02.09.2004 · Tunnelbohrmaschinen von Herrenknecht bekommen immer einen Frauennamen. Noch ist das südbadische Unternehmen vorwiegend in Europa tätig, doch Herrenknecht hat viele Märkte im Visier. F.A.Z.-Serie „Zukunft made in Germany“.
Von Michael RothKleine Plastikfähnchen auf einer Weltkarte markieren, wo Tunnel für Autos, Eisen- und U-Bahnen, Trink- und Abwasserrohre, Gas- und Ölpipelines mit den Maschinen aus dem badischen Schwanau gebuddelt werden. Die meisten Fähnchen stecken in Europa, vor allem in der Schweiz, deutlich weniger in Asien und Osteuropa und die wenigsten in Nord- und Südamerika. Auf der Karte ist noch jede Menge Platz für Fähnchen.
Und so sprudelt es geradezu aus Martin Herrenknecht heraus, wenn er die künftigen Wachstumsmärkte des Unternehmens aufzählen soll, das er vor 29 Jahren gegründet hat. "Geschäft ist genug da, ich sehe keine Probleme. China, Singapur, Korea, der Iran, Nahost, Vietnam, Indonesien, Thailand, Süd- und Nordamerika, die Ukraine, Ungarn, die Slowakei", zählt er auf. Für jedes Land kann er eine plausible Begründung liefern, warum die Chancen sehr gut sind, dort seine Tunnelbohrmaschinen zu verkaufen.
Entwicklung in vielen Schwellenländern gleicht sich
In China werden nicht nur wegen der Olympischen Spiele viele U-Bahnen gebaut. "Nicht jeder Chinese wird sich ein Auto kaufen können", sagt Herrenknecht. In solchen Ländern müssen Massentransportsysteme wie Züge oder U-Bahnen her, und die fahren nun mal oft unterirdisch. Noch ein Vorteil für Herrenknecht: In China gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, daß alle U-Bahnen-Tunnel mit Maschinen gegraben werden, Tunnelbau mit Dynamit ist verpönt. Das Sprengverfahren trägt in der Branche übrigens den seltsamen Namen "Neue Österreichische Tunnelbauweise".
In vielen Schwellenländern gleicht sich die Entwicklung, sagt Herrenknecht. Erst werden Straßen und Gebäude gebaut, zehn Jahre später folgen U-Bahn und Kanalisation. "Erst wenn es stinkt, geht es für uns hier richtig los", sagt Herrenknecht, auch sonst ein Freund klarer Worte. In Iran fließt das meiste Wasser vom Gebirge in den Persischen Golf.
Gebraucht wird es aber auf der anderen Seite, in den wachsenden Städten und für die Landwirtschaft. Dorthin soll es in Tunneln gelangen. Gute Perspektiven für Herrenknecht. Zudem habe Iran ein ambitioniertes U-Bahn-Programm verabschiedet. "Im iranischen Staatshaushalt wird mit einem Ölpreis von 15 Dollar kalkuliert", rechnet Herrenknecht vor. Was darüber liegt und in die Kasse kommt, wird in die Infrastruktur investiert. Derzeit notiert der Ölpreis jenseits der 40 Dollar.
Erst Süd- dann Nordamerika
Der nächste Weg führt sein Unternehmen nach Südamerika. Nachdem sich die großen, größtenteils mit EU-Geld finanzierten Infrastrukturvorhaben in Spanien, Herrenknechts wichtigstem Markt, dem Ende nähern, "werden wir Südamerika aufreißen, um die Löcher aus Spanien zu stopfen", sagt er. Die spanischen Bauunternehmer, für die Herrenknecht schon zweistöckige U-Bahn-Tunnel gegraben hat, wendeten sich Lateinamerika zu. Aufgrund von Kultur und Sprache seien sie dort im Vorteil.
Selbst Nordamerika wird kommen, ist Herrenknecht überzeugt. Auch wenn es dort nicht gerade die besten Voraussetzungen für ausländische Unternehmen gibt. Ein Markt mit hoher Produkthaftung und vielen Anwälten, sagt Herrenknecht. Bei Gerichtsprozessen werden amerikanische Firmen schon mal geschont, oder es wird im Zweifelsfall eher für sie entschieden.
Politische Entwicklungen, wenn durch Regierungswechsel Projekte ins Rutschen kommen, sind oft die größten Risiken im Geschäft. Da ist es gut, wenn man sich vor Ort auskennt. Um den amerikanischen Markt noch besser kennenzulernen, hat Herrenknecht eine Gastprofessur in Colorado angenommen. Überhaupt sind Nähe und Kontakte viel wert.
Herrenknecht will lieber nicht so laut sagen, welche gängigen Vorurteile über Länder sich im Alltag bestätigen. Sein Strickmuster der Marktbearbeitung ist immer das gleiche. "Früh im Markt sein und festbeißen, dann seßhaft machen", wie Herrenknecht das beschreibt. In China war er bereits vor 15 Jahren. Wenn dann die erste Maschine verkauft ist, werde der Service (Montage, Wartung, Reparatur, Logistik für den Abraum) hinterhergeschoben. Neben dem Service hebt er auch den "engen Kontakt zur Baustelle" hervor, den er oft persönlich wahrnimmt.
Umfassendes Sortiment als Wettbewerbsvorteil
Gegenüber Wettbewerbern wie Wirth aus Erkelenz, Robbins aus Amerika, Lobat aus Kanada oder Mitsubishi aus Japan sieht sich Herrenknecht meistens im Vorteil. Er hat das umfassendste Sortiment. Die Maschinen können Tunnel im Durchmesser von 10 Zentimeter (für Telefonleitungen) bis zu mehr als 15 Meter (für Straßentunnel) graben. Selbstredend, daß die größte Tunnelbohrmaschine der Welt von Herrenknecht ist.
