Home
http://www.faz.net/-gqe-7g8km
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Risikoabsicherung

Zugchaos in Mainz Bahn will Mitarbeiter aus dem Urlaub holen

Wegen des Zugchaos in Mainz versucht die Bahn nicht nur, verreiste Fahrdienstleiter zurück zu holen. Auch Mitarbeiter aus dem Ruhestand will sie reaktivieren.

© dpa Vergrößern Leere Anzeigentafel im Mainzer Hauptbahnhof

Für die Bahnfahrer in der Region Mainz ist keine Entspannung in Sicht: Von diesem Montag an werden wegen der Personalengpässe am Stellwerk noch weniger Fernzüge am Hauptbahnhof Mainz halten. Zu den Zugausfällen abends und nachts, unter denen Bahnkunden seit zehn Tagen leiden, kommen nun auch tagsüber Störungen. Vor allem im Regionalverkehr müssen Pendler mit mehr Zugausfällen rechnen. Sie sollen noch bis mindestens Ende August dauern, wie die Deutsche Bahn am Wochenende bestätigte.

Kerstin Schwenn Folgen:

Von den 15 Fahrdienstleitern im Stellwerk Mainz haben sich derzeit acht krank gemeldet oder sind im Urlaub. FDP-Generalsekretär Patrick Döring, der im Aufsichtsrat des Bahnkonzerns sitzt, forderte am Wochenende, Eisenbahner auf Bahnkosten aus dem Urlaub zurückzuholen. Die Mitarbeiter sollten sich loyal engagieren, denn wegen der Vorgänge in Mainz stehe der Ruf der Deutschen Bahn auf dem Spiel.

Die Bahn reagierte zurückhaltend auf den Vorschlag, die Bahngewerkschaft EVG wies die Idee als „unsozial und völlig inakzeptabel“ zurück. Ein Bahnsprecher sagte: „Wir versuchen alles, und wir versuchen es intensiv. Aber wir können nichts erzwingen.“ Offenbar will die Bahn zurzeit nicht von der Möglichkeit einer „dienstlichen Anweisung“ Gebrauch machen. Allerdings versucht die Bahn in der blamablen Lage in Mainz nicht nur, Mitarbeiter aus dem Urlaub zurückzuholen oder um Aufschub ihrer Ferien zu bitten. Auch Fahrdienstleiter im Ruhestand werden angesprochen.

Viele schieben Überstunden vor sich her

In den zurückliegenden Jahren hatte die Bahn wegen der Umrüstung auf elektronische Stellwerke - gut 400 der mehr als 3000 Stellwerke sind inzwischen computergesteuert - viele Fahrdienstleiter in Rente geschickt. Ihre Bereitschaft auszuhelfen könnte höher sein als die der aktiven Fahrdienstleiter. Deren Stimmung ist angespannt, da viele seit langem Überstunden vor sich herschieben und sich reif für den Urlaub fühlen. Hinzu kommt, dass am Standort Mainz nach einem Beinahe-Unfall staatsanwaltliche Ermittlungen Unruhe in die Belegschaft bringen.

Die Gewerkschaft EVG betonte, die Mitarbeiter im Mainzer Stellwerk brauchten dringend Erholungsurlaub. Sie hätten in der Vergangenheit schon mehrfach ihren Urlaub verschieben müssen oder seien aus dem Urlaub zurückgeholt worden. In vielen anderen Stellwerken sei dies genauso. „Verantwortungsvolle Personalpolitik sieht anders aus“, kritisierte der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner.

Der Arbeitgeber wisse seit langem von den Personalengpässen. „Jetzt den Kollegen den schwarzen Peter zuschieben, die ihren Erholungsurlaub dringend brauchen, ist einfach nur schäbig“, sagte Kirchner. Die Mitarbeiter arbeiteten jeden Tag bis zur Belastungsgrenze, müssten mit ständigen Dienstplanänderungen leben und hätten kaum noch Freizeit.

