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F.A.Z. exklusiv : Lügt die Zuckerindustrie das Süße gesund?

Eine gute Wahl? In den meisten Limonaden steckt sehr viel Zucker. Bild: dpa

Zuckersteuern sollen das Übergewicht vieler Menschen reduzieren. Doch das könnten sie nur, wenn Zucker überhaupt dick machte. Foodwatch wirft der Wirtschaft in einer neuen Studie Lügen vor.

          Wird der Zucker die neue Zigarette? Immer mehr Staaten und Städte führen Lenkungssteuern auf Limonaden, Regelungen der Bechergrößen oder Vorgaben für die Hersteller ein. Und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt den Regierungen schon lange, Steuern zu erheben, um die Gesundheitskassen vor den Folgekosten zu bewahren – etwa für die Behandlung von Karies, Arteriosklerose oder Herzkrankheiten. Die Zuckerindustrie wehrt sich gegen solche Steuern. Mit fragwürdigen Fakten, behauptet nun die Verbraucherorganisation Foodwatch. Sie will am Mittwoch mehrere „Mythen“ der Zuckerwirtschaft benennen.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Sie lagen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schon am Dienstag vor. Die Lobbyverbände „Wirtschaftliche Vereinigung Zucker“ und „Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke“ behaupteten etwa, Zucker mache „weder dick noch krank“ – beziehungsweise, es gebe keinen Zusammenhang zwischen dem Limonadenkonsum und Übergewicht. Das aber sehen die WHO oder die Welt-Adipositasgesellschaft anders. „Zahlreiche epidemiologische Untersuchungen liefern wichtige Daten für diesen Zusammenhang“, heißt es etwa auch im ernährungswissenschaftlichen Lehrbuch der emeritierten Professoren Claus Leitzmann und Ibrahim Elmadfa (Universitäten Gießen und Wien).

          Einerseits: Es gibt auch andere Risikofaktoren

          Die Zuckerwirtschaft wägt ab und erklärt auf Anfrage, wie sie ihre Aussagen meint: „In gewohnten Maßen“ sei Zucker nicht krankmachend. Das allerdings ließe sich auch von Zigaretten, Wodka oder Marihuana behaupten und ist geradezu eine Binsenweisheit. Bei Foodwatch erzeugt diese Sichtweise Kopfschütteln. Den Aktivisten Oliver Huizinga erinnert die Verteidigungsstrategie geradezu an diejenige der Zigarettenindustrie vor vielen Jahren: Die Zuckerindustrie versuche schon seit Jahren, die Aufmerksamkeit immer nur weg vom Zucker zu lenken und hin auf andere Risikofaktoren, sagt er.

          In der Tat gibt es davon reichlich. Laut dem vom Bundesforschungsministerium geförderten „Kompetenznetz Adipositas“ lauten die wichtigsten Risikofaktoren für starkes Übergewicht wie folgt: Übergewicht der Eltern, dass ein Mensch als Baby nicht gestillt wurde, zu wenig Schlaf, zu wenig Bewegung, hoher Medienkonsum. „Demgegenüber haben Ernährungsmuster oder auch der Verzehr einzelner Lebensmittel keine sehr enge Beziehung zum Körpergewicht“, fasst der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags in einer Überblickstudie zusammen.

          Andererseits: Abgeordnete belogen

          Trotzdem macht es sich die Industrie wohl zu leicht. In einem Fall, so empört sich Foodwatch, habe die Wirtschaftsvereinigung Zucker (WVZ) sogar „Abgeordnete des Deutschen Bundestags belogen“. Stein des Anstoßes ist ein Newsletter, der an die Mitglieder des Bundestagsausschusses für Ernährung versandt wird („Zucker Infodienst“). Hierin behauptet die WVZ, die für Konzerne wie Nordzucker oder Südzucker spricht, es nähmen „die Deutschen heute nicht mehr, sondern eher weniger Kalorien auf als früher“. Dies als Lüge zu werten ist zwar hoch gegriffen, aber es zeigt doch den stark interessengeleiteten Blick der Lobbyisten auf Statistiken. Die WVZ beruft sich auf Nachfrage nur auf eine einzige Studie, die nur den kurzen Zeitvergleich von 2006 bis 2012 anstellt – und darin ein Gleichbleiben der Kalorienzunahme feststellt. Über längere Frist aber ist die Kalorienzufuhr der Deutschen zweifelsfrei stark angestiegen, wie Daten der Welternährungsbehörde FAO, der OECD oder der EU-Kommission bezeugen.

          Der Kampf um die Deutungshoheit ist in vollem Gange. Das eine Extrem sind populäre Bücher, die Zucker als „Gift“ oder „weißes Gift“ oder als „süße Droge“ bezeichnen. Für letztere Sichtweise spricht, dass der Haushaltszucker (Saccharid) das Hirn schnell mit dem Hormon Serotonin versorgt. Das verringert Ängste und befördert ein Zufriedenheitsgefühl. Das andere Extrem in der Debatte über gesundheitspolitische Regulierungen hingegen ist die Verweigerung eines Gespräches, das auf die Risiken des Zuckerverzehrs fokussiert – da es doch viele andere Risikofaktoren gebe, und die Gesamtaufnahme von Kohlenhydraten relevant sei, so die Zuckerwirtschaft.

          Die Deutschen verbrauchen im Schnitt zwischen 30 und 35 Kilogramm Haushaltszucker pro Kopf und Jahr, einen Großteil in Form von gesüßten Getränken und Süßwaren. Hier ist nicht nur Speisezucker enthalten. Die Verzehrstatistiken weisen rund 25 Kilogramm aus. Beides sind seit Jahrzehnten etwa gleichbleibende Mengen – und weniger, als die Daten für die Vereinigten Staaten oder Brasilien anzeigen. Aber auch bezüglich des stagnierenden Verzehrs in Deutschland zeige die Statistik nicht die ganze Wahrheit, sagt Foodwatch nun. Andere Süßungsmittel und Zuckerarten wie Isoglucose, Glucose und Honig seien nicht enthalten, doch der Gesamtverzehr sei in der Summe seit den 1970er Jahren um ein Drittel gestiegen: allein der von Glucose etwa von 1,5 auf 10 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Es gibt allein einzelne Energydrinks, von denen eine Dose das Zweifache der Tagesempfehlung an Zucker der WHO enthält.

          Arme Menschen trinken eher Cola

          Fest steht, dass die Deutschen mehr Zucker zu sich nehmen, als es die WHO empfiehlt. Laut dem staatlichen Max-Rubner-Institut (MRI), das etwa alle 10 Jahre eine Verzehrstudie veröffentlicht, waren das rund 60 Gramm je Frau und Tag, und je 80 Gramm sogenannter „freier Zucker“, täglich unter den Männern. Das ist etwa doppelt so viel, wie laut WHO ideal wäre.

          Es gibt deutliche Unterschiede, bezogen auf soziale Schichten, wie das MRI herausstellt. Süßgetränke wie von Coca Cola oder Pepsi sind für die bildungs- und einkommensschwachen Bevölkerungsgruppe vielfach attraktiver. Hinsichtlich der Frage, wie dieses Problem zu lösen sei, setzt die Bundesregierung auf bessere Ernährungsbildung. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) kann sich gar ein eigenes Schulfach vorstellen. Diesen Weg aber hält Foodwatch für den verkehrten. Lenkungssteuern, Risikohinweise und ein realistischeres Marketing der Lebensmittelkonzerne wie Nestlé oder Unilever wären wirksamer.

          Quelle: F.A.Z.

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