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Zukunft der Pestizide : Immer schnellere Chemie-Resistenzen mindern die Ernten

Ein Landwirt versprüht auf einem Feld im brandenburgischen Sieversdorf ein Pestizid. Bild: dpa

In der Landwirtschaft gibt es ernste Sorgen um Ernten und Böden. Die Bauern ringen um Antworten.

          Auf dem Berliner Messegelände zeigt die Landwirtschaft, was sie kann. Der Bauernverband hat in Halle 3 einen „Erlebnisbauernhof“ errichtet. Hier, heißt es, „kann die biologische Vielfalt auf Acker- und Rebflächen hautnah erfahren werden“.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Vielleicht eher als auf echten Äckern. Das Rebhuhn etwa wurde dort in wenigen Jahrzehnten von einer häufig vorkommenden zu einer sehr seltenen Art. Auch gibt es draußen auf dem Land immer weniger Pflanzenvielfalt. Stattdessen: Monokulturen und ungenügende Fruchtfolgen. Weshalb nun auch die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) mahnt, die Landwirtschaft müsse diesen Weg verlassen.

          Das Ernährungssystem sei nicht krisenanfällig, die Ernten seien von immer weniger chemischen Pflanzenschutzmitteln abhängig. Resistenzen von Insekten und Pflanzen dagegen nehmen dramatisch zu. Das landwirtschaftliche System gerate an vielen Standorten an Grenzen und überlebe nur mit „gigantischem Chemieaufwand“ sagte der DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer.

          „Wir sehen eine unglaubliche Dynamik“

          Seine Thesen finden Beifall - außer von Bauern. In Berlin waren sie das Hauptgesprächsthema. Für den Deutschen Bauernverband war es so, als stehle man ihm die Schau.

          Dessen Präsident Joachim Rukwied sagte bei einer Pressekonferenz mit bitterer Miene, er habe „süffisant“ lächeln müssen, dass ausgerechnet Herr Bartmer nun die bäuerliche Landwirtschaft entdecke. Davon hatte Bartmer aber mit keinem Wort gesprochen. Sondern das ausgesprochen, was unter Fachleuten klar ist: Zunehmend schnell verlieren die Agrarchemikalien ihre Wirksamkeit.

          Joachim Kakau, ein Professor für Pflanzenschutz, unterstützt Bartmers klare Mahnung. Sie habe ihn in dieser Ehrlichkeit überrascht, sagt Kakau, der an der Hochschule Osnabrück lehrt, dieser Zeitung. „Wir sehen eine unglaubliche Dynamik, mit der sich in den vergangenen Jahren neue Resistenzen gebildet haben.“

          Bodenpilze und kleine Würmer

          Ein Beispiel ist das Unkraut Ackerfuchsschwanz. Nur noch wenige Herbizide seien dagegen wirksam - in Deutschland. In England gebe es schon einen multiresistenten Ackerfuchsschwanz. So er sich ausbreitet, haben die Bauern keine Wahl, als die Äcker brachzulegen - und das Unkraut schließlich mit Glyphosat oder mechanisch zu beseitigen. Aber es kommt immer wieder. Die Ernte von mindestens einem Jahr entfällt. Wo Ackerfuchsschwanz im Getreidefeld mitwächst, drohen Ernteausfälle von 50 Prozent.

          Ein weiteres Beispiel: Bodenpilze, die Kartoffeln befallen. Oder Nematoden, kleine Würmer, die die Wurzeln fressen. Es gibt mittlerweile „Bodenpilze, die wir überhaupt nicht mehr bekämpfen können“, sagt Kakau. Dann schreibt der Gesetzgeber vor, dass auf dem Acker so lange keine Kartoffeln mehr angebaut werden dürfen, bis sämtliche Schädlinge tot sind. Das kann 30 bis 50 Jahre lang dauern.

