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Zugchaos in Mainz : Bahn will Mitarbeiter aus dem Urlaub holen

Leere Anzeigentafel im Mainzer Hauptbahnhof Bild: dpa

Wegen des Zugchaos in Mainz versucht die Bahn nicht nur, verreiste Fahrdienstleiter zurück zu holen. Auch Mitarbeiter aus dem Ruhestand will sie reaktivieren.

          Für die Bahnfahrer in der Region Mainz ist keine Entspannung in Sicht: Von diesem Montag an werden wegen der Personalengpässe am Stellwerk noch weniger Fernzüge am Hauptbahnhof Mainz halten. Zu den Zugausfällen abends und nachts, unter denen Bahnkunden seit zehn Tagen leiden, kommen nun auch tagsüber Störungen. Vor allem im Regionalverkehr müssen Pendler mit mehr Zugausfällen rechnen. Sie sollen noch bis mindestens Ende August dauern, wie die Deutsche Bahn am Wochenende bestätigte.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Von den 15 Fahrdienstleitern im Stellwerk Mainz haben sich derzeit acht krank gemeldet oder sind im Urlaub. FDP-Generalsekretär Patrick Döring, der im Aufsichtsrat des Bahnkonzerns sitzt, forderte am Wochenende, Eisenbahner auf Bahnkosten aus dem Urlaub zurückzuholen. Die Mitarbeiter sollten sich loyal engagieren, denn wegen der Vorgänge in Mainz stehe der Ruf der Deutschen Bahn auf dem Spiel.

          Die Bahn reagierte zurückhaltend auf den Vorschlag, die Bahngewerkschaft EVG wies die Idee als „unsozial und völlig inakzeptabel“ zurück. Ein Bahnsprecher sagte: „Wir versuchen alles, und wir versuchen es intensiv. Aber wir können nichts erzwingen.“ Offenbar will die Bahn zurzeit nicht von der Möglichkeit einer „dienstlichen Anweisung“ Gebrauch machen. Allerdings versucht die Bahn in der blamablen Lage in Mainz nicht nur, Mitarbeiter aus dem Urlaub zurückzuholen oder um Aufschub ihrer Ferien zu bitten. Auch Fahrdienstleiter im Ruhestand werden angesprochen.

          Viele schieben Überstunden vor sich her

          In den zurückliegenden Jahren hatte die Bahn wegen der Umrüstung auf elektronische Stellwerke - gut 400 der mehr als 3000 Stellwerke sind inzwischen computergesteuert - viele Fahrdienstleiter in Rente geschickt. Ihre Bereitschaft auszuhelfen könnte höher sein als die der aktiven Fahrdienstleiter. Deren Stimmung ist angespannt, da viele seit langem Überstunden vor sich herschieben und sich reif für den Urlaub fühlen. Hinzu kommt, dass am Standort Mainz nach einem Beinahe-Unfall staatsanwaltliche Ermittlungen Unruhe in die Belegschaft bringen.

          Die Gewerkschaft EVG betonte, die Mitarbeiter im Mainzer Stellwerk brauchten dringend Erholungsurlaub. Sie hätten in der Vergangenheit schon mehrfach ihren Urlaub verschieben müssen oder seien aus dem Urlaub zurückgeholt worden. In vielen anderen Stellwerken sei dies genauso. „Verantwortungsvolle Personalpolitik sieht anders aus“, kritisierte der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner.

          Der Arbeitgeber wisse seit langem von den Personalengpässen. „Jetzt den Kollegen den schwarzen Peter zuschieben, die ihren Erholungsurlaub dringend brauchen, ist einfach nur schäbig“, sagte Kirchner. Die Mitarbeiter arbeiteten jeden Tag bis zur Belastungsgrenze, müssten mit ständigen Dienstplanänderungen leben und hätten kaum noch Freizeit.

          Weiterer Personalwechsel

          Der neue Vorstandsvorsitzende der DB Netz AG, Frank Sennhenn, will an diesem Montag in Mainz nach kurz- und mittelfristigen Möglichkeiten suchen, den Personalengpass zu entschärfen. Am Dienstag soll ein „Runder Tisch“ mit Mitgliedern der rheinland-pfälzischen Landesregierung stattfinden.

          Ein Gespräch von Sennhenn oder Konzern-Personalvorstand Ulrich Weber mit Kirchner ist im Moment nicht geplant. Die EVG steht unter Druck, weil die Lokführergewerkschaft GDL sich künftig auch mehr um die Berufsgruppe der Fahrdienstleiter bemühen will.

          Im Vorstand der Netz-Tochtergesellschaft kommt es derweil - nach dem Wechsel im Vorsitz und im Personalressort vor wenigen Monaten - zu einer weiteren Umbesetzung: Produktionsvorstand Hansjörg Hess muss seinen Posten räumen. Offiziell bestätigt die Bahn diese Personalie noch nicht, vermutlich weil der Netz-Aufsichtsrat unter Leitung von Bahnchef Rüdiger Grube erst Ende August tagt und darüber entscheidet. Angeblich ist jedoch schon ein Nachfolger für Hess bestimmt.

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