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Vereinigte Staaten Ein amerikanischer Traum in Gelb

22.11.2004 ·  Nirgendwo sind Taxis ein so prominenter Teil des Stadtbildes wie in New York. Ganze Kolonnen kämpfen sich durch die Straßen der Stadt. Taxilizenzen sind schwindelerregend teuer. Vor allem Einwanderer greifen zu.

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Nirgendwo auf der Welt sind Taxis ein so prominenter Teil des Stadtbildes wie in New York. Ganze Kolonnen der berühmten gelben Ford Crown Victoria kämpfen sich jeden Tag durch die chronisch verstopften Straßen der Stadt.

Die dichtbesiedelte und jeden Tag von Millionen von Pendlern und Touristen heimgesuchte Hauptinsel Manhattan ist ein umkämpfter und umsatzstarker Standort - zumal viele New Yorker kein Auto haben.

Ein hartes und wenig einträgliches Geschäft

Die Menschen in der Stadt verbindet eine Haßliebe zu ihren Taxifahrern: Die Taxis sind eine liebgewonnene Institution, andererseits treiben die "Cabbies" die New Yorker mit ihrer halsbrecherischen Fahrweise, ständigem Hupen und häufig miserablen Englischkenntnissen regelmäßig zur Verzweiflung.

Das Taxifahren an sich ist ein hartes und wenig einträgliches Geschäft. Das gilt jedenfalls dann, wenn man zu der Mehrheit der Fahrer gehört, die keine eigene Taxilizenz besitzen, sondern die Autos für ihre Schichten mieten. An sehr guten Tagen bleiben Taxifahrern nach Abzug aller Kosten (rund 100 Dollar für die Miete, auch Benzin zahlen die Fahrer selbst) nach einer Schicht 150 Dollar übrig. An sehr schlechten Tagen holen die Fahrer nicht einmal ihre Kosten herein.

Die Taxilizenz für über 300.000 Dollar als attraktive Anlageform

Ganz anders stellt sich die Lage dar, wenn man im Besitz einer eigenen Taxilizenz ist. Die sogenannten Medallions - Aluminiumschilder, die auf den Motorhauben befestigt sind - können sich nämlich zu einer wahren Goldgrube entwickeln. Versteigerungen in diesem Jahr haben bewiesen, daß Taxilizenzen zu den attraktivsten Anlageformen überhaupt gehören.

Auf Initiative von Bürgermeister Michael Bloomberg hat New York in diesem Jahr mit der Auktion von insgesamt 900 neuen Medallions begonnen, die schrittweise über drei Jahre hinweg ausgegeben werden sollen. Die Ergebnisse waren schwindelerregend: In einer ersten Auktion im April um insgesamt 126 Lizenzen lag das höchste Gebot für eine Lizenz bei 311.000 Dollar, und auch das niedrigste Gebot, das noch zum Zuge kam, betrug noch stattliche 283.000 Dollar. Diese Ergebnisse waren in der zweiten Auktion im Oktober um weitere 116 Lizenzen schon wieder Makulatur: Diesmal lag schon die Untergrenze bei 332.000 Dollar. Das höchste Angebot - abgegeben von einem im Stadtteil Queens lebenden Einwanderer aus Bangladesh - betrug 360.000 Dollar

Die Lizenz als Start in den amerikanischen Traum

Bis zum Jahr 1937 hat New York die Lizenzen noch für 10 Dollar verkauft. Angesichts der zunehmend überfüllten Straßen stoppte die Stadt aber die Ausgabe weiterer Scheine, und danach konnte man die Rechte nur von Lizenzinhabern erwerben. Schon im Jahr 1947 kostete eine Lizenz 2.500 Dollar, Mitte der siebziger Jahre wurden 40.000 Dollar bezahlt, zehn Jahre später 100.000 Dollar. Erst 1996 wurden zum ersten Mal seit 1937 wieder 400 neue Lizenzen ausgegeben, danach war bis zur aktuellen Auktion wieder Pause. Das über die Jahrzehnte hinweg unverändert knappe Angebot an Lizenzen hat maßgeblich dazu beigetragen, daß die Marktpreise explodiert sind. Ende dieses Jahres soll es insgesamt 12.787 Lizenzen in der Stadt geben.

Daß der höchste Bieter der jüngsten Auktion aus Bangladesh kommt, ist kein Zufall: Taxilizenzen werden von Einwanderern, die bislang Taxis gemietet haben, zunehmend als Möglichkeit gesehen, sich den amerikanischen Traum zu erfüllen und eine eigene Existenz aufzubauen. Liest man sich die Liste der Auktionsgewinner durch, findet man kaum einen englisch klingenden Namen.