          Worin liegt die Ursache? Kakau sagt klar: darin, dass die Landwirte nicht langfristige Folgen ihres Tuns einkalkulierten. Ihre Entscheidungen über die Fruchtwahl seien in der Regel von der Preislage bestimmt. So gebe es im Nordwesten Bauern, die alle zwei Jahre Kartoffeln anbauen - zu häufig. Dabei weiß man: Ein Drei-Jahres-Zyklus in der Fruchtfolge genügte schon, um die Bodenpilze und Nematoden schadlos zu halten. „Aber die Bauern haben Jahrzehnte gutes Geld damit verdient, dass sie ackerbauliche und pflanzenbauliche Aspekte nicht berücksichtigt haben. Dafür müssen sie jetzt zahlen“, sagt Kakau.

          Es gibt eine Reihe weiterer Beispiele für schnelle Resistenzausbreitung seit etwa zehn Jahren: beim Windhalm, beim Rapsglanzkäfer. Vom Bauernverband wünschte sich der Fachmann mehr Selbstkritik. Was sagt die Chemiewirtschaft? „Wir fahren gegen die Wand.“ Das sind die Worte des Sprechers des Agrarchemiekonzerns Syngenta: „Weil uns die Wirkstoffvielfalt abhandengekommen ist, weil sich die Pakete immer weiter einengen, machen wir es den Insekten und Pflanzen relativ leicht, sich darauf einzustellen.“ Auch er gesteht Mängel in der landwirtschaftlichen Praxis ein. Aber er sieht auch in Brüssel Ursachen: ständig steigende Umwelt- und Gesundheitsanforderungen in der Pestizidzulassung würden zu unüberwindbaren Hürden. Ein Beispiel: die geplante Bienenprüfrichtlinie. „Die wird dazu führen, dass wir nicht mehr in der Lage sein werden, Insektizide zuzulassen“, sagt der Sprecher,

          Auch im politischen Berlin wurden die Worte des DLG-Präsidenten diskutiert. „Mehr als bemerkenswert“ seien die, sagte der Sprecher für Gentechnik der Grünen, Harald Ebner, dieser Zeitung. „Herr Bartmer hat die Zeichen der Zeit erkannt. Ich freue mich, dass jetzt auch im Zentrum der konventionellen Landwirtschaft die Erkenntnis wächst, dass es so, also mit immer mehr Chemie auf den Äckern und nur am Wachstum orientiert, einfach nicht mehr weitergeht.“ Nun hoffe er, dass auch Bundesagrarminister Schmidt (CSU) endlich seine Ohren für solche Grünen-Forderungen öffne, wenn sie von der Agrarlobby selbst kämen. Die geforderten Konsequenzen aber sind zwischen Grünen und DLG sehr unterschiedlich. Die Grünen setzen auf den Totalausstieg aus den Pestiziden und eine Ablehnung auch neuer gentechnischer Zuchtmethoden wie Crispr/Cas. Die DLG sieht sie als Lösungsweg, damit eine „grüne Industrialisierung“ gelinge. Grüne und DLG sind sich nun aber darin einig, dass das Problem ohne tiefgreifendere staatliche Vorgaben für Fruchtfolgen und Fruchdiversität auf den Feldern nicht zu lösen sei.

          Der Bauernverband pflegt das Beleidigtsein. Walter Heidl, bayerischer Bauernpräsident, konterte Kritik des DLG-Präsidenten mit den Worten, er lasse sich die Arbeit fleißiger Bauern nicht „schlechtreden“. Bauernpräsident Rukwied wiederholt mantraartig seinen Wunsch nach „Dialog und Sachlichkeit“. Pflanzenschutzforscher Kakau stellt zum Problembewusstsein vieler Landwirte bezüglich der Resistenzexplosion fest: „Ihr erster und einziger Reflex ist: Wir brauchen neue Insektizide.“ Das erinnert an das Verhalten von Suchtkranken.

          Quelle: F.A.Z.

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