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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Verbraucherschutz Schwefeldämpfe aus der Gipsplatte

 ·  Tausende amerikanische Hausbesitzer erleben einen Albtraum: Eingebaute Gipsplatten aus China setzen Schwefeldämpfe frei. Eigentümer klagen über Kopfschmerzen und andere Beschwerden. Einer der Hersteller kommt aus der deutschen Knauf-Gruppe. Es zeichnet sich ein gigantischer Produkthaftungsfall ab.

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Erst glaubten Pat und Dave Stanley, dass ihr Haus verhext sein muss. Kaum war das Ehepaar in das neue Heim in Vero Beach an der Küste von Florida eingezogen, passierten mysteriöse Dinge. So fingen die Lampen an, verrückt zu spielen. Das Licht schwächte sich auf einmal ab, und ein paar Sekunden später wurde es wieder heller. Dave meinte zunächst, er hätte einen einzelnen defekten Dimmschalter installiert, aber nach und nach musste er acht Schalter auswechseln. Auch seine elektrische Eisenbahn wurde störrisch. Inmitten der Fahrt bremste sie ab und beschleunigte dann wieder von selbst. Nicht nur die kapriziöse Elektrik brachte das 58 und 62 Jahre alte Rentnerpaar ins Grübeln, ob mit dem Haus etwas nicht stimmen könnte. Sie registrierten einen üblen Geruch. Pat bekam häufig Kopfschmerzen, Dave spürte Reizungen in seinen Augen. Ihren asthmakranken zweijährigen Enkel lassen sie nicht mehr ins Haus. Denn der bekam bei seinen Besuchen schlimmere Atembeschwerden als sonst und hing ständig am Inhalator.

Die Stanleys sind kein Einzelfall: Tausende von amerikanischen Hausbesitzern erzählen ähnliche Geschichten: von Korrosion bei elektrischen Leitungen, von faulem Geruch und von gesundheitlichen Beschwerden. Allen Betroffenen ist eines gemeinsam: Sie haben in ihren Häusern Gipskartonplatten installiert, die aus China importiert worden sind. Die kuriosen Vorkommnisse werden mit Schwefelwasserstoffdämpfen in Verbindung gebracht, die aus den Platten entweichen. Es ist der jüngste in einer Serie von Fällen, in denen Produkte aus China ins Zwielicht geraten, nach Skandalen um verseuchtes Milchpulver oder Bleifarbe in Kinderspielzeug.

Franken, China, Amerika - und zurück?

Diesmal gibt es auch einen Bezug zu Deutschland: Denn einer der wichtigsten Hersteller der fraglichen Trockenbauplatten ist eine chinesische Gesellschaft aus der fränkischen Unternehmensgruppe Knauf, ein führender Baustoffhersteller mit einem Jahresumsatz von 5,6 Milliarden Euro. Knauf sieht sich nun in Amerika einer Klagewelle gegenüber, die sich zu einem gigantischen Produkthaftungsfall auswachsen könnte. Vor wenigen Tagen wurde eine Sammelklage gegen Knauf und andere Unternehmen eingereicht, der sich mehr als 2000 Hausbesitzer angeschlossen haben. Die Zahl der Betroffenen könnte aber noch viel höher sein. Die Unternehmensberatung Towers Perrin schätzt, dass die Reparatur von Häusern mit schadhaften Gipsplatten 8 Milliarden Dollar kosten wird. Die Verbraucherschutzbehörde CPSC ist derart alarmiert, dass sie für ihre Ermittlungen das höchste Budget seit ihrer Gründung bereitgestellt hat. Dabei ist bislang alles andere als eindeutig, welchen Schaden die Platten genau anrichten. Zwar ergab sich in Studien ein Zusammenhang mit der Korrosion, aber es konnte bislang nicht nachgewiesen werden, dass die Platten Krankmacher sind.

Die meisten Häuser, in denen die Platten eingebaut wurden, sind erst 2006 und 2007 entstanden, der größte Teil in den südlichen Bundesstaaten Florida und Louisiana. Beide Regionen erlebten damals einen Bauboom als Folge von katastrophalen Wirbelstürmen, wie etwa dem Hurrikan Katrina im Jahr 2005. Zudem war der amerikanische Häusermarkt damals noch im Aufschwung. Trockenbauplatten aus heimischer Produktion wurden knapp, Importware aus China wurde geholt. Rund 20 Prozent dieser Platten stammten von Knauf Plasterboard Tianjin, der chinesischen Gesellschaft aus der Knauf-Gruppe.

