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Ursachen der Krise Das Versagen der Aufsicht

25.09.2008 ·  Die Welt muss sich ernste Sorge um die Stabilität des gesamten Bankensystems machen. Die Aufsicht hat an jedem einzelnen Finanzplatz katastrophal versagt. Warum? Der Staat hat es so gewollt. Und strich letztlich hohe Steuereinnahmen und Privatisierungsgewinne ein.

Von Bettina Schulz
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Es ist das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass sich die Welt ernste Sorge um die Stabilität des gesamten Bankensystems machen muss. Nur so sind die dramatischen Eingriffe in den Markt zu verstehen, mit denen der amerikanische Finanzminister Henry Paulson versucht, eine systemische Bankenkrise abzuwenden. Nur so erklärt sich auch die Geschwindigkeit, mit der zahlreiche Länder zur Rettung ihrer Banken ordnungspolitische und wettbewerbsrechtliche Grundsätze über Bord werfen.

Verständlich, dass der Ruf der Politiker nach härterer Regulierung der Finanzmärkte und Kürzung der Bonuszahlungen der Banker anschwillt. Die populistische Art jedoch, mit der vor allem die angelsächsische Bankenwelt verteufelt wird, geht am Kern der Sache vorbei.

Zu lange mit zu billigem Geld versorgt

Die jetzige Krise entstand, weil die Welt zu lange - in erster Linie von der amerikanischen Notenbank Fed - mit zu billigem Geld versorgt wurde. Gleichzeitig erlaubte ein rasanter Entwicklungssprung bei technischen Kreditprodukten den Marktteilnehmern, Kreditrisiken auf die Schultern unzähliger Investoren zu verteilen. Fatalerweise glaubten alle Beteiligten, diese Verteilung reduziere das Risiko, das jeder einzelne Marktteilnehmer trage. Dieser Trugschluss führte zu extrem niedrigen Risikoprämien. Fast alle Marktteilnehmer verkannten, dass genau diese Risikoverteilung im Krisenfall zu einem fatalen Vertrauensverlust im Bankensystem führen würde.

Es waren allerdings nicht nur die Banker, die von diesem System lange profitierten. Die gewaltige Privatisierungswelle der vergangenen Jahre, der rasante Weltwirtschaftsaufschwung bis hin zum Wachstumsschub der Schwellenländer wurden in dieser Phase des billigen Geldes bezahlt. Nie konnten sich Unternehmen so günstig refinanzieren, so hohe Margen realisieren und so hohe Gewinne ausschütten.

Bewusst auf schärfere Regulierung des Hypothekenmarkts verzichtet

Regierungen strichen begeistert die hohen Privatisierungserträge ein und kassierten genüsslich die Steuereinnahmen des florierenden Systems. Und es waren nicht zuletzt institutionelle Investoren in Form von Pensionsfonds, Versicherungen oder Kirchen, die im Namen der kleinen Sparer die Banken drängten, jedes Quartal höhere Renditen auszuspucken. Die exorbitanten Erträge, die Banken über das Investmentgeschäft und die neuen Kreditprodukte einstrichen, waren da sehr willkommen.

Gleichzeitig gab es Regierungen diesseits und jenseits des Atlantiks, die ihrer Bevölkerung den Traum des Eigenheims erfüllen wollten. Sie verzichteten bewusst auf eine schärfere Regulierung des Hypothekenmarktes. Jetzt die Banken wegen ihrer Gier und die Hedge-Fonds wegen ihrer angeblich gefährlichen Spekulationen zu Sündenböcken zu stempeln, mag in der Öffentlichkeit gut ankommen, bringt aber niemanden weiter. Schließlich haben die Banken in der Regel in dem ihnen gesetzten aufsichtsrechtlichen Rahmen gehandelt und keine illegalen Geschäfte betrieben. Sie haben das System im Wettbewerbsdruck bis an die Grenzen ausgeschöpft und dabei zweifelsohne verhängnisvolle Managemententscheidungen gefällt.

Die Banken- und Marktaufsicht hat katastrophal versagt

Aber die Kritik muss an der Aufsicht ansetzen. Das ist für Politiker freilich ein brenzliges Thema: Die Banken- und Marktaufsicht hat an jedem einzelnen Finanzplatz katastrophal versagt. Weder die deutsche Bafin noch die britische FSA, die amerikanische Federal Reserve oder die SEC haben erkannt, dass es Geschäftsmodelle gab, die gefährliche Schneeballeffekte auslösen könnten. Die Aufsichtsbehörden haben die grenzüberschreitende Zusammenarbeit vernachlässigt, sich teilweise sogar in Aufsichtsfragen blockiert. Kein Wunder, dass sie nicht gesehen haben, welch systemisches Risiko in den neuen technischen Kreditprodukten und ihrer Risikoverteilung auf den Markt schlummerte.

Politische Einzelinteressen haben bis heute verhindert, dass wenigstens in Europa eine zentrale Finanzaufsicht agiert, die den Banken die Stirn bieten könnte. Immer noch gibt es an jedem Finanzplatz unterschiedliche Aufsichtsregeln, Einlagensicherungssysteme und jeweils andere politische Ansätze, wie Banken in Krisenzeiten geholfen werden soll. Das hat erheblich zur Verunsicherung am Markt beigetragen. Den Aufsichtsbehörden fehlt zudem hochkarätiges Fachpersonal, das es mit versierten Investmentbankern und ihrer Überzeugungskunst aufnehmen und sie in die Schranken weisen könnte. Das gilt im Übrigen auch für die Aufsichtsräte der Banken.

Sehr technische Fragen, die schwer zu vermitteln sind

Es gibt zahlreiche Ansätze, mit denen nach dieser Finanzkrise in aufsichtsrechtlichen Fragen reagiert werden muss. Aber dies sind in der Regel sehr technische Fragen, die der Bevölkerung weniger leicht zu vermitteln sind als das Gerede über die hohen Bonuszahlungen.

Der Markt hilft freilich mit, die Exzesse zu korrigieren. Die Investoren werden auf mehr Transparenz pochen, höhere Risikoprämien fordern und damit automatisch dazu beitragen, dass sich ein erheblicher Teil des ehemals so lukrativen Bankgeschäftes nicht mehr rechnet. Damit erledigen sich dann vermutlich auch allzu üppige Bonuszahlungen. Sie waren das Symptom eines völlig aus dem Ruder gelaufenen Bankgeschäftes. Die Aufsicht hätte das erkennen müssen.

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Wirtschaftskorrespondentin in London.

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