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Zum Tode von Reinhard Mohn Der Pionier aus Gütersloh

04.10.2009 ·  Was wird wohl werden, wenn der ehrbare alte Herr Mohn, wenn dieser große Unternehmer eines Tages nicht mehr da ist? Das fragten sich die Bertelsmann-Mitarbeiter immer wieder. Dieser Tag ist nun gekommen. Reinhard Mohn ist verstorben. Mit ihm geht eine ganz spezielle Unternehmenskultur.

Von Johannes Ritter
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„Reserviert, Herr Mohn, 13 Uhr.“ Ein Kärtchen mit dieser Aufschrift stand regelmäßig auf einem Tisch in der Kantine von Bertelsmann. Dort hatte Reinhard Mohn immer denselben Platz am Fenster. Wenn er von seinem Büro in der Bertelsmann-Stiftung hinüberging zu seinem Mittagstisch, war das für die Mitarbeiter, die ihm dabei begegneten, stets ein besonderer Moment. Weil sie wussten, dass sie ohne Reinhard Mohn gar nicht hier wären, in der ostwestfälischen Provinzstadt Gütersloh und doch bei einem der größten Medienkonzerne Europas und der Welt. Und weil sie sich zugleich auch fragten: Was wird wohl werden, wenn dieser ehrbare alte Herr, der stets so freundlich grüßte und sich wie alle anderen an der Essensausgabe anstellte, wenn dieser große Unternehmer eines Tages nicht mehr da ist?

Dieser Tag ist nun gekommen. Reinhard Mohn ist am Samstag im Alter von 88 Jahren gestorben, friedlich entschlafen auf seinem Bauernhof in Gütersloh. Für viele der mehr als 100.000 Mitarbeiter ist das eine erschütternde Nachricht. Der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG, Hartmut Ostrowski, sprach es für sie aus: „Bertelsmann ist in tiefer Trauer um einen der größten Unternehmer unserer Zeit.“ Wie er betonte, hat „das Haus Bertelsmann, unser Land, aber auch unsere Freunde in Europa und Übersee eine überragende Unternehmer- und Stifterpersönlichkeit verloren. Reinhard Mohn hat deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben.“

Eigentlich wollte er Ingenieur werden

Reinhard Mohn, der am 29. Juni 1921 in Gütersloh als zweitjüngstes von sechs Kindern geboren wurde, nahm sich schon in jungen Jahren viel vor: Er wolle, so schreibt er mit 16 Jahren in einem Schulaufsatz, so viel leisten, „wie nur irgend in meinen Kräften steht“ und dabei „eigenverantwortlich etwas gestalten“ – und zwar auch im Dienste der Gesellschaft. Dass der von einem starken Leistungsethos getriebene Mann einen solchen Weg allerdings für und mit der Firma Bertelsmann beschreiten würde, war ursprünglich gar nicht seine Absicht. Eigentlich wollte Mohn Ingenieur werden. Doch zunächst steht vor der Berufswahl erst einmal der Kriegseinsatz auf dem Programm. Gegen Ende des Krieges wird Mohn als Leutnant der Luftwaffe im Afrika-Korps in Tunesien verletzt. Er wird Kriegsgefangener und in die Vereinigten Staaten verschifft. In einem Gefangenenlager in Kansas lernt er dann Englisch und Management-Techniken.

Mit 24 Jahren kommt er aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Aus den Träumen, Ingenieur zu werden, wird nichts. Auf Wunsch seines Vaters Heinrich übernimmt Mohn die Geschäftsleitung des 1835 gegründeten Verlags C. Bertelsmann, der sich bis dahin vor allem mit evangelischer Literatur und pädagogischen Schriften befasst hatte. Nach dem Krieg liegt das Unternehmen buchstäblich in Schutt und Asche. Von den einst 400 Mitarbeitern sind nur noch 150 übrig – und deren Hoffnungen ruhen auf Reinhard Mohn. Gemeinsam mit ihm räumen sie die Trümmer weg und bringen die Druckerei wieder zum Laufen. Das hat Mohn seinen Leuten nie vergessen – und dieses gemeinsame Erfolgserlebnis hat lange die Unternehmenskultur geprägt.

