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Zukunft made in Germany / Teil 6 Zwei Aufzüge begnügen sich mit einem Schacht

28.08.2004 ·  Hochhäuser kommen ohne Aufzüge nicht aus. Dabei steigt mit der Anzahl der Geschosse und der darin arbeitenden Menschen der Aufwand, einen zügigen Passagiertransport zu garantieren. Thyssen-Krupp bietet neue Konzepte an.

Von Georg Küffner
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Hochhäuser kommen ohne Aufzüge nicht aus. Dabei steigt mit der Anzahl der Geschosse und der darin arbeitenden Menschen der Aufwand, einen zügigen Passagiertransport zu garantieren.

Was man darunter zu verstehen hat, klärt eine allseits akzeptierte Planungsregel: Innerhalb von fünf Minuten müssen 15 Prozent der im Gebäude befindlichen Personen transportiert werden können, und die Fahrzeit von der untersten bis zur obersten Etage darf nicht mehr als zwei Minuten betragen. Um diesen Standard zu erfüllen, werden in sehr hohe Gebäude mehrere Aufzugsschächte eingebaut, die zum Teil bis zu einem Drittel der Grundfläche in Anspruch nehmen.

Um trotz des hohen Platzbedarfs für die Aufzüge die effektiv nutzbare Büro- und Nutzfläche möglichst groß zu halten, hat Thyssen-Krupp, hinter Otis und Schindler der drittgrößte Aufzugshersteller der Welt, das schon länger erdachte, aber bisher wegen des damit verbundenen hohen Steuerungsaufwandes nicht zu realisierende Twin-Konzept zur Marktreife gebracht: Dabei handelt es sich nicht um einen der bislang üblichen Doppeldeckeraufzüge mit ihren beiden fest aneinandergekoppelten Aufzugskabinen, die auf zweigeschossige Haltestationen angewiesen sind.

Computersteuerung weist den Aufzügen den Weg

Vielmehr besteht ein Twin-Aufzug aus zwei voneinander weitgehend autonom arbeitenden Fahrkabinen, die einen gemeinsamen Schacht nutzen. Jeder der beiden Aufzüge kann unabhängig von dem anderen fast sämtliche Stockwerke anfahren. Eine zentrale Computersteuerung und ein mehrstufiges Sicherheitssystem aus mechanisch und elektronisch arbeitenden Komponenten hält dabei die beiden Kabinen auf sichere Distanz. Da sich beim Twin-Konzept zwei Aufzüge mit einem Schacht begnügen, steht mehr vermietbare Nutzfläche zur Verfügung - ohne die Förderleistung einzuschränken.

In Kombination mit der von Thyssen-Krupp-Ingenieuren ebenfalls perfektionierten Zielauswahlsteuerung kann die Wartezeit im Vergleich zu herkömmlichen Aufzügen sogar um bis zu 30 Prozent vermindert werden: Anders als bisher hält der Aufzug nicht mehr stur auf der Etage, auf der er gerufen wird, nur weil er in der gewünschten Richtung unterwegs ist. Bei der Zielauswahlsteuerung übernimmt ein Computer die Zuordnung der Fahrkabinen zu den wartenden Personen. So fährt etwa ein vollbesetzter Aufzug ohne anzuhalten vorbei, während ein anderer damit beauftragt wird, die auf unterschiedlichen Etagen stehenden Passagiere einzusammeln.

Die erste Prototyp-Anlage eines Twin-Aufzugs hat Thyssen-Krupp 2002 in ein elfgeschossiges Gebäude der Universität Stuttgart eingebaut. Seit dem Spätherbst des vergangenen Jahres arbeitet eine zweite Anlage in der Zentrale der Thyssen-Krupp AG im Dreischeibenhaus in Düsseldorf. Nach den Aussagen von Monica Soffritti von der Thyssen-Krupp Elevator AG sei das Interesse von Investoren, Architekten und Aufzugsplanern an dem neuen System überaus groß. Mehrere Bestellungen für Twin-Aufzüge lägen vor.

