31.08.2004 · Als weltgrößter Ausrüster im Strebbau sieht die RAG-Tochtergesellschaft DBT für ihre Bergbautechnik große Chancen in China. Im Steinkohlebergbau ist Wachstum nur noch im Ausland möglich. F.A.Z.-Serie „Zukunft made in Germany“.
Von Christine Scharrenbroch1000 Meter unter Kamp-Lintfort ist die Luft von Kohlenstaub erfüllt. Der enge Tunnel wird nur spärlich beleuchtet. Mit schnell rotierenden Walzen arbeitet sich die mächtige Maschine durch das Flöz. Die Kohlebrocken fallen in eine stählerne Förderrinne, die sie abtransportiert. Gestützt wird der 450 Meter lange Hohlraum, Streb genannt, durch eine lange Reihe stählerner Schilde. Sie fangen den Druck des Gesteins auf und verhindern, daß die Decke einstürzt.
Jeder der hydraulisch ausfahrbaren 303 Schilde stemmt 580 Tonnen Gebirge - das entspricht beinahe dem Gewicht von zwei Flugzeugen des Typs Boeing 747. Sobald die Gewinnungsmaschine vorbeigefahren ist, rücken die Schilde auf ihren Gleitkufen automatisch nach vorne, um den neu entstandenen Hohlraum zu sichern.
Die 19 Tonnen schweren Kolosse im Bergwerk West stammen von der DBT (Deutsche Bergbau-Technik) GmbH mit Sitz in Lünen. Die Tochtergesellschaft der RAG Coal International, im Essener RAG-Konzern für die kohlenahen Auslandsaktivitäten zuständig, ist auf der ganzen Welt der größte Ausrüster für den Strebbau. Die Spezialisierung liegt auf der Hand, denn in Deutschland wird Steinkohle ausschließlich mit dieser Methode gefördert.
Hilfreiche Entwicklungspartnerschaft
Ihre führende Rolle in dem Geschäft verdankt die DBT, die 1995 durch die Fusion von drei angeschlagenen Bergbauzulieferern entstand, unter anderem der Zusammenarbeit mit der Schwestergesellschaft Deutsche Steinkohle AG (DSK). Die DSK betreibt die verbliebenen neun deutschen Steinkohle-Bergwerke.
"Die Entwicklungspartnerschaft mit der DSK ist von größter Wichtigkeit", sagt Jürgen W. Stadelhofer, Vorstandsvorsitzender von RAG Coal International. In den deutschen Zechen werden neu entwickelte Maschinen zum ersten Mal eingesetzt, auf ihre Zuverlässigkeit getestet und von Schwachstellen befreit. Steht die Anlage erst einmal beim Kunden, werden Anlaufschwierigkeiten nicht mehr toleriert.
Die Erprobung in den Zechen sei wie "wenn beim Auto Testfahrten gemacht werden", vergleicht ein Sprecher. Hervorgebracht wurden Geräte, die Streblängen von mehr als 400 Metern ermöglichen, während in den siebziger Jahren das Maximum bei 250 Metern lag. Aus einem solchen Abbaubetrieb lassen sich monatlich bis zu 700 000 Tonnen Kohle gewinnen.
Wachstum nur im Ausland möglich
Noch ist die DSK größter Kunde der DBT. 2003 sorgte sie für rund 30 Prozent des Umsatzes von 507 Millionen Euro. Der deutsche Steinkohlebergbau verliert jedoch als Markt mit sinkenden Subventionen immer weiter an Bedeutung. "Wachstum ist nur noch im Ausland möglich", stellt Stadelhofer fest.
Um weiter voranzukommen, ist die DBT auf der Suche nach einem Entwicklungspartner. Bisher konnten Produkte in den zum Konzern gehörenden Bergwerken in den Vereinigten Staaten und Australien getestet werden. Vor kurzem hat sich die RAG jedoch komplett von ihrem Auslandsbergbau getrennt. Stadelhofer hat sich vorgenommen: "Wir müssen uns mit einem der führenden Kohleunternehmen der Welt zusammentun." Dieses könne aus Amerika, Australien, aber auch aus China stammen. Der Partner soll nicht nur Neuentwicklungen testen, sondern sich auch mit bis zu 49 Prozent an der DBT beteiligen.