Mit Selbstdisziplin, Zuverlässigkeit und immensem Fleiß, mit preußischen Tugenden also, fängt Mohn von neuem an. Dabei hat er auch kluge Helfer und Ratgeber an seiner Seite, allen voran seinen Vertriebschef Fritz Wixforth. Dieser hat eine zündende Geschäftsidee: „Wenn die Leute nicht zu den Büchern gehen, müssen die Bücher zu den Leuten kommen.“ Mohn und Wixforth lassen Busse mit Büchern über Land fahren und gründen den Bertelsmann-Lesering. Vier Jahre später hat der Lesering eine Million Mitglieder, 1960 sind es schon 2,5 Millionen.

Den Schlüssel des Erfolgs sah er in Dezentralität

Mohns Führungsstil war stark von seinen Erlebnissen aus dem Zweiten Weltkrieg geprägt, und nicht nur von dem Gelernten aus Amerika. In seinem letzten Buch „Von der Welt lernen“ erzählt er eine verstörende Geschichte von Disziplin und Gehorsam, die ihn nicht mehr losgelassen hat: Als 21 Jahre alter Offizier wachte er einst über die Ausgangszeiten seiner Truppe. Eines Nachts meldet sich einer seiner Soldaten zu spät zurück – und erschießt sich. Mohn hatte ihm zuvor zu verstehen gegeben, dass jedem, der sich nicht in die Regeln füge, die Versetzung in eine Strafkompanie drohte.

So streng Mohn als Unternehmer später auch agiert haben mag – dieses furchtbare Erlebnis hat ihn zwar nicht Milde gelehrt, aber tief in ihm die Erkenntnis verankert, dass unerbittliche Obrigkeitsverhältnisse und starre Hierarchien des Teufels sind. Auf das Unternehmerdasein übertragen, bedeutete das für ihn, dass der Schlüssel zum Erfolg in der Dezentralität liegt – und mit der Verwirklichung dieses Führungsprinzips war er ein Pionier in Deutschland. Dass sich Bertelsmann später auf teilweise sehr unterschiedlichen Medienfeldern gut im Markt etablieren konnte, verdankt der Konzern genau dieser Fähigkeit Mohns zu delegieren. Mohn legt die Verantwortung für das operative Geschäft früh auf die Schultern vieler fähiger Manager. Er bezahlt sie gut und lässt ihnen viel Freiraum.

Großer Erfolg des Buchklubs bringt Spielraum

So manche unternehmerische Großtat verdankt Mohn auch dem Widerstand seiner potentiellen Geschäftspartner: Als Brockhaus sich weigert, seine Lexika über den Lesering zu vertreiben, bringt Mohn einfach ein eigenes Lexikon auf den Markt. Ähnlich motiviert ist auch der spätere Einstieg in das Musikgeschäft. Weil die deutschen Plattenhersteller nicht kooperieren wollten und dem Bertelsmann-Schallplattenring die Lizenzen versagen, gründet Mohn die Plattenfirma Ariola. Mit Künstlern wie Heintje, Udo Jürgens und Peter Alexander wird diese in kürzester Zeit zu einem der erfolgreichsten deutschen Plattenlabel. Der große Erfolg des Buchklubs bringt Bertelsmann den Spielraum, um später in das Zeitschriftengeschäft (Gruner + Jahr), das Buchgeschäft (Random House) und das Privatfernsehen (RTL) einzusteigen.