Weiterer Personalwechsel

Der neue Vorstandsvorsitzende der DB Netz AG, Frank Sennhenn, will an diesem Montag in Mainz nach kurz- und mittelfristigen Möglichkeiten suchen, den Personalengpass zu entschärfen. Am Dienstag soll ein „Runder Tisch“ mit Mitgliedern der rheinland-pfälzischen Landesregierung stattfinden.

Ein Gespräch von Sennhenn oder Konzern-Personalvorstand Ulrich Weber mit Kirchner ist im Moment nicht geplant. Die EVG steht unter Druck, weil die Lokführergewerkschaft GDL sich künftig auch mehr um die Berufsgruppe der Fahrdienstleiter bemühen will.

Im Vorstand der Netz-Tochtergesellschaft kommt es derweil - nach dem Wechsel im Vorsitz und im Personalressort vor wenigen Monaten - zu einer weiteren Umbesetzung: Produktionsvorstand Hansjörg Hess muss seinen Posten räumen. Offiziell bestätigt die Bahn diese Personalie noch nicht, vermutlich weil der Netz-Aufsichtsrat unter Leitung von Bahnchef Rüdiger Grube erst Ende August tagt und darüber entscheidet. Angeblich ist jedoch schon ein Nachfolger für Hess bestimmt.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bahn-Tarifstreit Ramsauer für Verbeamtung der Lokführer

Für die Bahn fahren rund 5000 verbeamtete Lokführer. Sie dürften gesetzlich nicht streiken. Deswegen werden nun Rufe lauter, alle Lokführer zu Staatsdienern zu machen. Mehr

11.05.2015, 10:00 Uhr | Wirtschaft
Kein früheres Streikende Weselsky ist gegen PR-Gag der Bahn

Der GDL-Vorsitzende Claus Weselsky hat den Vermittlervorschlag der Bahn als PR-Gag bezeichnet. Bahnchef Grube hatte am Vormittag angeregt, der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck solle von nun an den Verhandlungen zwischen dem Unternehmen und der Lokführer-Gewerkschaft teilnehmen. Mehr

06.05.2015, 16:51 Uhr | Wirtschaft
Ausstand der GDL Streikpause für Deutschland

GDL-Chef Claus Weselsky hat angekündigt, vorerst zu keinen neuen Streiks aufzurufen. Das hätten sich das Land und die Kunden verdient, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Dafür droht nun die Konkurrenzgewerkschaft EVG.  Mehr

10.05.2015, 09:01 Uhr | Wirtschaft
Arbeitsmarkt Virtuelle Nomaden - Die Cloudworker von morgen

Sie kommen vor allem aus der Werbe- und IT-Branche und werden immer mehr: Die sogenannten Cloudworker sind nicht mehr festangestellt, sie suchen sich ihre Auftraggeber im Netz. Mehr

19.03.2015, 10:57 Uhr | Wirtschaft
Tarifkonflikt Mehr Geld für streikende Lokführer?

Der Verkehrsminister fordert von den Lokführern, eine Schlichtung zu akzeptieren. Innerhalb der Gewerkschaft GDL wird einem Bericht zufolge darüber diskutiert, das Streikgeld zu erhöhen. So sollen mehr Mitarbeiter zum Ausstand bewegt werden. Mehr

18.05.2015, 05:11 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.08.2013, 18:02 Uhr

Gegen den Faustkampf

Von Joachim Jahn, Berlin

Im aktuellen Streik-Wirwarr wird eines immer wieder vergessen: Eine Arbeitsniederlegung darf nur das äußerste Mittel sein, weil sie schließlich ein massenhafter – wenngleich legaler – Bruch des Arbeitsvertrags ist. Mehr 11 6


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Kaum Männer in den Kitas

Um die Kinder sollen sich auch die Männer kümmern, heißt es seit Jahren. Tun sie auch, aber nur daheim. In den Kitas arbeiten fast nur Frauen. Vor allem in Bayern. Mehr 5