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Unternehmensnachfolge Hauptsache, etwas unternehmen

21.06.2005 ·  Unternehmensnachfolge im Mittelstand - die andere Art der Existenzgründung. Vor allem im Handwerk werden Nachfolger gesucht, denn es mangelt an potentiellen Erben. Besonders wichtig: Die Chemie zwischen Altunternehmer und Neuling muß stimmen.

Von Sabine Kieslich
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Wie werde ich mein eigener Chef? Der unbekannte Riese Mittelstand bietet Möglichkeiten. Die Unternehmensnachfolge ist eine davon. Peter Kramer (Name geändert) hat gut lächeln, denn er ist endgültig einem Albtraum entronnen und steht kurz davor, sich einen Wunschtraum zu erfüllen.

Nur noch wenige Tage trennen ihn vom eigenen Unternehmen, einem metallverarbeitenden Betrieb mit zehn Mitarbeitern im Rhein-Main-Gebiet. Soweit scheint alles in trockenen Tüchern: Die Bücher und Bilanzen wurden gründlich geprüft, die Finanzierung ist gesichert, die Übergabemodalitäten sind geregelt. Was jetzt noch fehlt, ist die Unterschrift unter dem Vertrag, der die Übergabe endgültig besiegelt.

„Man müßte sich selbständig machen“, hatte Kramer im Laufe seines Lebens immer mal wieder gedacht, denn Ideen für neue Produkte hatte der Diplom-Ingenieur für Feinwerktechnik viele. „Diesen Gedanken habe ich anfangs schnell wieder beiseite geschoben, denn die Hürden schienen mir unüberwindbar“, sagt er rückblickend. Das änderte sich, als der mittlerweile zum Betriebsleiter aufgestiegene Fünfzigjährige nach 25 Jahren Tätigkeit in Entwicklung und Konstruktion seine Stelle verlor. Als auch die hundertste Bewerbung erfolglos blieb, wurde die Selbständigkeit immer mehr zum einzigen Ausweg aus dem Albtraum Arbeitslosigkeit.

Mangel an potentiellen Erben

Was die wenigsten in Betracht ziehen: Für den, der das Risiko scheut, ein eigenes Unternehmen zu gründen, besteht die Möglichkeit, ein bereits bestehendes zu übernehmen. „Die Unternehmensnachfolge als unverkrampfte Chance der Existenzgründung ist heutzutage noch weitgehend unterbelichtet“, sagt Daniel vom Hofe, Diplom-Kaufmann aus Berlin. Dabei sei das Risiko geringer als bei der Neugründung, denn Infrastruktur und Kundenstamm müßten nicht erst mühsam aufgebaut werden. Während der vergangenen drei Jahre hat sich der Unternehmerberater darauf spezialisiert, für Firmeninhaber aus dem Raum Berlin-Brandenburg den geeigneten Nachfolger zu finden. Über mangelnde Aufträge kann er sich nicht beklagen.

Laut Bonner Institut für Mittelstandsforschung stehen Jahr für Jahr in Deutschland rund 71.000 Unternehmer vor der Nachfolgefrage. Gingen in den neunziger Jahren noch drei von vier Firmen vom Senior auf dessen Kinder über, so sind es heute weniger als die Hälfte. Die Gründe dafür liegen in der demographischen Entwicklung und im allgemeinen Wertewandel. „Früher bestimmte der Familienpatriarch, welcher seiner fünf Sprößlinge den Betrieb zu übernehmen hatte. Heute mangelt es erstens an potentiellen Erben, und zweitens haben sich deren Ansprüche hinsichtlich Beruf, Freizeit und Lebensführung stark verändert. Da treffen Welten aufeinander“, sagt vom Hofe.

