26.08.2004 · Das Chemiegeschäft steht auf den ersten Blick eher im Schatten des Altana-Konzerns. Doch die Byk-Chemie des Altana-Konzerns arbeitet an Additiven für die Industrie, die auch den Verbraucheralltag verändern können.
Von Michael PsottaDas Chemiegeschäft steht auf den ersten Blick eher im Schatten des Altana-Konzerns. Dominiert wird das Bild des zur Familie Quandt gehörenden Konzerns vielmehr vom Unternehmensbereich Pharma.
Das liegt schon daran, daß der Nutzen von Medikamenten auf der Hand liegt, während die Wirkungsweise von Spezialchemikalien meist nur dem Fachmann etwas sagt. Vor allem aber führt Altana Pharma bereits einen sogenannten Blockbuster im Sortiment, also ein Medikament mit einem jährlichen Umsatzpotential von mindestens einer Milliarde Dollar, und arbeitet schon an zwei vergleichbaren Umsatzbringern.
Konzentration auf Nischen kann lukrativ sein
Da zeigt sich die Altana Chemie bescheidener: Schon einen Umsatz von einer Million Euro je Produkt sehe er als Erfolg an, sagt Roland Peter, Vorsitzender der Geschäftsführung der Byk-Chemie, der wichtigsten Chemie-Tochtergesellschaft von Altana. Das Hauptgeschäft der Byk-Chemie besteht aus Additiven. Das sind winzige Zusatzmengen vor allem für Lacke und Kunststoffe, die deren Eigenschaften verbessern sollen. Das ist tatsächlich ein Nischengeschäft.
Gleichwohl zeigt das Beispiel der Altana-Chemie, daß die Konzentration auf derartige Nischen lukrativ sein kann, wenn man sie im Weltmaßstab betreibt und wenn man ständig daran arbeitet, durch Innovationen die Führung in der Nische zu erhalten.
Diese Innovationen haben auch für den Endverbraucher ihre Bedeutung, da sie seinen Alltag verändern können. Soeben hat Byk-Chemie einen Zusatzstoff aus winzigen Teilchen, sogenannten Nanopartikeln, in die Nähe der Marktreife geführt, der Möbel kratzfest machen soll. Der erste und bisher einzige Kunde, ein Möbelhersteller, testet die mit den Nanopartikeln vermischten Lacke noch auf ihre Marktchancen.
Sie dürften positiv ausfallen, da der Möbelproduzent künftig ein wertvolles Verkaufsargument besitzt: Seine Kunden können mit harten Gegenständen oder gar Schmirgelpapier auf den Möbeln wüten, ohne daß dies Spuren hinterläßt - eine reizvolle Vorstellung etwa für Familien mit Kindern, aber auch für die Ausstattung stark beanspruchter Unternehmenseinrichtungen. Zunächst darf der Möbelhersteller das neue Produkt sechs Monate allein vermarkten, dann wird es auch der Konkurrenz angeboten. Schon heute erwägt Byk-Chemie, dieses Additiv auf andere Anwendungen zu übertragen. So werde man auch Parkett- und PVC-Böden zu höherer Kratzfestigkeit verhelfen.
Mehrere Jahre bis zur Etablierung am Markt
Entwickelt wurden die Nanoteilchen innerhalb weniger Monate gemeinsam mit der amerikanischen Nanophase Technologies, an der sich Altana zuvor mit 7 Prozent beteiligt hatte; damit stieg das Unternehmen zum größten industriellen Investor auf. Die neuen Teilchen bestehen aus äußerst hartem Aluminiumoxyd. Der Clou daran ist, daß sie erstmals so klein produziert werden, daß die damit vermischten Lacke nicht an Glanz verlieren.
Der Erfolg des neuen Produkts ist für Byk-Chemie nicht genau absehbar. Zwar steht vor jeder der jährlich etwa 20 Neuentwicklungen eine gründliche Beobachtung der Kundenbedürfnisse, also der industriellen Abnehmer. Und häufig werden einzelne Produkte erst einmal mit einem einzigen Kunden exklusiv entwickelt und getestet. Selbst wenn dieser Kunde schließlich zugreift, bedeutet das noch längst keinen raschen Erfolg für Byk-Chemie. Nach Peters Worten kann es mehrere Jahre dauern, bis ein Additiv am Markt etabliert ist, weil jeder Hersteller selbst erst einmal vorsichtig seine bisherige Produktpalette verändert.
Anwendung auch als kratzfeste Lacke für Autos
Dazu kommt, daß die einzelnen Branchen völlig unterschiedliche Anforderungen an die Lacke stellen. So ist auch die Autoindustrie höchst interessiert an kratzfesten Lacken. Da aber lassen sich nicht einfach die Additive für Möbel einmischen. Gefragt sei beispielsweise auch der Schutz vor saurem Regen oder Vogelkot, erläutert Karl-Heinz Haubennestel, Forschungsleiter der Byk-Chemie.
