21.02.2010 · Wer braucht noch die Deutsche Telekom? Das alte Geschäft verschwindet, ein neues ist nicht in Sicht. Mit der „Strategie 2.0“ hält René Obermann seine Mitarbeiter und Investoren noch bei Laune. Kann er mit dem Konzept einlösen, was er verspricht?
Von Georg MeckMuss sich ein Konzern neu erfinden, gründet er erst mal eine Arbeitsgruppe. So verfährt auch der Telekom-Chef René Obermann. Mehrere Teams lässt er gerade werkeln an einem neuen sinnstiftenden Konzept, das er als „Strategie 2.0“ zu verkaufen gedenkt.
Die Telekom werde zum „Weltmarktführer rund um das vernetzte Leben und Arbeiten“, tönt Obermann und malt an einer Welt, in der die Grenzen zwischen Internet, Mobilfunk und Fernsehen verfließen. Wo der ehemalige Staatsmonopolist darin seinen Platz findet, will er Mitte März mit einigem Brimborium verkünden: Keine Revolution steht zu erwarten, aber immerhin ein großer Wurf.
Denn wieder mal geht’s ums Ganze in einer Industrie, die vom technologischen Fortschritt überrollt wird, der Stück für Stück des Stammgeschäfts abhandenkommt. Gegen schwindende Einnahmen lässt sich eine Zeitlang ansparen. Eine dauerhafte Lösung ist das nicht.
30.000 Arbeitsplätze in drei Jahren gestrichen
Schon ganz andere Giganten haben sich aus der Geschichte verabschiedet. Nicht nur René Obermann, die gesamte Branche hat sich permanent gegen einen bösen Verdacht zu wehren: Wer braucht in ein paar Jahren noch die Telekom-Kolosse?
Die ganze Dramatik lässt sich anhand einiger simpler Daten aufzeigen: In ihrem ursprünglichen Geschäft, dem Verkauf von Gesprächsminuten im Festnetz, habe die Deutsche Telekom vor zehn Jahren 16 Milliarden Euro eingenommen, rechnet Analyst Frank Rothauge vor. „Im laufenden Jahr sind es noch 1,7 Milliarden Euro.“ 90 Prozent der Erlöse in dem Bereich gingen seit der Liberalisierung verloren.
So schnell kommt kein Manager nach mit dem Kostensenken. 30.000 Arbeitsplätze in Deutschland hat Obermann in den drei Jahren seiner Amtszeit gestrichen. Damit brüstet er sich auf Roadshows vor Investoren. „Und der Umbau im Festnetz geht weiter.“ Das heißt aber auch: Es lässt sich theoretisch hochrechnen, wann der Letzte der 130.000 Beschäftigten in Deutschland das Licht ausmacht.
Profitiert man wirklich vom mobilen Internet?
Neue Ideen sind also gefragt, höchste Zeit für Antworten, wo die Telekom künftig ihr Geld verdienen will. Obermanns Schlagwort heißt „mobiles Internet“. Früh hat der smarte Manager diesen Trend erkannt. Mit der exklusiven Vermarktung des iPhone in Deutschland hat er ihn auch genutzt.
Alles schön und gut, murren die Investoren, nur machen den Reibach andere. „Ich kann nicht erkennen, wie die Telekom vom Megatrend mobiles Internet profitiert“, wettert Klaus Kaldemorgen, Chef von Deutschlands größter Fondsgesellschaft DWS, und schimpft über die „unhaltbaren Zustände“ in dem Geschäft: „Die Aktionäre der Telekom finanzieren den massiven Ausbau der Netze und haben nichts davon. Der Gewinn fließt an Apple, Google und wie sie alle heißen.“ Diese Schieflage müsse Obermann schleunigst beheben, verlangt der Investor: „Das ist nicht länger hinzunehmen.“
Wohl wahr, es wird gemailt und gesurft wie nie, Smartphones erobern die gesamte Gesellschaft. Die Chefs von Firmen wie Google, Apple oder dem Blackberry-Hersteller RIM kriegen sich gar nicht ein vor lauter Euphorie über die Profite mit der neuen Technik, wie vorige Woche auf der weltgrößten Mobilfunkmesse in Barcelona zu beobachten war.
Umsätze mit Sprachminuten werden einbrechen
Die Netzbetreiber stehen bedröppelt daneben, beklagen die Ungerechtigkeit in der Welt und rufen im Zweifel die Politik zu Hilfe gegen die Eindringlinge aus der Software- und Geräteindustrie. Viel Zählbares hat die Mobilfunkbranche nicht zustande gebracht. Die Deutsche Telekom hat mal hier eine kluge Idee, mal dort eine sinnvolle Übernahme – trotzdem schafft es der Konzern nicht aus der Defensive.
René Obermann ist es zwar gelungen, die Flucht der Festnetz-Kunden einzudämmen, auch ein paar hunderttausend Rückkehrer hat er begrüßen dürfen – nur die goldenen Zeiten kommen nie wieder. Der Verbraucher hat sich daran gewöhnt, fürs Telefonieren wenig bis gar nichts zu zahlen. „Preiserhöhungen sind absolut nicht durchzusetzen“, stöhnt ein Telekom-Manager.
