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Risikoabsicherung

Urteil: Keine Patente auf Therapien Embryonalzellen werden nicht zum Geschäftsmodell

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass es keine Patente auf Therapien geben darf, die mit embryonalen Stammzellen entwickelt werden. Die Pharmabranche gibt sich davon unbeeindruckt.

© dpa Vergrößern Tiefgefrorene embryonale Stammzellen in einer Kulturschale

Die kommerzielle Nutzung embryonaler Stammzellen darf in Europa nicht durch Patente gegen Konkurrenz geschützt werden. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg hat am Dienstag entschieden, dass für Verfahren zur Stammzellgewinnung kein Patent angemeldet werden kann, wenn es die Zerstörung eines Embryos voraussetzt (Az.: C-34/10). Zugrunde liegt eine Klage von Greenpeace gegen den Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle, der 1997 ein solches Patent angemeldet hatte. Brüstle und einige seiner Kollegen kritisierten das Urteil als rückwärtsgewandt. Die Auswirkungen auf die Pharmabranche dürften jedoch gering sein.

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Nach deutschem Recht war ein Patentschutz auf solche Stammzellen schon zuvor ausgeschlossen. „Der EuGH hat hier nur konkretisiert, wie weit das Verbot wirklich geht“, sagt der Patentrechtsexperte Joachim Feldges von der Kanzlei Field Fisher Waterhouse in München. Der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller sieht deshalb auch die Forschungsaktivitäten seiner Mitgliedsunternehmen nicht betroffen; ähnlich ist die Einschätzung der Interessenvertretung der deutschen Biotechnologieunternehmen. In anderen europäischen Ländern hingegen arbeiten Forscher in deutlich größerem Umfang an embryonalen Stammzellen. Dort wird auch das kommerzielle Potential sichtbar: Der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk etwa betreibt zusammen mit einem schwedischen Biotechnologieunternehmen ein Projekt zur Entwicklung insulinproduzierender Zellen, die aus embryonalen Stammzellen gewonnen und eines Tages zur Diabetestherapie eingesetzt werden sollen. Die Entscheidung der Richter könnte solche Ansätze in Zukunft weniger attraktiv erscheinen lassen.

„Das Urteil wird Investitionen in ethisch vertretbare Alternativen lenken“, sagt etwa der Europaparlamentarier Peter Liese voraus. Konkret äußerte sich Novo Nordisk dazu am Dienstag jedoch genauso wenig wie Hersteller, die ihren Sitz außerhalb der Jurisdiktion des Europäischen Gerichtshofs haben. So haben sich beispielsweise der Schweizer Konzern Novartis, der amerikanische Anbieter Johnson & Johnson sowie Teva aus Israel in der Vergangenheit an Unternehmen beteiligt, die an embryonalen Stammzellen forschen. Sie hoffen auf neuartige Methoden zur Therapie von Nerven- und Stoffwechselkrankheiten - und darauf, mit einem patentgeschützten Präparat ihre Forschungskosten später wieder einspielen zu können.

„Wenn Forscher ihre Ergebnisse in der Stammzellentwicklung nun in einem Fachblatt veröffentlichen, darf jeder die Verfahren nachmachen“, kommentiert der Tübinger Universitätsprofessor Hans-Ludwig Günther nun das Urteil aus Luxemburg. Er geht davon aus, dass die Entscheidung der Richter über die Grenzen der Union hinaus wirken wird. Denn auch wenn Unternehmen Patente in anderen Ländern anmelden dürften, seien Investitionen in die Stammzellgewinnung nicht attraktiv, wenn sie sich später nicht durch Einkünfte auf allen großen Gesundheitsmärkten refinanzieren ließen. Nun stehe darüber hinaus sogar in Frage, ob deutsche Wissenschaftler wie bisher an Stammzellen forschen dürfen, die etwa in Skandinavien den dort gültigen Gesetzen gemäß gewonnen wurden. Diese nationalen Vorschriften müssten nun überprüft werden.

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Während die therapeutische Nutzung embryonaler Stammzellen heftig umstritten und schon vor dem Urteil noch weit entfernt von der Marktreife war, hat sich der Einsatz sogenannter adulter Stammzellen in der Medizin schon etabliert. Diese Zellen werden aus dem menschlichen Körper gewonnen, etwa aus dem Knochenmark oder aus der Haut, und im Labor für die Züchtung von neuem Gewebe eingesetzt, das dann beispielsweise Patienten mit Verbrennungen oder Knorpelschäden eingepflanzt wird. Inzwischen werden solche Verfahren auch schon zur Regeneration von Herzmuskel und -klappen angewandt; in einem Jahrzehnt könnten sie nach Ansicht von Fachleuten auch für das Gehirn in Frage kommen. Erfolg versprechen sich die Wissenschaftler auch davon, adulte Stammzellen im Labor zumindest teilweise wieder mit jener Eigenschaft auszustatten, die als die besondere Qualität embryonaler Zellen gilt: Sie können noch jede Art von Körpergewebe bilden, während mit fortschreitendem Alter die Spezialisierung zunimmt. „Dieses Verfahren ist für die wirtschaftliche Nutzung weitaus praktikabler als der Einsatz von Embryonalzellen“, sagt der Regenerationsbiologe Konrad Kohler von der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin.

Quelle: F.A.Z.

 
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