Technische Erfolge lassen Umsätze steigen

Die technischen Erfolge von ThyssenKrupp Elevator - und vor allem auch das Geschäft mit weltweit 720 000 Wartungsverträgen - schlagen sich in den Zahlen dieses im Vergleich zu den Segmenten Steel (Qualitäts- und Edelstahl), Dienstleistungen und Automobilzulieferungen deutlich kleineren Konzernbereichs nieder: Im Aufzugsgeschäft geht es bei Thyssen-Krupp langsam, aber stetig aufwärts, und zwar in den ersten drei Quartalen des laufenden Geschäftsjahrs beim Umsatz auf 2,6 Milliarden Euro (2,4 Milliarden Euro) und beim Ergebnis auf 261 Millionen Euro (245 Millionen Euro). Bereits im Geschäftsjahr 2002/2003 war der Aufzugsbereich überdurchschnittlich erfolgreich: Bei einem Umsatz von rund 9 Milliarden Euro lag das Ergebnis bei 355 Millionen Euro, während das Stahlsegment bei einem Umsatz von 31 Milliarden Euro nur auf ein Ergebnis von 384 Millionen Euro kam.

Mit den Twin-Aufzügen und der Zielauswahlsteuerung hat Thyssen-Krupp Elevator jedoch ihr Innovationspulver noch nicht verschossen. So hat sich die Aufzugstechnik gravierend verändert, seit Fahrkabinen nicht mehr über eine "Nabelschnur" mit elektrischem Strom (für die Innenbeleuchtung) und mit Steuerungsdaten versorgt werden müssen. Die Lösung ist der sogenannte hängekabellose Aufzug, der vor allem bei sehr hohen Gebäuden und bei in Außenfassaden integrierten Anlagen Vorteile bietet.

Der Datenaustausch zur Fahrkabine wird über eine Wireless-Lan-("Local Area Network"-)Funkstrecke sichergestellt. Für die Stromübertragung zum Fahrkorb nutzt man die gleiche Technik, wie sie für den Antrieb führerloser Transportsysteme schon länger eingesetzt wird: Eine im Fahrweg verlegte Leiterschleife überträgt induktiv die elektrische Energie in den sich (frei) bewegenden Transportwagen.

Neue Ideen auch bei Laufbändern

Während Thyssen-Krupp bereits mehrere hängekabellose Aufzüge verkauft hat, wartet ihr bei Thyssen-Krupp Norte S.A. im spanischen Mieres entwickelter und dort in einer Halle als Prototyp installierter "accelerating walkway" noch auf den ersten Kunden. In Frage kommen vor allem Messe- und Flughafengesellschaften. Überall dort, wo lange Wege zurückgelegt werden müssen, kann dieser Fahrsteig seinen Vorteil ausspielen. Denn er fährt nicht wie konventionelle Laufbänder mit einer gleichbleibend langsamen Geschwindigkeit von etwas mehr als zwei Kilometer in der Stunde.

Der Fahrsteig mit Tempo-Dynamik kann beschleunigen - und zwar bis auf 7 Kilometer in der Stunde, was in etwa der doppelten Fußgängergeschwindigkeit entspricht. Möglich wird das durch einen teleskopartig in sich verschiebbaren Laufsteg, der sich aus mehreren Einzelwagen zusammensetzt. Geht die Geschwindigkeit zurück, schieben sich die Segmente übereinander, um bei steigender Geschwindigkeit wieder komplett zum Vorschein zu kommen. Der gleiche "Dehnungseffekt" wird vom Handlauf verlangt. Die hierfür gefundene Lösung funktioniere zwar, könne aber, wie aus dem Hause Thyssen-Krupp zu hören ist, noch weiter optimiert werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2004, Nr. 200 / Seite 12
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Jahrgang 1947, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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