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Reiseziel Türkei : Kann ich in der Türkei noch Urlaub machen?

In den Fischrestaurants auf der Galata-Brücke in Istanbul haben die Touristen neuerdings freie Platzwahl. Bild: INTERFOTO

Terror, Verhaftungen, Nazi-Vergleiche – so ist die neue Türkei. Ein beliebtes Reiseziel ist ungemütlich geworden. Doch es gibt auch Argumente, die für einen Urlaub in dem Land sprechen.

          Na, wohin geht’s dieses Jahr im Urlaub? Eigentlich ist das eine harmlose Frage unter Freunden, Kollegen und in der Familie. Doch dieses Jahr ist alles anders, wenn die Antwort lautet: Es geht in die Türkei. Das Land erregt die Deutschen derzeit sehr. Das liegt nicht zuletzt an Präsident Recep Tayyip Erdogan und seiner immer autoritäreren Politik. Am 16. April stimmen die Türken in einem Referendum darüber ab, ob die Türkei ein Präsidialsystem wird – und Erdogan damit noch mehr Macht erhält. Um dieses Ziel zu erreichen, soll auch bei den 1,4 Millionen in Deutschland lebenden und wahlberechtigten Türken die Werbetrommel gerührt werden. Wahlkampfauftritte von türkischen Ministern wurden abgesagt, woraufhin Erdogan zur verbalen Keule griff und deutschen Behörden „Nazi-Methoden“ unterstellte.

          Jenni Thier

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit Nazis verglichen zu werden ist die ultimative Beleidigung – und das hinterlässt Spuren. „In der Türkei mache ich jetzt bestimmt keinen Urlaub mehr“, ist eine Reaktion, die man dieser Tage häufig hört. Für viele ist das Maß nun voll, sie wollen gegen die türkische Politik der letzten Monate ein Zeichen setzen: Seit dem gescheiterten Putschversuch vergangenen Sommer sind in der Türkei über hunderttausend Staatsangestellte, darunter viele Lehrer und Richter, entlassen worden. Tausende vermeintliche Feinde von Erdogan wurden unter fadenscheinigen oder ganz ohne Gründe eingesperrt, unter ihnen auch der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel.

          Kann so etwas jetzt bald jedem Deutschen drohen, der sich in der Türkei aufhält? Von sechs deutschen Staatsangehörigen in türkischer Untersuchungshaft weiß das Auswärtige Amt. Es rät dringend, Menschenansammlungen auf öffentlichen Plätzen und vor touristischen Attraktionen sowie in der Nähe von Regierungs- und Militäreinrichtungen zu meiden.

          Erste Risse in der deutsch-türkischen Beziehung schon vor Putsch

          Die Liebesgeschichte zwischen den Deutschen und der Türkei hatte schon vor dem Putsch und seinen Folgen erste tiefe Risse bekommen. Grund dafür waren islamistische und kurdische Terroranschläge, die das Land seit etwa anderthalb Jahren immer wieder erschütterten. Die beliebten Badeorte sind bisher von Anschlägen verschont geblieben. Doch vor allem der Tod von zwölf deutschen Touristen in Istanbul im Januar 2016 hat in Deutschland Spuren hinterlassen.

          Damals hatte ein Attentäter einen Sprengsatz in einer deutschen Touristengruppe gezündet. Es folgten weitere blutige Anschläge, zuletzt in der Neujahrsnacht im Istanbuler Nachtclub Reina. Das Auswärtige Amt schließt nicht aus, dass terroristische Gruppierungen weiterhin zu Anschläge entschlossen sind, vor allem in den großen Metropolen. „Diese könnten sich gezielt auch gegen Ausländer richten“, warnt die Behörde.

          Diese hartnäckigen, negativen Schlagzeilen bleiben haften. Und nun kommen zur Angst um die Sicherheit auch noch politische Verwerfungen und Beleidigungen hinzu. Katja Kipping, Chefin der Linkspartei, denkt sogar laut über ein „Tourismus-Boykott“ der Türkei nach. Sie nennt das ein Zeichen für Demokratie und Menschenrechte an die Adresse von Erdogan, wenn man auf einen Türkei-Urlaub verzichten würde.

          „Am Badestrand im Ausnahmezustand, wer kann sich da schon entspannen?“, fragt sie. Dieses Gefühl der Empörung ist nachvollziehbar. Und es ist sicher nicht sinnvoll, in der Türkei Urlaub zu machen, wenn die Anspannung größer als die Entspannung ist. Doch bei all der berechtigten Emotionalität gibt es auch rationale Gründe, den persönlichen und freiwilligen Türkei-Boykott noch einmal zu überdenken.

          Die Wirtschaft ist die Achillesferse von Erdogan

          Der Tourismus ist ein wichtiger Bestandteil der türkischen Wirtschaft, er trägt etwa 13 Prozent zu ihrem Wachstum bei. Die größte Besuchergruppe waren lange Zeit die Deutschen. Noch 2015 kamen knapp 5,6 Millionen deutsche Touristen in die Türkei. Ein Jahr später waren es nur noch 3,9 Millionen – ein Einbruch um 30 Prozent. Für dieses Jahr, so prognostizieren Fachleute, sieht es noch düsterer aus. In den ersten beiden Monaten eines Jahres werden die Weichen für den Sommerurlaub gestellt. Und obwohl schon der Januar und Februar 2016 schwache Buchungszahlen zu verzeichnen hatte, gab es dieses Jahr noch einmal einen Rückgang von über 50 Prozent.

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