Alle Maschinen erhalten übrigens Frauennamen. In der Regel ist es der Vorname der "Tunnelpatin". Bei einem Tunnel in Berlin war das die Frau des früheren Bundespräsidenten Rau. Die Maschine hieß Christina, andere Maschinen tragen Namen wie Gabi (Ministerpräsidentin des Schweizer Kantons Uri) oder Heidi (den Namen fand ein Baustellenleiter für eine andere Maschine in der Schweiz lustig). Im Elbtunnel kam Trude zum Einsatz, ein Akronym für "Tief runter unter die Elbe".
Herrenknecht gilt in Sachen Technologie und Qualität weltweit führend. In fast allen technisch anspruchsvollen Projekten hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren mit seinen Maschinen den Zuschlag erhalten. Eine Art seismisches Vorausschauen ins Gestein oder Erdreich bis zu 40 Meter mittels Ultraschall ist damit ebenso möglich wie Geräte, die vermeiden helfen, daß sich der Boden über dem Tunnel beim Graben nicht hebt oder senkt. Das ist gerade beim U-Bahn-Bau, wenn unter Städten gegraben wird, immens wichtig. In Kairo wurde beispielsweise unter historischen Heiligtümern ein Drainagesystem gebohrt. Auch exakte Navigation ist wichtig, schließlich soll die Maschine am geplanten Ziel ans Tageslicht kommen.
Im Tunnel wird sofort nach dem Graben mit der Maschine betoniert, nicht nur zum Schutz gegen Einstürze, sondern auch bereits die Bodenplatte etwa für Eisenbahntrassen. Wenn vorne gegraben wird, werden im Autotunnel hinten von der Maschine schon die Straßenlampen montiert. Das stimmt zwar nicht ganz, aber Herrenknecht läßt das Bild zur Verdeutlichung gelten. Wer in den Vorstandsetagen deutscher Baukonzerne nach Herrenknecht fragt, bekommt oft Lob zu hören, wie etwa von Herbert Bodner, dem Vorstandsvorsitzenden des Baukonzerns Bilfinger Berger.
Weltmarktführer Herrenknecht will sich nicht auf dem Erreichten ausruhen
Weltmarktführerschaft heißt aber für Herrenknecht nicht, daß er sich ausruhen kann. Damit auch bei seinen Beschäftigten kein Übermut aufkommt, tragen sie im Tunnel silberfarbene Helme: eine dem Sport entlehnte Idee, nicht aufzuhören besser zu werden, schließlich gibt es auch Gold. Bisher ist jede Maschine von ihm ans Ziel gekommen. Diese bohren bisher vorwiegend in der Horizontalen. Als neue Anwendung, etwa für die Nutzung von Erdwärme, kann sich Herrenknecht für die Zukunft auch Bohren in der Vertikalen vorstellen.
Unter der Weltkarte in der Zentrale mit den Fähnchen hängen Diagramme, die anzeigen, wieviel Meter die jeweilige Bohrmaschine in den vergangenen Tagen oder Wochen vorangekommen ist. Die liegen jeden Tag auf Herrenknechts Schreibtisch, vor allem, wenn es nicht nach Plan läuft. Meter pro Tag ist die entscheidende Maßeinheit im Tunnelbau. Die am Ende für das Unternehmen mindestens genauso wichtige ist die Finanzierung der Projekte. Bürgschaften für Vorauszahlungen, Garantien, Leistung und Rückkauf machen oft das Doppelte des Umsatzes eines Auftrags aus.
Bisher ist alles gutgegangen, auch wenn starkes Wachstum und dessen Finanzierung wohl so manchen Spagat erforderte, wie in der Branche erzählt wird. In den vergangenen zehn Jahren legte Herrenknecht bei Umsatz und Beschäftigtenzahl in der Regel um zwischen 20 und 30 Prozent zu. Dieses Jahr soll nach 356 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2003 die Umsatzgrenze von 400 Millionen Euro fallen.
Die Ertragslage allerdings "läßt zu wünschen übrig", klagt er. Die Vorsteuerrendite von 3 Prozent sollte angesichts der zahlreichen Risiken doppelt so hoch sein. Doch gerade derzeit werden manche Baukonzerne angesichts nicht gerade toller eigener Zahlen "in den Verhandlungen immer burschikoser", moniert Herrenknecht. Die Eigenkapitalquote beträgt rund 25 Prozent. Den eigenen Weltmarktanteil schätzt er zwischen einem Drittel und 40 Prozent. Auf dem chinesischen Markt kommt er auf 50 Prozent.
Bei Fragen nach Flowtex sieht Herrenknecht etwas genervt aus. Mit Schneeballgeschäften um sogenannte Horizontalbohrmaschinen, die Herrenknecht auch im Angebot führt, hatte Flowtex-Chef Manfred Schmider, derzeit im Gefängnis, den größten Betrug in der deutschen Wirtschaftsgeschichte hingelegt. Schmider habe nur einmal bei ihm angerufen. "Ich habe ihm recht schnell gesagt, daß er vom Geschäft keine Ahnung hat", erzählt Herrenknecht. Am anderen Ende der Leitung habe dann jemand nach Luft geschnappt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,75 | −1,03% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2435 | −0,43% |
| Rohöl Brent Crude | 105,11 $ | −1,63% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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