11.07.2009 · Binz auf Rügen statt Bali, Alpen statt Apalachen: Bei den Bundesbürgern steht Urlaub in Deutschland neuerdings hoch im Kurs. Angesichts des Wertewandels ist es kein Makel mehr, Ferien in der Heimat zu verbringen.
Von Ulrich FrieseZeitgeist und Krise haben die Vorlieben im Land des Reise-Weltmeisters verändert: „Hieß es früher: Wir machen dieses Jahr nur in Deutschland Urlaub, so heißt es neuerdings: Wir können uns dieses Jahr nur einen Last-Minute-Urlaub in Ägypten leisten“, bringt Karl Born, Professor für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Harz, die landesweite Stimmung auf den Punkt. Angesichts des Wertewandels ist es für viele Bundesbürger kein Makel oder Prestigeverlust mehr, Ferien in der Heimat zu verbringen. In einer repräsentativen Umfrage ermittelten die Marktforscher von TNS Infratest zu Jahresbeginn, dass Deutschland hierzulande unter den zehn wichtigsten Zielen für eine Traumreise auf Platz drei rangiert - hinter den Vereinigten Staaten und Australien.
„Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah“ - Goethes alter Spruch gewinnt für die Reiseindustrie immer mehr an Aktualität. Auf der Branchenmesse ITB in Berlin zeichneten sich bereits zum Jahresauftakt die Abkehr von Fernreisen sowie der Auftrieb im deutschen Tourismusgeschäft als wichtigste Trends ab. In diesen Tagen, unmittelbar vor dem Start der verkaufsträchtigen Sommersaison, belegen Verbraucherumfragen und die jüngsten Geschäftszahlen der großen Reiseveranstalter, dass sich die Nachfrage nach Ferienzielen im Inland weiter verstärkt.
„Kurz, nah, aber weg“
Unter den führenden Anbietern hierzulande markieren DER und Ameropa diese Entwicklung. Während der zur Rewe-Gruppe gehörende Reisekonzern DER, der seine Marken Dertour, Meier's Weltreisen, ADAC-Reisen und „its“ über seine landesweit 2500 Reisebüros verkauft, ein Wachstum von 27 Prozent bei Reisen innerhalb Deutschlands ausweist, registriert die Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn ebenfalls zweistellige Zuwachsraten im Inlandsgeschäft. Dabei dürfte sich die Zahl der Gäste um 4 Prozent auf mindestens 500.000 im Gesamtjahr erhöhen, heißt es bei Ameropa.
Nach einer fast beispiellosen, über mehrere Jahrzehnte anhaltenden Reisewelle ins Ausland laute das Motto deutscher Touristen: „kurz, nah, aber weg“, geht aus der aktuellen Umfrage der BAT Stiftung hervor, die den deutschen Tourismusmarkt in Jahresabständen analysiert. Generell sei die Reiselust der Deutschen ungebrochen, aber die Urlaubszeiten sowie die Zeitspannen zwischen Buchung und Reiseantritt werden kürzer: Waren früher Fristen von vier bis sechs Wochen üblich, sind es inzwischen eher spontane Entscheidungen, die wenige Tage vor der Abfahrt gefällt werden.
Für viele Bundesbürger ein unerschwinglicher Luxus
Die aktuelle Unlust auf Fernreisen und die Rückbesinnung auf heimische Ferienziele begründen die Forscher aus Hamburg zunächst mit Zukunftsängsten deutscher Verbraucher, die wiederum aus der unsicheren Wirtschaftslage resultieren: „Wenn es Unternehmen schlechtgeht und Jobverlust droht, können Arbeitnehmer nicht beruhigt in Urlaub fahren“, sagt Ulrich Reinhardt, Tourismusexperte der Stiftung. Hinzu kommt, dass die bisherige Gleichsetzung von Urlaub und Reisen ohnehin nicht mehr gilt: Beispielsweise unternahmen im vergangenen Jahr nur 52,1 Prozent aller Deutschen eine Urlaubsreise. Für viele andere Bundesbürger sind solche Aktivitäten unerschwinglicher Luxus, heißt es in der Studie.
Vor diesem Hintergrund haben Ferien in der Heimat Konjunktur. Preisvergleiche zeigen, dass die bisherigen Lieblingsziele im Ausland deutsche Touristen teurer kommen als eine Spritztour im eigenen Land (siehe Schaubild). Während sich die Kosten für Transport, Essen, Unterkunft und Ausflüge in Deutschland im Schnitt auf 73 Euro pro Tag belaufen, liegt der entsprechende Wert auf internationalem Niveau bereits bei 81 Euro pro Tag. Bei einem Abgleich der Gesamtkosten schlagen die Ausgaben für eine Reise innerhalb Deutschlands gegenwärtig nur mit einem durchschnittlichen Betrag von 656 Euro zu Buche. Für einen vergleichbaren Trip nach Australien (3074 Euro) oder einen Strandurlaub in Spanien oder der Türkei (jeweils 1100 Euro) müssen die Bundesbürger weitaus tiefer in die Tasche greifen.
Hoch im Kurs liegen Küstenorte
Heimische Reiseveranstalter oder Hotelbetreiber wittern die Gunst der Stunde. Um freie Kapazitäten auszulasten und die Umsatzeinbrüche durch den Wegfall von Geschäftsreisenden auszugleichen, locken sie mit Rabatten oder Sonderaktionen. Gemessen an den bisherigen Buchungseingängen, lassen sich Schwerpunkte bei den Reisezielen kaum ausmachen. Hoch im Kurs liegen Küstenorte an der Nord- und Ostsee, die im Vorgriff auf die inländische Reisewelle ihre Hotelkapazitäten aufstockten und bei der Infrastruktur nachbesserten.
Schon länger heiß begehrt sind Reiseziele im Umfeld der Mecklenburgischen Seenplatte, die ihr Angebot jetzt um hochpreisige Hotel- und Freizeitanlagen erweitern. Nicht von ungefähr registriert etwa der Reise-Dienstleister „Wild East“, der ein Buchungsportal für einige Urlaubsorte in Mecklenburg-Vorpommern anbietet, einen Buchungszuwachs von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Urlaub in Deutschland auch wegen emotionalen Motiven
Abseits von „neuen“ Touristenzentren in der vereinten Republik steuern immer mehr Bundesbürger auch bewährte Frischluft-Oasen im Thüringer Wald, Bayern oder im langjährigen Rentnerparadies Schwarzwald an. Das lokale Freizeitangebot erreicht dort modernen Standard, wobei die gängige Palette „Wellness“-Kuren ebenso wie Erlebniswandern, harte Bike- oder beschauliche Radtouren umfasst.
Dass Urlaub in Deutschland in Mode kommt, ist jedoch nicht allein mit wirtschaftlichen Motiven, sondern auch aus emotionaler Sicht zu erklären. Spätestens seit der Fußball-Weltmeisterschaft vor drei Jahren, die von Teilnehmern und Zuschauern als rauschendes Völkerfest zelebriert wurde, veränderten sich die Gefühlslage in der Nation und auch die Wahrnehmung bei den Nachbarn in Europa: „Die Deutschen bekennen sich wieder zu ihrer Heimat“, hieß es jüngst in einer Titelgeschichte des „Stern“, „ohne jede Tümelei, sondern einfach deshalb, weil es hier so schön ist.“
Zu recht ...
Andreas Dybowski (adybowski)
- 11.07.2009, 01:31 Uhr
Endlich...
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 13.07.2009, 12:54 Uhr
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