Auch der Mobilfunk, lange Wachstumsmotor im Konzern, stößt an seine Grenzen; zumindest in den reifen Märkten wie Deutschland, wo mehr Handys als Köpfe gezählt werden. „Die Umsätze mit Sprachminuten werden dramatisch einbrechen“, prophezeit Analyst Rothauge – dafür sorgen schon die Regulierer sowie die Konkurrenz durch die Discount-Tarife.
An ehemalige Höchstkurse wagt niemand zu denken
Kein Wunder, dass die T-Aktie nicht vom Fleck kommt, sich der Kurs hartnäckig unter 10 Euro hält. Woher soll sie auch kommen, die Kursphantasie? An die Höchstkurse jenseit der 100 Euro wagt niemand auch nur zu denken.
René Obermann ist gestraft genug, dass er im Überschwang der ersten Tage im Amt sein Schicksal an den Aktienkurs geknüpft hat: Messt mich an der Wertentwicklung, hat er sinngemäß verkündet. Heute notiert die T-Aktie etwa ein Drittel tiefer als im November 2006, als er zum Nachfolger von Kai-Uwe Ricke bestimmt wurde.
Grobe Schnitzer, das ist Obermanns Tragik, sind ihm nicht anzulasten, im Gegenteil: Er hat den Laden aufgescheucht, hat die unselige Vier-Säulen-Strategie eingestampft, die vor allem dazu geführt hatte, dass die T-Sparten gegeneinander intrigierten und den Rest der Menschheit irritierten. „Jetzt stellen wir den Kunden ins Zentrum“, lobt sich Obermann selbst für den „Meilenstein“.
Der Konzern als langweiliger, aber solider Versorger
Nach einem holprigen Start ins Jahr wird er mit der Bilanz am Donnerstag wohl das Erreichen der leicht nach unten revidierten Ziele für 2009 verkünden – eine wackere Leistung in diesen Zeiten, trotzdem nicht genug aus Sicht der Investoren. Sie interessiert vor allem eines: Wie viel schüttet Obermann an die T-Aktionäre aus?
Was es heißt, die Börse in diesem Punkt zu enttäuschen, hat Daimler-Chef Dieter Zetsche gerade erfahren: Die Daimler-Aktie verlor vergangenen Donnerstag in der Spitze knapp zehn Prozent, nachdem der Vorstand angekündigt hat, die Dividende zu streichen.
Ähnliches kann sich die Deutsche Telekom nicht leisten. Wenn die T-Aktie schon nicht als phantasieanregender Wachstumswert akzeptiert wird, dann will der Konzern wenigstens wie ein Versorger behandelt werden: etwas langweilig zwar, aber solide – und vor allem mit stabiler Dividende.
Künftige Dividenden werden kommuniziert
Lange schon fordern Investoren von Obermann eine Ansage, wie er sie künftig zu bedienen gedenkt. Bisher hat er sich dagegen gesträubt; aus Rücksicht auf die divergierenden Interessen in seinem Aufsichtsrat. Schließlich ist es der heikelste Part eines Telekom-Chefs, sich zwischen seinem gewinnmaximierenden Aktionär Blackstone, der wankelmütigen Politik und der stets kampfbereiten Gewerkschaft Verdi zu behaupten.
Wie zu hören ist, sollen die Aktionäre nun vom Vorstand erfahren, womit sie in den folgenden Jahren an Dividende zu rechnen haben. „Das hilft der T-Aktie“, sagt Analyst Rothauge. Und DWS-Chef Kaldemorgen bestätigt: „Das freut den Aktionär. Gibt die Telekom einen entsprechenden Ausblick, unterwirft sie sich der Disziplin bei künftigen Investitionen.“
Einfach rauswerfen ist undenkbar
Für die Beschäftigten bedeutet dies freilich auch: Das Sparen, also der Stellenabbau, geht weiter. Wenn die Festnetztechnik im Jahr 2014 umgestellt wird, werden mit einem Schlag 10.000 bis 20.000 Arbeitsplätze überflüssig, je nach Schätzung.
Die Beschäftigten einfach rauszuwerfen ist in dem ehemaligen Staatskonzern undenkbar. „Wir erwarten vom Vorstand eine Strategie, wie er dem Stellenabbau durch Infrasturkturausbau, Wachstumsideen und Ergänzungen im Portfolio entgegenwirkt“, sagt Verdi-Vorstand Lothar Schröder, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Telekom.
Auch die Arbeitnehmer hoffen gespannt auf die Telekom 2.0. Für den Fall, dass die Strategie nicht so ausfällt wie gewünscht, lassen sie schon mal die Muskeln spielen: „Nun muss sich zeigen, ob der Vorstand sich das Vertrauen der Beschäftigten verdient hat, oder ob sie nur mit Sprechblasen ruhig gehalten werden.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |