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Freizeit : Die große Lust der Deutschen am Vereinsleben

Viele Freiwillige Feuerwehren haben Nachwuchssorgen. Bild: dpa

Jeder Zweite betätigt sich ehrenamtlich, ob im Sportklub, in der Feuerwehr oder für die internationale Solidarität. Doch zwischen dem Land und den Städten gibt es große Unterschiede.

          Gewerkschaften verlieren an Attraktivität und Mitglieder, die politischen Parteien können Parteigänger immer seltener auf Dauer binden, auch die Kirchenmitgliedschaft reicht nicht mehr selbstverständlich von der Taufe bis zum Tod. Die seit den neunziger Jahren beobachtete Entwicklung ist längst zum gesellschaftlichen Megatrend geworden. Doch die Krise der Großorganisationen ist nicht gleichzusetzen mit einem Rückzug ins Private. Vereine, Initiativen, Bewegungen haben mehr Zulauf denn je. Die Zivilgesellschaft ist quicklebendig – und lehnt eine staatliche Bezahlung ab.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Den Schluss zieht eine unveröffentlichte Untersuchung des Stifterverbands, der Bertelsmann und der Fritz Thyssen Stiftung, die der F.A.Z vorliegt. „Ziviz“ bestätigt Feststellungen des „Engagementberichts“ der Regierung, den der Bundestag diesen Freitag beraten will. Eine Stunde Zeit will sich das Parlament nehmen, um die Deutschen für ihr Engagement in Vereinen und Initiativen zu loben. Worauf sonst soll die Debatte kurz vor dem Ende der Wahlperiode hinauslaufen?

          Die zentrale Aussage des Berichtes, die Bereitschaft der Deutschen zum freiwilligen Engagement nehme zu, bekräftigen auch die „Ziviz“-Autoren. Allen alten Thesen vom Vereinssterben zum Trotz wachse die Zivilgesellschaft. Unabhängigkeit, auch finanziell, ist zivilgesellschaftlichen Organisationen wichtig. Zwei Drittel der 6300 befragten Organisationen hielten es für wichtig, dass nicht der Staat, sondern sie selbst diese Arbeit leisten und bezahlen. Der Rest wünschte sich mehr staatliche Unterstützung bei der Finanzierung der Aktivitäten und nur ganz wenige die Bezahlung ihrer Arbeit.

          Anteil der Ehrenamtler sinkt leicht

          Bürgerschaftliches Engagement sei also weiterhin die tragende Säule gemeinnütziger Organisationen. Nach wie vor arbeite der überwiegende Teil mit 72 Prozent ohne bezahlte Beschäftigte, also auf rein ehrenamtlicher Basis, auch wenn der Anteil seit 2012 leicht gesunken sei. Über Rückgänge bei den freiwillig Engagierten hätten insbesondere Sport- und Freizeitvereine geklagt. Damit setzt sich ein Trend fort, der sich bereits 2012 zur ersten Studie abgezeichnet hatte. Zuläufe verzeichneten dagegen jene Gruppen, die sich der „internationalen Solidarität“, Bürger- oder Verbraucherinteressen verschrieben.

          Derzeit gibt es laut der Untersuchung mehr gemeinnützige Organisationen als vor fünf Jahren. Im vergangenen Jahr habe die Zahl eingetragener Vereine erstmals die Schwelle von 600.000 überschritten. Das sind knapp 200.000 Vereine mehr als Mitte der neunziger Jahre, allerdings hat sich das Wachstum zuletzt stark abgeflacht. Gleichwohl: Jedes Jahr werden immer mehr neue Vereine eingetragen als alte aus dem Vereinsregister gelöscht. Nur ein kleiner Teil der Vereine berichtet demnach von sinkenden Mitgliederzahlen. Jeder Dritte meldet steigendes Publikumsinteresse.

          Das Ergebnis liest sich so: „Fast jeder zweite Bundesbürger ist Mitglied in einem Verein.“ Vereine und Verbände blieben „der wichtigste Ort bürgerschaftlichen Engagements“, schreiben die Autoren. Klassische Vereine seien zwar immer noch mit rund 95 Prozent die dominante Rechtsform. Doch auch Stiftungen und andere Organisationsformen wie Genossenschaften oder gemeinnützige GmbHs lägen im Trend der Zeit. Nach Bundesländern sortiert gibt es die meisten Vereine in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Interessanter aber ist die Frage nach der Vereinsdichte. Die ist mit mehr als zehn Vereinen je 1000 Bewohner im Saarland am größten. Danach kommen Rheinland-Pfalz, Thüringen und Sachsen-Anhalt.

          Vereine fordern weniger Bürokratie

          Die meisten Vereine pflegen erwartungsgemäß Sport als Satzungsauftrag. Ihre Quote liegt bei 22 Prozent. Ähnlich hoch ist die Quote jener Vereine, die sich der Förderung verschrieben haben, wobei sich die gegenüber anderen Zwecken nicht immer klar abgrenzen lässt. Das können kulturelle, musische, schulische Ziele sein oder der Schutz von Brauchtum, Gesundheit und Natur. Fördervereine sind nicht immer Geldsammelstellen: 15 Prozent gaben an, ihre Anliegen nie mit Geld zu fördern, 22 nur selten.

          „Bildung und Erziehung“ nennen 18 Prozent als Zielvorgabe – dahinter verbergen sich Betreiber von Kitas, Horten, der Erwachsenen- und außerschulischen Bildung. Zwölf Prozent der Organisationen kümmern sich um die Arbeitsmarktintegration, acht Prozent widmen sich vor allem „Freizeit und Geselligkeit“.

          Wie vielfältig das Vereinswesen ist, zeigt die Gegenüberstellung von freiwilligen Feuerwehren und Vereinigungen, die sich die Förderung des „fairen Handels“ auf ihre Fahne geschrieben haben. Beide machen drei Prozent der Vereine aus, wobei letztere wachsen und die Feuerwehren mit erheblichen Problemen kämpfen, ihre notwendige Sollstärke zu halten.

          Überhaupt machen die Autoren ein Land-Stadt-Gefälle aus. Das traditionelle Vereinswesen mit vielen Sport-, Freizeit- und Geselligkeitsvereinen sei vor allem auf dem Land ausgeprägt. In Städten seien dagegen mehr Stiftungen und gemeinnützige Kapitalgesellschaften zu finden. Wenn der Staat das Ehrenamt weiter unterstützen wolle, werde er darauf mehr Rücksicht nehmen müssen. Vor allem aber wünschten sich die Ehrenamtlichen mehr kompetente Ansprechpartner in der Kommunalverwaltung, weniger Bürokratie und einen besseren Zugang zu öffentlichen Gebäuden oder Sportanlagen.

          Quelle: F.A.Z.

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