbung, sagt Tim Collins von der mit der Aktion beauftragten Event-Agentur Gigunda. Charmin gehört zu den wichtigsten Produkten aus der Palette von Procter & Gamble und ist eine von 22 Konzernmarken mit einem Jahresumsatz von mindestens einer Milliarde Dollar. Der tatsächliche Wert liegt nach Angaben einer Sprecherin "näher an der Zwei als an der Eins". In Amerika sei Charmin mit einem Marktanteil zwischen 25 und 30 Prozent die populärste Toilettenpapiermarke. Procter & Gamble hat Charmin im Jahr 2002 auch in Deutschland auf den Markt gebracht.
Linderung des Notstands in Sicht
In New York zeichnet sich derweil auch unabhängig von der Charmin-Aktion eine Linderung des Notstands ab. Bürgermeister Michael Bloomberg hat öffentliche Toiletten schon vor einigen Jahren zu einer Top-Priorität erklärt, und 2005 hat die Stadt New York tatsächlich einen Vertrag über die Installation von zwanzig Kabinen geschlossen. Wo die Häuschen stehen sollen, ist noch nicht bekannt. Sie werden aber wohl nicht ganz umsonst sein, es ist von einer Nutzungsgebühr von 25 Cent die Rede. Die Toiletten sollen im Laufe des kommenden Jahres aufgestellt werden. Bis dahin heißt es weiter: "Zu Starbucks gehen."
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