Wichtige Entscheidungen fällte Mohn gerne auf langen Spaziergängen, bei denen er viel nachdachte. „Der eine trinkt gerne ein Bier, der andere liegt gerne in der Sonne. Ich denke gerne“, sagte er. In der Tat war Mohn ein Mann der tiefgründigen, fast philosophischen Reflexion, auch wenn ihm, bei allem Ehrgeiz in dieser Richtung, für präzise theoretische Denkgebäude das Handwerkszeug fehlte. Nicht nur praktische unternehmerische, sondern auch komplexe sozialphilosophische und ethische Fragen trieben ihn um. Sie waren eine Leidenschaft für ihn. Er kreiste beständig um sie, er rang mit ihnen – und im gleichen Atemzug auch mit sich selbst. Die Zwänge nach dem Krieg hatten es mit sich gebracht, dass Mohn nur eine Buchhändlerlehre absolvieren konnte, ein Studium fiel für ihn aus. Wahrscheinlich hat ihm das persönlich trotz aller unternehmerischen Erfolge gefehlt.

Geht jetzt der letzte Rest „partnerschaftlicher Unternehmenskultur“ verloren?

Mohn zog sich früh aus der Unternehmensführung zurück, und auch das war für ihn ein bewusst reflektiertes Managementprinzip. So ist er erst 60 Jahre alt, als er 1981 den Bertelsmann-Vorstand verlässt. Zehn Jahre später legt er den Aufsichtsratsvorsitz nieder. Die Mehrheit des Aktienkapitals lässt er 1993 auf die Bertelsmann-Stiftung übertragen, die heute mit 76,9 Prozent größter Aktionär ist. Der Rest liegt bei seiner Familie.

Mohn wollte unter den Mitarbeitern stets ein Klima schaffen, das unternehmerisches Denken und Verhalten freisetzt. Diese Führungsphilosophie hat er mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, in etlichen Artikeln und Büchern niedergeschrieben, die ob seiner gewundenen Logik und sperrigen Diktion freilich schwer verdauliche Lesekost sind. Zudem haben sich seine Theorien spätestens seit den achtziger Jahren von der Realität in seinem Unternehmen entkoppelt. Seit Mohns Ausscheiden sind fast alle Nachfolger an der Vorstandsspitze mehr oder weniger in Unfrieden gegangen. Und dieser Tage setzt Bertelsmann krisenbedingt ein gewaltiges Sparprogramm durch, das mit dem Abbau Tausender Arbeitsplätze einhergeht.

So mancher im Konzern fürchtet nun, dass mit Mohns Tod nun die letzten Reste der „partnerschaftlichen Unternehmenskultur“ verlorengehen könnten – eine Kultur, die Mohn über Jahrzehnte beschworen und damit gleichsam als „Schere im Kopf“ auch bei seinen Nachfolgern verankert hatte. So ist es wohl kein Zufall, dass sich Bertelsmann immer noch nicht von den deutschen Buchklubs getrennt hat, obwohl dieses Geschäftsmodell schon längst keine Zukunft mehr hat.

Stete Weitsicht

Reinhard Mohn hat die Entscheidungshoheit in seiner Familie und damit auch über die Geschicke von Bertelsmann in den vergangenen Jahren seiner zweiten Ehefrau Liz übertragen. Sie ist 20 Jahre jünger, hat lange ein Dasein als Zweitfrau und damit einen Bruch in Mohns ausgeprägtem preußischen Ethos ertragen müssen und agiert eher emotional als unternehmerisch.

Liz Mohn und ihre Tochter Brigitte gelten auch als treibende Kraft hinter der Entscheidung im Jahr 2006, den Minderheitsgesellschafter GBL für 4,5 Milliarden Euro aus dem Unternehmen herauszukaufen. Reinhard Mohn hatte ursprünglich etwas anderes im Sinn: „Ich habe mir sehr wohl Gedanken gemacht, ob eine Familie weiter als Träger eines Unternehmens auftreten kann“, sagte er vor acht Jahren im Gespräch mit dieser Zeitung und fügte hinzu: „Das geht nicht. Man muss es klipp und klar sagen: Das ist eine schlimme Sackgasse.“ Wer sieht, wie stark der Aktienrückkauf Bertelsmann bis heute stranguliert, kann Mohns stete Weitsicht nur bewundern.

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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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