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Zukunftssorgen : Der Buchhandel verliert seine besten Kunden

Viele Bücher in einem: Die Leser schätzen auch die Umweltfreundlichkeit der elektronischen Bücher Bild: dpa

Gemischte Gefühle in der Buchbranche: Die Verlage sehen der elektronischen Zukunft des Buches hoffnungsvoll entgegen, der Handel erwartet hingegen einen Umsatzeinbruch.

          Der Buchhandel sorgt sich um seine Zukunft. Im Jahr 2015, also in nur drei Jahren, werde der Umsatz des stationären Buchhandels gegenüber dem diesjährigen Umsatz um 16 Prozent sinken. Fast jeder fünfte Buchhändler geht sogar davon aus, dass der Umsatz binnen dreier Jahre um mehr als 20 Prozent sinken wird. Das geht aus den Ergebnissen einer Umfrage des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hervor, an der mehr als 400 (von insgesamt noch knapp 6000) Buchhändler teilgenommen haben. Als Hauptgründe werden angegeben, dass das elektronische Buch erstens stark an Bedeutung gewinnen wird und dass zweitens die elektronischen Bücher weitgehend am stationären Handel vorbei direkt im Internet bezogen werden. Seit dem letzten Weihnachtsgeschäft, als Lesegeräte für elektronische Bücher (E-Reader) zu den beliebtesten Geschenken gehörten, spürt der Buchhandel einen starken Trend zum elektronischen Buch.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Dabei droht der Buchhandel durch diese Entwicklung gerade seine treuesten Kunden zu verlieren. In der gleichen Studie befragte die GfK 25.000 Verbraucher nach ihrem Nutzungsverhalten. Dabei zeigte sich, dass das elektronische Buch kaum neue Leser generiert, sondern dass ausgerechnet Vielleser vom Buch zum Lesegerät wechseln. Der durchschnittliche Käufer elektronischer Bücher ist entgegen landläufiger Erwartung auch nicht der junge Technikfreak, sondern der männliche Leser jenseits der 40 Jahre. Als Hauptgrund (96 Prozent) für ihren Wechsel zum elektronischen Buch gaben dessen Leser an, keinen Platz mehr für physische Bücher zu haben. Ein zweiter Grund war der niedrigere Preis für elektronische Bücher und der dritte Grund ist die Umweltfreundlichkeit (kein Papier) des elektronischen Buches.

          Der gesamte Umsatz dürfte bei 1,4 Milliarden Euro liegen

          Der Preis für elektronische Bücher liegt eher bei dem eines Taschenbuchs (Durchschnitt 12 Euro) als dem eines Buches mit Festeinband (Durchschnitt 26 Euro). Der Durchschnittspreis für elektronische Bücher der Unterhaltungsliteratur ist im vergangenen Jahr von 10,40 Euro auf 8 Euro gesunken. Das macht sich bei mehr als sechs Büchern, die ein Besitzer eines E-Book-Lesegerätes im Jahresdurchschnitt bezieht, schon bemerkbar.

          Während der Handel eher ängstlich auf die zunehmende Nutzung elektronischer Bücher blickt, sehen die Verlage die Entwicklung optimistisch. Für sie könnten sich endlich die Investitionen in das elektronische Angebot rechnen. Der Anteil des Umsatzes mit elektronischen Büchern ist in den Verlagen binnen eines Jahres von 5,4 auf 6,2 Prozent gestiegen. Dass der Umsatz mit elektronischen Büchern im Handel nur 1 Prozent ausmacht, liegt vor allem an der unterschiedlichen Definition. Im Handel wurden 2011 etwa 40 Millionen Euro mit elektronischen Büchern umgesetzt, das war gegenüber 2010 nahezu eine Umsatzverdoppelung. Darin ist aber nur unterhaltende Literatur (Belletristik) enthalten, auf die in Deutschland 4 Milliarden Euro Umsatz entfallen.

          Sehr viel weiter in der Elektronisierung ihrer Produktion sind die Wissenschaftsverlage, die schon seit Jahren viele Werke nur noch elektronisch anbieten. Allerdings sind das keine elektronischen Bücher für spezielle Lesegeräte (E-Reader), sondern Formate, die sich Hochschulen oder Studenten meist direkt auf den Computer oder Laptop herunterladen. Dieses Geschäft geht heute schon weitgehend am Buchhandel vorbei. Damit hat sich der Handel abgefunden. Der gesamte Umsatz mit elektronischen Büchern im weiteren Sinn dürfte daher auch nicht bei den für die Belletristik veröffentlichten 40 Millionen Euro liegen, sondern einschließlich der wissenschaftlichen Literatur bei 1,4 Milliarden Euro. Während aber wissenschaftliche Literatur für den Handel ein eher kleines Marktsegment ist, gehört Belletristik zum Kerngeschäft. Auf Unterhaltungsliteratur entfällt noch immer mehr als ein Drittel des gesamten Umsatzes im deutschen Buchhandel.

          „Das Buch bleibt Leitmedium“

          Und diesen Umsatz droht er nicht nur durch elektronische Bücher zu verlieren. Auch der Onlinehandel, also die Bestellung physischer Bücher direkt bei Amazon oder Weltbild, macht dem stationären Handel zu schaffen. Die Versender haben ihren vor allem online erzielten Umsatz im vergangenen Jahr zwar nicht mehr zweistellig erhöhen können, aber er ist um 5 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro gewachsen, während der stationäre Buchhandel 3 Prozent auf 4,78 Milliarden Euro verloren hat. Der stationäre Fachbuchhandel ist damit erstmals auf einen Marktanteil von weniger als 50 Prozent gefallen. Noch schlechter haben Warenhäuser und die Buchgemeinschaften (beide jeweils minus 13 Prozent) abgeschnitten.

          Die gesamte Buchbranche (Verlage und Händler) in Deutschland schrumpfte nach sieben Wachstumsjahren leicht um 1,4 Prozent auf 9,6 Milliarden Euro. Das hängt vor allem mit dem Sarrazin-Effekt zusammen. Das Buch „Deutschland schafft sich ab“ hatte im Jahr 2010 für hohe Umsatzzuwächse gesorgt.

          Ein solcher Bestseller könnte auch in diesem Jahr die schlechten Zahlen aus den ersten Monaten ausgleichen. In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres ist der Branchenumsatz um gut 2 Prozent geschrumpft, wobei die stationären Buchhandlungen weiterhin mit einem Minus von 5 Prozent überdurchschnittlich verloren. Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, gibt sich dennoch optimistisch: „Das Buch bleibt Leitmedium - und kann elektronisch sogar schneller als bisher Inhalte in die Gesellschaft tragen.“

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