15.05.2005 · Manager mißbrauchen ihre Macht. Sie gönnen sich hohe Abfindungen und Pensionen. Auf Kosten der Aktionäre. Jüngster Fall: Werner Seifert verläßt mit 10 Millionen Euro die Deutsche Börse.
Von Georg MeckKlaus Esser bleibt unschlagbar. 30 Millionen Euro hatte der Manager zum Abschied von Mannesmann kassiert. Etwa 10 Millionen erhält Werner Seifert für die Trennung von der Deutschen Börse. Genau weiß man es nicht. Niemand zwingt ein Unternehmen dazu, die Zahlen zu veröffentlichen.
Im Gesetzentwurf von Justizministerin Zypries (SPD) zur Offenlegung der Vorstandsgehälter, den das Kabinett in der kommenden Woche beschließen will, fehlen entsprechende Regeln. Und freiwillig gebe niemand Auskunft, klagt Aktionärsschützer Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz. "Von keinem Dax-Konzern erhalten wir Zahlen zu Abfindungen und Pensionsansprüchen. Das ist intransparent."
Abfindungen und Pensionsansprüche sollen ausgewiesen werden
Wie lange stehen dem Manager nach dem Ausscheiden Sekretärin und Büro zu? Wie lange der Firmenjet? Heizt ihm die Firma weiterhin die Villa? Das alles dürfen die Eigner einer Aktiengesellschaft nicht wissen, auch wenn sie am Ende die Rechnung bezahlen.
Dagegen regt sich nun Widerstand. "Abfindungen und Pensionsansprüche müssen ausgewiesen werden", fordert Christian Strenger, Aufsichtsrat der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank und außerdem Mitglied der Corporate-Governance-Kommission, die schon bei der nächsten Sitzung im Juni eine Empfehlung zu dem Thema aussprechen wird. Den aufmüpfigen Eignern geht es nicht um Neid. Es geht um das Verhältnis von Bezahlung zu Leistung. "Am Aktienkurs sollt ihr mich messen", hatte Daimler-Chef Jürgen Schrempp sinngemäß ausgerufen, als der Konzern noch ein paar Milliarden mehr wert war.
Vom 140fachen auf das 500fache eines Arbeiters
Nicht nur bei Schrempp klafft eine krasse Lücke zwischen Anspruch und Börsenkurs. Auch die Performance von Schrempps amerikanischen Vorbildern ist nicht viel besser. Das ist das Ergebnis einer Studie des Harvard-Professors Lucian Bebchuk. So ist das durchschnittliche Gehalt der Vorstandschefs in den 500 größten Unternehmen in den letzten zehn Jahren von 3,7 Millionen Dollar auf 9,1 Millionen Dollar gestiegen. Betrug es 1991 das 140fache des einfachen Arbeiters, erreichte es im Jahr 2003 das 500fache. Nicht weil die Leistung der Top-Manager derart angezogen hat, sondern weil die Manager es geschafft haben, sich auf Kosten der Eigentümer zu bereichern.
Das Vehikel zur Steigerung der Manager-Gehälter waren lange die teils aberwitzigen Konstruktionen der Aktienoptionsprogramme. Die sind heute weniger attraktiv, zudem schaut die Öffentlichkeit genauer hin. Die Vorstände weichen deshalb auf undurchsichtige Pensionszusagen aus, schreibt Harvard-Ökonom Bebchuk. Der durchschnittliche CEO habe Pensionsansprüche im Gegenwert von 15 Millionen Dollar. Die Spitze liegt weit über 100 Millionen.