Mit dem Geld will Stadelhofer die DBT weiterentwickeln - was ausdrücklicher Auftrag des RAG-Vorstandsvorsitzenden Werner Müller sei. Ziel ist es, in den nächsten fünf Jahren den führenden Bergbauzulieferer Joy Global Inc. (Umsatz: 1,2 Milliarden Euro) zu überholen. Durch Akquisitionen soll der Einstieg in den Obertage-Bergbau gelingen. Dieser verspricht das größte Wachstumspotential, da 60 Prozent des Kohleabbaus auf der Erde über Tage stattfinden.
Weiterentwickelt werden soll zudem die "Room & Pillar-Technik", neben dem Strebbau die zweite Fördermethode unter Tage. Dabei wird auf das Abstützen der Hohlräume durch stählerne Einbauten verzichtet. Statt dessen bleiben Pfeiler aus Kohle stehen, zwischen denen die Kohle herausgelöst wird. Anwendung findet diese Technik dort, wo die Kohle nicht so tief liegt wie hierzulande, etwa in den Vereinigten Staaten und Australien.
In diesem Markt ist die DBT erst seit 2001 tätig. Damals gelang die Übernahme des amerikanischen Zulieferers Long-Airdox, der auf "Room & Pillar" spezialisiert ist. Auch im Strebbau arbeitet die DBT an Innovationen: Da die Tragkraft der Schilde als ausgereizt gilt, widmen sich die Ingenieure der weiteren Automatisierung der einzelnen Komponenten im Streb. Die Maschinen sollen noch intensiver miteinander kommunizieren. Weiter verbessert werden soll auch die Verläßlichkeit und einfache Instandhaltung der Anlagen. 70 Prozent der Produkte seien in den vergangenen fünf Jahren entwickelt worden, sagt Stadelhofer. Während Stahlteile oder Druckzylinder im Ausland gefertigt werden, ist die Entwicklung und Herstellung von Kernkomponenten für ein Schild, wie Hydraulik und automatische Steuerung, am Stammsitz in Lünen angesiedelt.
Bereits drei Fertigungsstätten in China
Sein Augenmerk richtet der RAG-Coal-International-Chef vor allem auf China, wo die DBT drei Fertigungsstätten unterhält: "Das ist in den nächsten 15 Jahren der Wachstumsmarkt schlechthin." Der steigende Strombedarf wird Prognosen zufolge zu einer Ausweitung des Abbaus von Kohle führen, die in China einen Anteil von knapp 80 Prozent an der Energieerzeugung hat. Schon heute ist China der größte Steinkohleproduzent - mit jährlich 1,7 Milliarden Tonnen bei einer Weltfördermenge von 4,3 Milliarden. Von dort kam auch der bisher größte Auftrag in der Geschichte der DBT: Ein führender Kohleproduzent, die Shenhua International Ltd., orderte 491 Schilde im Wert von 60 Millionen Dollar.
Neben den Chinesen sorgen derzeit die Russen für die größten Bestellungen bei der DBT. "Dort boomt das Geschäft", sagt Stadelhofer. Generell seien die Unternehmen investitionsfreudig, da die Kohlepreise auf einem Hoch notierten. Dank einer guten Auftragslage rechnet er im laufenden Jahr mit einem Umsatzsprung auf knapp unter 700 Millionen Euro. Der Gewinn werde jedoch in etwa auf dem Vorjahresniveau (24,6 Millionen Euro vor Zinsen und Steuern) verharren, da es nicht gelungen sei, die hohen Stahlpreise an die Kunden weiterzugeben.
Technik auch für anderen Materialien einsetzbar
Einsetzen lasse sich die Technik der DBT nicht nur zur Förderung von Kohle, sondern auch zum Abbau von anderen Materialien, beschreibt Stadelhofer eine weitere Wachstumsstrategie. So hat die DBT im Dezember eine Anlage für einen Kali-Bergbau in Weißrußland geliefert. Denkbar ist auch der Einsatz zur Gewinnung von Gold-, Kupfer- oder Platinerz, dem sogenannten Hartgesteinsbergbau. Da die mechanische Beanspruchung höher ist als im Kohlenbergbau, werden die Maschinen derzeit angepaßt. Im Geschäftsfeld Transportsysteme hat die DBT den Einstieg bereits geschafft: In einem südafrikanischen Goldbergwerk fährt eine Einschienen-Hängebahn aus Lünen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.378,39 | −1,13% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2435 | −0,43% |
| Rohöl Brent Crude | 105,11 $ | −1,63% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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