Erste Beschwerden Ende 2008

Ende 2008 gingen bei der Verbraucherschutzbehörde CPSC erstmals Beschwerden von Hausbesitzern ein. Die Behörde leitete Untersuchungen ein, und die chinesischen Gipsplatten gerieten zunehmend in die öffentliche Diskussion. Immer mehr Eigentümern dämmerte jetzt, dass hier der Grund für die seltsamen Defekte liegen könnte, die sie in ihren Häusern erlebten. Shawn Miller hat dem Spuk in seinem Haus eine Zeitlang zugesehen - bis seine Verlobte Rehannon ständig Nasenbluten bekam. Der 28 Jahre alte Versicherungsvertreter hatte sich sein erstes Eigenheim in Port St. Lucie südlich von Vero Beach anders vorgestellt: Für ihn und Rehannon sollte es ein Traumhaus werden, sie hatten es zusammen entworfen und zwei Jahre daran gebaut. Die Freude nach der Fertigstellung Mitte 2007 währte nicht lange: Rehannon bemerkte, dass sich ihr Silberschmuck schwarz verfärbte, auf anderen Metallgegenständen wie dem Kosmetikspiegel im Bad tauchten haufenweise rostartige Flecken auf. Die Kupferrohre der zentralen Klimaanlage wurden komplett tiefschwarz. Rehannon fing an, über Reizungen im Auge und ein brennendes Gefühl im Hals zu klagen, Shawn spürte bald ähnliche Symptome. Vollends alarmiert war er, als seine Verlobte jeden Morgen beim Putzen ihrer Nase Blut im Taschentuch hatte. Ihr Arzt hatte keine Erklärung dafür, nur den Ratschlag, das Haus zu verlassen. Das Paar verbringt seither die meiste Zeit bei Shawns Eltern. "Wenn wir dort sind, sind alle Beschwerden wie weggeblasen."

Im November veröffentlichte die Verbraucherschutzbehörde CPSC Ergebnisse ihrer Studien. Sie hatte 41 Häuser untersucht, deren Besitzer über Defekte und Beschwerden aufgrund der Bauplatten klagten, und dies mit zehn Häusern ohne Beeinträchtigungen verglichen. Die Organisation stellte in den beanstandeten Häusern eine erhöhte Konzentration von Schwefelwasserstoffgas fest, und sie folgerte, dass diese Substanz die Hauptursache für die Korrosion von Kupfer und Silber ist. Der Prozess wird durch andere Faktoren wie Hitze oder hohe Luftfeuchtigkeit begünstigt, was Regionen wie Florida anfällig macht. Woher das Schwefelwasserstoffgas kommt, wurde offengelassen, die Behörde verwies aber auf frühere Untersuchungen, in denen ein hoher Anteil von elementarem Schwefel in den Gipsplatten entdeckt wurde.

Schwefelwasserstoff auf niedrigem Niveau

Keinerlei Belege fand die Behörde bislang dafür, dass die Platten Krankmacher sein könnten. Die Konzentration von Schwefelwasserstoff bewege sich noch immer unter einem für die Gesundheit schädlichen Niveau, hieß es. Die Behörde wies aber auf die Möglichkeit hin, dass eine Wechselwirkung mit anderen Substanzen zu Beschwerden führen könnte. Weitere Studien sollen Aufschluss über etwaige Gefahren bringen. In der Zwischenzeit hat die Behörde eine wenig tröstliche Empfehlung für Hausbesitzer mit den fraglichen Gipswänden: "Verbringen Sie so viel Zeit wie möglich draußen an der frischen Luft."

Knauf selbst sieht sich von den Ergebnissen der CPSC in seiner eigenen Position bestätigt, dass von den Platten keine Gefahr für die Gesundheit ausgeht. "Wer sagt, die Produkte machen ihn krank, behauptet etwas Falsches oder bildet es sich ein", sagt Geschäftsleitungsmitglied Jörg Schanow. Knauf habe eine Reihe medizinischer Gutachten in Auftrag gegeben und bescheinigt bekommen, dass die gemessenen Werte von Schwefel und anderen Chemikalien in den Häusern mit chinesischen Gipsplatten völlig unbedenklich seien.

Arnold Levin von der Kanzlei Levin, Fishbein, Sedran & Berman aus Philadelphia, der als führender Klägeranwalt die Hausbesitzer vertritt, widerspricht. Er zeigt sich überzeugt, dass es eine Verbindung zwischen den Gipsplatten und den Symptomen gibt. "Wie kann man auch sonst erklären, dass es den Leuten besser geht, wenn sie ihre Häuser verlassen?"