Soll jeder Eigner sein Geld verjubeln - nur gefragt werden sollte er wofür
"Grausame Mißstände" seien das, warnt der Hamburger Wissenschaftler Michael Adams. Der Wirtschaftsjurist ist beileibe kein Klassenkämpfer. Er hat auch nichts dagegen, wenn ein Eigentümer seinen Angestellten mit Tantiemen überschüttet. "Soll jeder sein Geld verjubeln, wie er mag." Das Ärgernis liegt darin, daß der Aktionär als Eigner des Unternehmens nicht wirklich gefragt wird, wie der angestellte Manager sich mit fremdem Geld die Taschen füllt. "Da lümmeln sich Verwalter im Sessel oder zündeln am Dach, und der Hausherr muß tatenlos zusehen", sagt Adams. Da die Mitsprache der Aktionäre so beschränkt ist, sehen selbst Fondsgesellschaften im Verkauf der Aktie oft die einzige Gegenwehr gegen ein unfähiges Management. "Warum aber soll ein Eigentümer verkaufen, nur weil er den Verwalter nicht los wird?" fragt Wissenschaftler Adams.
Die Deutsche Börse ist nun der erste Dax-Konzern, bei dem der Chef gehen mußte, weil er den Willen der Eigentümer mißachtete. Macht das Beispiel Schule, verschiebt sich die Macht in Deutschlands Unternehmen: Weg vom Gespann Management und Aufsichtsrat, hin zu den Aktionären. Genau das fürchten viele Vorstände, die sich ihre Kontrolleure gefügig halten, deren Macht und Spitzengehalt nicht zuletzt auf der Kumpanei mit den Betriebsräten im Aufsichtsrat beruht.
Mitbestimmung als „Filzproblem“
So laut die Gewerkschaften öffentlich poltern gegen die angeblichen Abzocker in Nadelstreifen, so geschmeidig sind sie hinter geschlossenen Türen - siehe die unrühmliche Rolle des ehemaligen IG-Metall-Chefs Zwickel im Mannesmann-Verfahren, siehe die vorzeitige Vertragsverlängerung von Jürgen Schrempp, die er seinem Freund und Aufsichtsratschef Hilmar Kopper sowie der Gewerkschaftsbank verdankt.
"Die Mitbestimmung wird so zu einem Filzproblem", kritisiert Wissenschaftler Adams. "Die hohen Gehälter sind nicht das Ergebnis von einem Wettbewerb um die tüchtigsten Manager, sondern von Machtmißbrauch." Wirksamstes Mittel dagegen ist ein starker Eigentümer. So ist es kein Zufall, daß der BMW-Vorstand mit der Familie Quandt als Großaktionär weit weniger verdient als Daimler-Chef Schrempp. An der Performance von BMW-Chef Helmut Panke kann das nicht liegen.
Der „goldene Handschlag“ - prominente Abfindungsfälle in der Wirtschaft
Vor sechs Jahren machte eine Abfindungssumme am Finanzplatz Frankfurt die Runde, deren Höhe den Beobachtern den Atem verschlug: 85 Millionen Euro sollte Frank Newmann angeblich für sein Ausscheiden aus dem Vorstand der Deutschen Bank bekommen.
Eine große Nummer unter den Abfindungskünstlern ist MTU-Chef Udo Stark. Er bekam nicht nur Abfindungen in Millionenhöhe (17 Millionen Euro errechnete das Manager Magazin) bei seinem Abgang von AGIV und MG; er machte jüngst beim Insolvenzverwalter der Agiv Real Estate Pensionsansprüche von 120 Millionen Euro für sich und 40 Millionen für seine Frau geltend, gibt zumindest der Insolvenzverwalter an.
An der Wall Street hat die Abfindungsregelung für Börsenchef Robert Grasso, angeblich 190 Millionen Euro, selbst hartgesottene Finanzprofis erzürnt. In Europa machte der legendäre ABB-Chef Percy Barnevik Furore, als bekannt wurde, daß er sich 148 Millionen Euro als Pensionszahlung hat zusichern lassen.
Ron Sommer erhielt bei seinem Abschied von der Telekom fast zwölf Millionen Euro. Kajo Neukirchen bekam 13,2 Millionen am Ende seiner MG-Karriere. Thomas Middelhoff soll zum Abschied von Bertelsmann 25 Millionen Euro bezogen haben. wvp.
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