„Was sagt Ihr Partner, Ihre Familie dazu?“

Für wen aber kommt die Nachfolge überhaupt in Frage? „Natürlich ist diese Art der Existenzgründung ein heißes Thema für Akademiker, als Alternative für den Berufseinstieg oder zur bisherigen beruflichen Entwicklung. Nicht einmal ein Hochschulabsolvent kann heute noch davon ausgehen, seinen Job über längere Zeit zu behalten. Aber ein Studium qualifiziert nicht allein.“ Gefragt seien neben theoretischem sowie praktischem Branchen- und Fachwissen vor allem unternehmerische Schlüsselqualifikationen wie Risikobereitschaft, Belastbarkeit, Entscheidungsfreude und Führungsqualitäten.

„Können Sie damit leben, zu Beginn des Monats kein regelmäßiges Gehalt auf dem Konto vorzufinden? Vielleicht sogar Schulden zu haben? Auch am Wochenende arbeiten zu müssen?“ fragt vom Hofe Interessenten gleich als erstes. „Und was sagt Ihr Partner, Ihre Familie dazu?“ Viele holt er damit schnell auf den Boden der Tatsachen zurück.

„Sauwohl“ hingegen fühlt sich Peter Kramer mit seiner Entscheidung für den eigenen Betrieb. Die Familie zieht mit. Es wird einen fließenden Übergang geben: Der Alteigentümer wird dem Neuling noch für bestimmte Zeit eine wichtige Stütze sein, ihn Schritt für Schritt in die Geschäfte einführen, ihn nach und nach den Kunden präsentieren, bevor er sich endgültig zurückzieht.

Vor allem das Handwerk sucht Nachfolger

Gerade der Übergang ist eine hochsensible Phase, denn Kunden reagieren auf Änderungen äußerst empfindlich. „Wenn die zu früh mitkriegen, daß der alte Inhaber aufhört, kann das Befürchtungen auslösen, die ruckzuck dazu führen, daß ein Kunde abspringt“, sagt Kramer. Zum Glück befinden sich er und der Alteigentümer auf gleicher Wellenlänge: „Die Zusammenarbeit klappt prima. Wir waren uns von Anfang an sympathisch.“ Daniel vom Hofe betont: „Die Chemie zwischen Altunternehmer und Nachfolger muß stimmen. Eine Nachfolge per Unterschrift gibt es nicht.“ Wichtig sei „das Verständnis für einen Übergangsprozeß“. Der könne sich schon einmal ein bis zwei Jahre hinziehen. Der Nachfolger müsse vor allem eines, nämlich bereit sein, vom Alteigentümer zu lernen.

Für manche ein echtes Dilemma: Einerseits geht es nicht ohne den „Alten“, was aber tun, wenn der Firmenpatriarch auch nach längerer Zeit den Betrieb so gar nicht loslassen will? Um dies zu vermeiden, empfiehlt sich eine externe Beratung durch Fachleute. Die helfen festzulegen, wer ab wann was entscheiden darf. Klare Fahrpläne sind gefragt und sogenannte Letters of Intentions, schriftliche Willenserklärungen.

Wie findet nun der potentielle Nachfolger das passende Unternehmen? Dazu gehört neben Entschlossenheit und klaren Vorstellungen auch Durchhaltevermögen. Eine erste Anlaufstelle für Kramer war die Handwerkskammer Rheinhessen. Im August 2004 startete diese gemeinsam mit der Mainzer Agentur für Arbeit eine der ersten Initiativen für die Unternehmensnachfolge im Handwerk. Adressaten waren Hochschulabsolventen betriebswirtschaftlicher oder technischer Fachrichtung, Jungmeister/innen und arbeitssuchende Handwerker. „An den Betrieben, die einen Nachfolger suchen, hat das Handwerk den größten Anteil“, sagt Daniel Scheirich, Diplom-Betriebswirt und Projektleiter bei der rheinhessischen Handwerkskammer.

Friseursalon für 20.000 Euro

Elf Betriebsübergaben vom Friseursalon über die Kfz-Werkstatt bis zur Goldschmiede hat er bis jetzt erfolgreich begleitet. Auch Kramer unterstützte er bei seiner Suche. Gemeinsam fuhren sie zu den sechs in Frage kommenden Objekten, um sie gründlich unter die Lupe zu nehmen. Doch keine wollte so richtig passen. Den entscheidenden Kontakt lieferte schließlich die Unternehmensbörse change-online. Ein Betrieb nach Kramers Geschmack: metallverarbeitendes Gewerbe, gut durchorganisiert, ein ausgewogener Kundenstamm. Maschinenpark, Infrastruktur und Umsatz - alles wurde auch nach mehrfacher Prüfung durch einen Steuerberater und Betriebswirt für solide befunden.

