http://www.faz.net/-gqe-8e293
 

Berufe : Vom Anwalt zum Rechtskaufmann

  • -Aktualisiert am

Auch der „Anwalt 4.0“ wird ein Mensch sein. Allerdings wird sich trotzdem einiges verändern in der Berufsgruppe der Advokaten. Es tun sich viele neue Geschäftsfelder auf.

          Der Albtraum von Rechtsberatern hat einen Namen: Richard Susskind. Seit Jahren tingelt der britische Jurist durch die Lande und malt das „Ende der Anwaltschaft“ an die Wand. Die Sorge: Die Digitalisierung werde die klassischen Advokaten immer mehr ersetzen. Der „Anwalt4.0“ ist in dieser Vision nur noch ein Algorithmus, der Betroffenen bei Bedarf die Rechtslage erklärt – und wenn nötig per Mail eine Klage ans Gericht schickt. Wo im Zuge von „E-Justice“ eine Software den Fall entscheidet.

          So wird es aber vermutlich nicht kommen, jedenfalls noch lange nicht. Alle deutschen Anwälte sollen zwar seit 1.Januar ein besonders gesichertes Mail-Postfach besitzen. Doch die Bundesrechtsanwaltskammer musste den Start im letzten Moment auf unabsehbare Zeit verschieben. Und auch in der Justiz ist zwar die elektronische Aktenführung vorgesehen. Doch der gesetzliche Zeitrahmen bis zur flächendeckenden Einführung ist weit gesteckt.

          Zur Schimäre geworden

          Richtig ist allerdings, dass sich der Beruf des Anwalts stark verändert hat. Die Zeiten, in denen ein honoriger Jurist hinter einem Mahagonischreibtisch bequem auf Mandanten warten konnte, sind vorbei. Seit 1996 hat sich die Zahl der Anwälte hierzulande verdoppelt. Zudem hat das Bundesverfassungsgericht diverse Standesrichtlinien gekippt. Haben damals noch Kammeraufseher die Größe eines Kanzleischilds nachgemessen, machen längst Anwälte in U- und S-Bahn marktschreierisch Reklame.

          Damit nicht genug: Immer wieder nimmt die EU-Kommission Berufs- und Honorarordnungen von Freiberuflern aufs Korn, um sie zu „deregulieren“ und schärferem Wettbewerb auszusetzen. Der Anwalt wird zum Rechtskaufmann. Wer Rat braucht, kann eine Telefon-Hotline anrufen oder auf einem Internetportal anfragen. Oft lässt sich dort die Rechtslage selbst recherchieren oder – wie bei der Steuererklärung – per Software klären.

          Die Anwaltszunft versucht zwar, ihre merkmalstiftenden Grundwerte hochzuhalten: Verschwiegenheit, Kampf nur für den eigenen Mandanten, Unabhängigkeit von Interessen Außenstehender. Doch die „Einheit der Anwaltschaft“ ist zur Schimäre geworden. Die internationalen Top-Kanzleien mit vielfachen Millionenumsätzen haben kaum etwas gemein mit mittelständischen Sozietäten – oder gar dem Feld-, Wald- und Wiesenanwalt, der womöglich im Wohnzimmer residiert und nebenher Taxi fährt.

          Bröckelndes Monopol der Volljuristen

          Das Bundesverfassungsgericht hat nun immerhin das Tor zu neuen Geschäftsfeldern aufgestoßen. Anwälte dürfen sich künftig etwa mit Ärzten und Apothekern, womöglich auch mit Ingenieuren und Architekten zu einer Partnerschaftsgesellschaft zusammentun. Nach der Bundesrechtsanwaltsordnung war dies bisher nur mit Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern möglich. Auch wenn dies sicher zu keiner Welle von Neugründungen führen wird: Eine Option zur weiteren Spezialisierung etwa im Medizin-, Sozial- oder Arzthaftungsrecht tut sich auf. Auch die Zahl der Fachanwälte und Fachanwaltsgebiete wächst rapide.

          Für die Anwaltsgilde ist das ein kleiner Trost, seit das – wenngleich auf Druck der Standeslobby im letzten Moment gestutzte – Rechtsanwaltsdienstleistungsgesetz von 2007 beispielsweise Autowerkstätten, Banken und Versicherungen ein bisschen Rechtsberatung erlaubt hat. Nach und nach hat der Bundestag zudem die Mediation und die Schlichtung als Alternative zum Gerichtsprozess ausgebaut.

          Das Monopol der Volljuristen bröckelt zusätzlich, seit die Wirtschaft für die weniger anspruchsvolle Kärrnerarbeit Diplomjuristen einstellt. Auch Kanzleien selbst überantworten zum Beispiel das Aktenstudium bei einem Unternehmenskauf (Due Diligence) solchen „Paralegals“ oder lagern die Arbeit gleich via Internet in Niedriglohnländer wie Indien aus.

          Wucherndes Krebsgeschwür

          All dies setzt auch die Anwaltszunft unter Kostendruck ihrer Kunden. Mittlerweile lassen Unternehmen die Honorarrechnungen ihrer Berater von spezialisierten Dienstleistern kontrollieren. Mandate sind keine auf dem Golfplatz entstandene Lebensbeziehung mehr, sondern werden regelmäßig neu ausgeschrieben – unter Beteiligung der konzerneigenen Einkaufsabteilung, für die Rechtsberatung genauso eine Ware ist wie jedes andere Vorprodukt von Zulieferern.

          Ausgehen wird der Branche die Arbeit dennoch nie. Dafür sorgt schon die Verrechtlichung, die wuchert wie ein Krebsgeschwür. Das gilt für Verbraucher im Alltag genauso wie für die Wirtschaft, wo die Stichworte Compliance und Corporate Governance lauten. Auch schaffen gesellschaftliche Veränderungen neue Nachfrage – etwa nach dem soeben gekürten Fachanwalt für Migrationsrecht, den wohl in aller Regel die Steuerzahler werden bezahlen müssen.

          Mit dem neu geschaffenen „Syndikusrechtsanwalt“ hat der Bundestag jüngst eine weitere Option für eine Berufskarriere geschaffen. Allerdings hat er damit auch ein Dogma aufgeweicht, das die Anwaltsorganisationen verteidigen wie ihren Augapfel: das Verbot, dass fremde Investoren eine Kanzlei aufkaufen. In Großbritannien gibt es dagegen mittlerweile Banken und Versicherungen, denen ganze Sozietäten gehören – und die damit ihre eigenen Kunden umso billiger betreuen können.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Auf Leben und Tod

          Sterbehilfe : Auf Leben und Tod

          Sollte Sterbehilfe in Deutschland besser reguliert werden? Die neue Diskussion darüber ist auch eine Bilanz der umstrittenen Reform von 2015. Bald werden sich die Abgeordneten des Bundestages mit der heiklen Materie befassen müssen.

          Modi warnt vor Protektionismus Video-Seite öffnen

          Indischer Regierungschef : Modi warnt vor Protektionismus

          Indiens Regierungschef Narendra Modi hat in seiner Eröffnungsrede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vor nationalen Alleingängen gewarnt. Für ihn fühle es sich so an, als ob gerade das Gegenteil von Globalisierung passiert.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Car2Go und DriveNow gehören bald zusammen.

          F.A.Z. exklusiv : Drive Now und Car2Go vor der Fusion

          BMW und Daimler legen ihre Carsharing-Gesellschaften zusammen. Das hilft Kosten zu sparen, hat aber auch strategisches Kalkül.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.