In zwei oder drei Jahren aber könne man Autos mit kratzfesten Lacken, zusammengemischt mit Additiven von Byk-Chemie, durchaus auf dem Markt erwarten. Allerdings herrscht hier starke Konkurrenz: Auch andere Spezialchemieunternehmen wie Degussa und Ciba arbeiten an entsprechenden Lackmischungen für die lukrative Kundschaft Autoindustrie.
Erheblich weiter fortgeschritten ist Byk-Chemie mit Zusatzstoffen, die Oberflächen resistent gegen Wasser und Schmutz machen - mit dem für Verbraucher angenehmen Effekt, daß etwa ihre Dusche kaum noch gereinigt werden muß. Die technische Herausforderung bestand vor allem darin, einen Zusatzstoff zu finden, der den Kunststoff wasserabweisend macht, aber nicht eintrübt, wie Haubennestel erläutert: "Die Endverbraucher wollen die glänzende Oberfläche." Byk-Chemie hat dieses Additiv - ebenfalls mit Hilfe von kleinsten Partikeln - schon vor Jahren entwickelt, aber die Vermarktung benötigt Zeit und Mühe.
Rund 120 Mitarbeiter beschäftigt Byk-Chemie im internationalen Vertrieb, dazu kommen knapp 100 Anwendungstechniker, die in eigenen Labors oder bei Kunden helfen, geeignete Einsatzmöglichkeiten für die Additive zu finden. So werden die Additive zur Schmutzabweisung probehalber in Fässern eingesetzt, die normalerweise mit hochwertigen Gütern wie etwa Vitaminen gefüllt sind - sie lassen sich jetzt leichter entleeren und stehen damit schneller für den nächsten Einsatz bereit.
Nach Peters Angaben beschäftigt sich Byk-Chemie auch mit Additiven, die Lacke und Farben schneller trocknen lassen. Das könnte nicht nur dazu führen, daß Tropfen und Nasen beim Wandanstrich der Vergangenheit angehören: Wirtschaftlich attraktiv könnten schnell trocknende Farben auch beim Schiffsanstrich werden, da die Liegezeiten im Trockendock kürzer werden. In der Entwicklung befinden sich weiterhin Zusatzstoffe, die Tapetenfarben entschäumen, also verhindern, daß beim Trocknen kleine Blasen entstehen. Andere Additive sollen dabei helfen, daß der neue Teppichboden keine unangenehmen Gerüche verbreitet.
Zentrale Koordination und freie Hand bei der Forschung
Allein in Wesel am Niederrhein, dem Stammsitz der Byk-Chemie, arbeiten 70 Mitarbeiter an der Entwicklung neuer Additive. Sie werden von mehr als 80 Entwicklungsspezialisten in Anwendungslabors in aller Welt ergänzt, die sich um die Frage kümmern, wie die Additive den industriellen Kunden nutzen könnten. Diese Labors stehen in Korea, Japan, Singapur, China, den Vereinigten Staaten und Brasilien.
Aus Peters Worten geht hervor, daß es zu den Geheimnissen der Führungskunst in der Byk-Chemie gehört, diese Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten einerseits zentral zu koordinieren und andererseits den Mitarbeitern in aller Welt freie Hand zu lassen, um die eine oder andere Idee gemeinsam mit ihren potentiellen Kunden erst einmal bürokratiefrei auszuprobieren.
Die Chemie hält immer besser mit
Für Altana lohnt sich das hochinnovative Spezialchemiegeschäft mit den Additiven im Zentrum; die beiden übrigen Chemiesparten befassen sich mit Spezialitäten für die Verpackungsindustrie und die Elektronikbranche. Auch wenn das Pharmageschäft, gemessen am Umsatz oder am Kapitaleinsatz, noch deutlich rentabler ist, hält die Chemie immer besser mit. So stieg der Chemieumsatz im ersten Halbjahr um 18 Prozent auf 445 Millionen Euro, während der Konzernumsatz um 9 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro zunahm. Gleichzeitig wurde das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) in der Chemie um 26 Prozent auf 88 Millionen Euro erhöht, im Konzern dagegen um nur 3 Prozent auf 374 Millionen Euro. Damit macht diese Gewinngröße in der Chemie bereits fast 20 Prozent vom Umsatz aus gegenüber gut 25 Prozent im Gesamtkonzern.
Gemessen an anderen Chemieunternehmen, erreicht die Altana Chemie bereits internationale Spitzenwerte. Daß der Altana-Vorstand auch künftig auf die Chemie setzt, zeigt am deutlichsten wohl das Vorhaben, den Anteil der Forschungs- und Entwicklungsausgaben noch zu erhöhen. Er liegt heute schon bei im Branchenvergleich üppigen 5 Prozent und soll demnächst auf 6 Prozent ausgebaut werden.
Michael Psotta Jahrgang 1957, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.378,39 | −1,13% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2435 | −0,43% |
| Rohöl Brent Crude | 105,11 $ | −1,63% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
Anonym bewerben? Ist das gut?