Für Elena Holmes ist es keine Option, auszuziehen. Die 61 Jahre alte Immobilienmaklerin sagt, sie wüsste nicht, wo sie Unterschlupf finden sollte, und eine Mietwohnung sei angesichts ihrer Monatsrate von 2175 Dollar für die Hypothek nicht drin. Holmes hatte sich für ihr Haus eigentlich ein kleines Paradies ausgesucht: Es steht auf der idyllischen Insel Pine Island an der Westküste von Florida, unweit von riesigen Feldern, auf denen Palmen angebaut werden. Bald nach ihrem Einzug im November 2006 bemerkte sie, dass die Klimaanlage nicht richtig kühlte. Mehr als zehnmal ließ sie das Gerät reparieren, jedes Mal schwächelte es bald wieder. Im Frühjahr dieses Jahres fand sie heraus, dass sich die Kupferrohre im Inneren der Klimaanlage schwarz verfärbt hatten, und wechselte das ganze Gerät aus. Vor wenigen Wochen stellte ein Inspektor fest, dass auch die Ersatzmaschine schon wieder tiefschwarz geworden war.

„Schlimm erwischt mit den chinesischen Platten“

"Ihr Haus hat es schlimm erwischt mit den chinesischen Platten", habe der Inspektor gesagt. Auch die anderen typischen Erscheinungen hat Holmes erlebt: schwarz verfärbter Silberschmuck, dunkle Flecken an Badarmaturen und Küchengeräten, angeschwärzte Kupferkabel in den Steckdosen. Holmes macht sich Sorgen um ihre Gesundheit: "Wenn ich sehe, was das Zeug mit Kupfer und Silber macht, liegt doch die Frage auf der Hand, was es mit meinem Körper anstellt." Sie sagt, sie habe seit ihrem Einzug viel häufiger Kopfschmerzen als sonst. Ihr Pudel werde von Hustenanfällen geplagt.

Knauf streitet zwar Gesundheitsrisiken kategorisch ab, gibt aber zu, dass die Gipswände aus China nicht einwandfrei sind. Schanow weist nicht von sich, dass die Knauf-Platten einen hohen Schwefelanteil haben, der für den unangenehmen Geruch in den Häusern sorgt. Er erklärt dies damit, dass die chinesische Gesellschaft für die Produktion besonders schwefelhaltigen Naturstein zugekauft habe. Knauf-Anwalt Don Hayden von der Kanzlei Baker & McKenzie gibt auch zu, dass die Gase einen gewissen Korrosionseffekt haben können. Die chinesische Knauf-Gesellschaft ist zudem bislang das einzige Unternehmen, das sich den Rechtsstreitigkeiten in Amerika stellt, während andere Hersteller aus China nicht auf Klagen reagiert haben.

Anwalt Hayden deutet auch an, dass Knauf zu einem Vergleich bereit ist. Knauf würde sich nach seinen Worten an einer Lösung beteiligen, die Eigentümer für Umbau- und Ausbesserungsarbeiten voll entschädigt. Allerdings hoffe das Unternehmen darauf, dass auch andere Parteien einen Beitrag leisten, etwa Importeure, Bauunternehmer oder auch die Regierung. Der Prozessbeginn in der Sammelklage gegen Knauf ist für März 2010 angesetzt.

„Der Sargnagel, der uns gerade noch gefehlt hat“

Pat und Dave Stanley sagen, die Kosten für die Beseitigung der Platten und damit verbundener Schäden an ihrem Haus seien auf 75.000 Dollar veranschlagt worden. Die Bauplattenaffäre ist für die Stanleys und andere Hausbesitzer ein neuer Tiefschlag, nachdem die Immobilien- und Wirtschaftskrise schon für einen massiven Wertverlust gesorgt hat. Die Stanleys haben mehr als 400 000 Dollar in ihr Haus gesteckt, das im Februar 2007 fertig wurde, als es dem Immobilienmarkt noch prächtig ging. Vor wenigen Wochen haben Experten nur noch einen Wert von 215 000 Dollar angesetzt - und das war unabhängig von den Gipsplatten. Bei Berücksichtigung des Gipsplatteneffekts korrigierten sie den Wert weiter auf 129 000 Dollar herunter. "Das ist der Sargnagel, der uns gerade noch gefehlt hat", sagt Pat Stanley.

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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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