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Zbigniew Pszczulny Der Architekt des modernen Polen

 ·  Die Stadien der Fußball-Europameisterschaft sind rechtzeitig fertig. Das macht viele Polen stolz - vor allem Zbigniew Pszczulny: Der Architekt hat nicht nur mit dem Nationalstadion in Warschau die Kulisse für die EM geprägt.

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© Schoepal, Edgar Zbigniew Pszczulny

Die Wettervorhersage für diesen Freitag stellt für Polens Hauptstadt Warschau Regenschauer in Aussicht. Sollte der Himmel seine Schleusen öffnen, wenn das Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft zwischen Polen und Griechenland angepfiffen wird, ist man im Nationalstadion gewappnet: Aus der ausgeklügelten Konstruktion, die 30 Meter über dem Spielfeld schwebt und von einer Drahtseilkonstruktion gehalten wird, kann ein schützendes Faltdach ausgefahren werden. „Die Halterung funktioniert nach dem Prinzip einer Radnabe“, erklärt Zbigniew Pszczulny. Der 58 Jahre alte Architekt muss es wissen - er hat das Stadion entworfen.

Er sei erleichtert darüber, dass alles rechtzeitig fertig geworden ist, sagt Pszczulny. Das mache viele Polen stolz. „Wir sind besser als Berlin“ - diesen Satz habe er von einem Augenzwinkern begleitet zuletzt häufiger gehört. Während die deutschen Nachbarn gerade erst hochnotpeinlich die Eröffnung ihres Hauptstadtflughafens verschieben mussten, hat Polen zumindest alle Sportstätten und Flughäfen pünktlich in Betrieb genommen; ein paar Schwierigkeiten mit den Autobahnen sind da schnell vergessen. Nichts symbolisiert besser das Selbstbewusstsein einer wirtschaftlich aufstrebenden Nation im Zentrum Europas, die ihr modernes Gesicht in den kommenden Wochen der ganzen Welt präsentieren möchte. Und Pszczulny ist so etwas wie der Konstrukteur des modernen Polen. Von den acht neuen Stadien und Flughäfen stammt die Hälfte der Entwürfe aus seinem Haus. Neben dem rund 2 Milliarden Zloty (460 Millionen Euro) teuren Nationalstadion auch die Sportstätte in Breslau sowie die Airports in Breslau und Danzig.

Unruhige Zeiten in Polen

Geboren und aufgewachsen ist Pszczulny in Toruń (Thorn) zwischen Warschau und Danzig. Zum Architekturstudium ging er nach Danzig. 1981 durfte er für ein Praktikum nach Düsseldorf ausreisen. Es waren unruhige Zeiten in Polen. Ein Jahr zuvor war die Solidarność-Bewegung entstanden. Im Dezember 1981 eskaliert die Situation, Polen verhängt den Kriegszustand. „Der Kontakt war plötzlich abgeschnitten“, erinnert sich Pszczulny. Seine Frau und seine Tochter waren noch in Polen. Pszczulny überlegte mit anderen Exilpolen, was zu tun ist. Er entschied sich dafür, in Deutschland zu bleiben. Es dauerte noch fast zwei Jahre, bis seine Familie ausreisen durfte. Bis heute betont er seine Dankbarkeit gegenüber jenen, die ihm den Berufsstart in Deutschland ermöglicht haben.

Sein Büro ist zunächst auf Flughäfen spezialisiert. Ein Höhepunkt ist das 1994 eingeweihte Terminal 2 für Deutschlands größten Flughafen in Frankfurt. Mit Fußballstadien kommt er erstmals in Kontakt, als er in die Mitte der neunziger Jahre eröffnete Amsterdam-Arena eingeladen wird. „Das war eine Revolution für den Stadionbau“, schwärmt er noch heute, wenn er von der Multifunktionsarena spricht. Logen, Geschäfte, Tagungsräume - was heute Standard ist, war damals neu. Die Erfahrungen prägen ihn nachhaltig.

LTU-Arena für Deutschland

In Deutschland setzt er seine Ideen mit der Düsseldorfer LTU-Arena um. Die Landeshauptstadt brauchte eine moderne Arena, um sich als Austragungsort für die WM 2006 zu bewerben. Dass Düsseldorf buchstäblich in letzter Sekunde noch von der Liste der Spielstätten gestrichen wurde, nennt er heute eine seiner bittersten beruflichen Erfahrungen. In Polen, wo sein Büro SOP und dem Kürzel JSK Pszczulny Rutz firmiert, ist das Stadion des Hauptstadtklubs Legia seine Referenz.

Mit diesem Arbeitsnachweis bewarb man sich schließlich auch um das Nationalstadion, holte sich dafür mit GMP aus Berlin einen renommierten Partner ins Boot. Als Pszczulny nach dem Zuschlag in sein polnisches Büro kam, war alles voll mit Journalisten. „Wir waren völlig überfordert von dem Ausmaß des Medieninteresse an dem Projekt.“ In den vergangenen drei Jahren reiste Pszczulny jede Woche nach Warschau, um im Auftrag des Bauherrn die Fortschritte beim Nationalstadion zu beaufsichtigen. Ein Mammutprojekt, das auch viele seiner 40 deutschen und 60 polnischen Mitarbeiter beschäftigt hat. Das neue Stadion entstand auf dem Fundament des Vorgängers. Allein um den Untergrund zu befestigen, wurden mehr als tausend Betonpfeiler in den Boden getrieben. Die rot-weiße Fassade erinnert an ein Weidengeflecht - eine Anspielung an die Region Masowien.

„Ich möchte wissen, wie die Spieler das Stadion finden“

Eigentlich hätte die Sportstätte am 22.Juli 2011 eröffnet werden sollen. Auf den Tag genau 30 Jahre nachdem Pszczulny Polen verlassen hatte. Doch der Termin wurde verschoben, nachdem die Fertigteil-Betontreppen nicht montiert werden konnten. Verwässerter Beton war schuld, sagt Pszczulny. Er und sein Team mussten eine neue Stahlkonstruktion entwerfen. Im Dezember wurde die Einweihung nachgeholt. Als die Anspannung von ihm abfiel, erlitt Pszczulny einen Schwächeanfall auf der Tribüne. „Ich war plötzlich weg.“ Vor dem Eröffnungsspiel ist der Druck nun der Neugierde gewichen. „Ich möchte vor allem wissen, wie die Spieler das Stadion finden.“

Interaktiv: Die Austragungsorte der EM 2012

Und was folgt, wenn Anfang Juli der Europameister gekürt sein wird? Polen wird weiter in seine Infrastruktur investieren, glaubt Pszczulny, wenn auch nicht mehr mit dem hohen Tempo der vergangenen Jahre. Neue Bahnhöfe und der Energiesektor seien künftige Projekte. „Aber erst mal“, räumt er ein, „werden wir jetzt wohl mal ein paar kleinere Projekte machen.“

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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