85 Prozent von New Yorks Taxifahrern sind im Ausland geboren

Eine in diesem Jahr veröffentlichte Untersuchung des Verkehrsberaters Bruce Schaller hat ergeben, daß 84 Prozent der New Yorker Taxifahrer im Ausland geboren sind - im Vergleich zu 64 Prozent im Jahr 1990 und 38 Prozent im Jahr 1980. In Washington liegt der Ausländeranteil bei 62 Prozent, in San Francisco sind es 57 Prozent. Die stärkste Nation unter den New Yorker Taxifahrern ist die Dominikanische Republik (14 Prozent aller Fahrer), gefolgt von den fernöstlichen Ländern Pakistan (8), Indien (6) und Bangladesh (8).

Der 360.000-Dollar-Bieter Mohammed Shah hat eine Hypothek auf sein Haus aufgenommen, um seine Lizenz zu finanzieren. Der Vater von drei Kindern, der seit acht Jahren Taxi fährt, hatte bei der vorigen Auktion 400 Dollar zuwenig geboten und wollte diesmal unbedingt zum Zuge kommen.

Um die Finanzierung von Taxilizenzen herum hat sich ein ganzer Berufszweig gebildet. Sogenannte Taxi Broker helfen den Bewerbern, Finanzquellen aufzutreiben. Es gibt in New York sogar ein börsennotiertes Unternehmen mit dem Namen Medallion Financial Corporation, das sich auf Finanzierungen von Lizenzen spezialisiert hat. Offenbar floriert das Geschäft: Medallion meldete gerade, daß der Wert des Kreditportfolios für Taxilizenzen im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 26 Prozent auf 348 Millionen Dollar angestiegen ist, der Gewinn hat sich auf 1,84 Millionen Dollar fast verdreifacht. Der Aktienkurs der Gesellschaft mit dem Börsenkürzel "TAXI" ist in den vergangenen drei Monaten um fast 20 Prozent gestiegen und hat sich damit deutlich besser entwickelt als der Gesamtmarkt.

Selbstfahrer mit 70-Stunden-Woche

Das deutsche Taxigewerbe ist mit dem amerikanischen nicht vergleichbar, meint der Taxiverband Deutschland. Denn Nordamerika sei geprägt von Konzernen mit einigen tausend Taxen, deren Fahrer Subunternehmer seien. In Deutschland hingegen sei der Normalfall der "selbstfahrende Unternehmer". Rund 75 Prozent der Taxiunternehmen haben demnach nur ein Auto, 15 Prozent betreiben zwei Fahrzeuge und lediglich 10 Prozent mehr als zwei.

Taxifahrer werden ist relativ leicht: Man muß mindestens 21 Jahre alt sein und seit zwei Jahren den Führerschein haben, darf nicht vorbestraft sein, muß eine Gesundheits- und eine Ortskundeprüfung bestehen. Das Ganze kostet etwa 200 Euro. Eine Konzession für den Betrieb eines Taxis zu erstehen ist schon etwas aufwendiger: In der Regel werden die Konzessionen übertragen, das heißt, ein aufgebender oder in Rente gehender Inhaber verkauft seine Konzession an einen Interessenten.

Den Wert der Konzession bestimmt das mitverkaufte Taxi und der Ort, an dem die Konzession gültig ist. Meist werden die Konzessionen von der örtlichen Genehmigungsbehörde limitiert und haben somit einen eigenen Wert. In Hamburg oder Berlin ist das anders, da macht nur der Wert des Taxis den Konzessionswert aus, denn die beiden Städte kennen keine Obergrenze für die Zahl der Fahrzeuge.

Insgesamt fahren in Deutschland rund 53.000 Taxen. Reich werden kann man damit derzeit offenbar nicht. Der Taxiverband bezeichnet die Ertragslage in der Branche als "sehr schlecht". Die steigenden Fahrzeug- und Kraftstoffpreise könnten schon seit Jahren nicht mehr voll an die ohnehin geringer werdende Kundschaft weitergegeben werden. Die Umsätze gingen stetig zurück. Und die Arbeitszeiten seien auch hart. Ein selbstfahrender Unternehmer müsse an sieben Tagen in der Woche einsatzbereit sein und komme auf eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 70 bis 80 Stunden. (hap.)

Quelle: lid., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2004, Nr. 273 / Seite 13
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