„300.000 bis 400.000 Euro muß man für ein Unternehmen mit etwa zehn Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz um die 1,5 Millionen Euro auf den Tisch legen“, sagt Daniel Scheirich. Ein Friseursalon hingegen sei im Kammerbezirk Rheinhessen bereits für 20.000 Euro zu haben. Wer dies nicht aufbringen kann, kann alternativ auch pachten, empfiehlt der Betriebswirt. Sich auf den richtigen Preis zu einigen sei generell eine der größten Herausforderungen bei der Unternehmensnachfolge.

Die nackten Zahlen aus einer Bilanz bildeten den Unternehmenswert nicht immer adäquat ab. Der Alteigentümer habe in der Regel sehr viel Herzblut investiert. Merkmale wie Kundenstruktur, Geschäftspartner, Lage und langjähriges Bestehen am Markt ließen sich zudem nur schwer in Zahlen fassen. „Der Nachfolger sollte deshalb für sich eine finanzielle Schmerzgrenze definieren“, rät Scheirich.

Vom Hofe: „Alte Besen kehren gut“

Eigenes Geld sollte der Nachwuchs-Unternehmer schon mitbringen, mindestens zehn bis 20 Prozent des Kaufpreises, sagt vom Hofe. Generell sei die Finanzierung ein mühseliger und langwieriger Prozeß, bei dem zum Beispiel Steuerberater, Kammern und die KfW-Mittelstandsbank beratend zur Seite stünden. Auch ein gewisses Quantum an Wirtschaftswissen könne nicht schaden, etwa wenn es darum ginge, Bilanzen richtig zu deuten.

Kramer brennt nun darauf, endlich loszulegen. Für die Zeit nach der Übergabe hat er bereits Ideen für Innovationen, mit denen er den Umsatz langfristig steigern will. „Alte Besen kehren gut“, gibt vom Hofe zu bedenken und warnt davor, ein Unternehmen nach der Übernahme direkt umkrempeln zu wollen. Erst einmal solle der Nachfolger sich auf die Faktoren besinnen, die dazu geführt hätten, daß der Betrieb erfolgreich am Markt dastünde.

Daneben sei es natürlich auch notwendig, neue Wege zu gehen. „Zukunftsprojektionen und eigene Konzepte sind maßgeblich für die Bewertung durch Kreditinstitute, also um finanzielle Unterstützung zu erhalten.“ Schließlich mache die Möglichkeit, etwas ändern zu können, ja erst den Reiz des Unternehmertums aus: „Unternehmer sein heißt, etwas zu unternehmen.“

Die Kammern helfen weiter

Informationen und Beratung bieten die Industrie- und Handwerkskammern, Kreditinstitute und Arbeitsagenturen. Die Gemeinschaftsinitiative Change vom Deutschen Industrie- und Handwerkskammertag, Zentralverband des deutschen Handwerks und der KfW-Mittelstandsbank bringt unter www.change-online.de Unternehmer und Nachfolger zusammen und bietet weitere Links.

Die Internetpräsenz http://www.nexxt.org ist in Zusammenarbeit des Bundeswirtschaftsministeriums mit Wirtschaftsverbänden entstanden und bietet eine Aktionsplattform zu Unternehmensnachfolge und Existenzgründung.

Wer sich generell über den unbekannten Riesen Mittelstand informieren will, der erhält über das Bonner Institut für Mittelstandsforschung (IfM) http://www.ifm-bonn.org Statistiken und Broschüren.

Die Internet Förderdatenbank der Bundesregierung bietet einen Überblick über alle Förderprogramme des Bundes, der Länder und der Europäischen Union.

Quelle: F.A.Z., 18.06.2005, Nr. 139 / Seite 55
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