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Wirtschaftsprüfer Es brodelt unter der Oberfläche

 ·  Der Wirtschaftsprüfungsmarkt stagniert. Gerade mittelgroße Anbieter stehen jedoch unter großem Wachstumsdruck - oder riskieren den Fall in die Bedeutungslosigkeit.

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© Eilmes, Wolfgang Immer mehr mittelständische Wirtschaftsprüfer versuchen, schnell groß zu werden

Eigentlich ist beides klar. Erstens stagnierte der Wirtschaftsprüfungsmarkt 2011 bei 11 Milliarden Euro. Zweitens sind die großen deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften um durchschnittlich gut 5 Prozent gewachsen. Beides Ergebnisse der neuesten Branchenuntersuchung durch das Beratungsunternehmen Lünendonk. Was auf den ersten Blick jeweils für sich genommen eindeutig ist und auf den zweiten offensichtlich nicht zusammenpasst, wird zu einem Ganzen, wenn man unter die Oberfläche der Zahlen blickt.

Im Geschäftsjahr 2011 hat unter den 25 größten deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften nur eine einzige den Vorjahresumsatz nicht halten können: die Bremer Vides-Gruppe. Alle anderen sind gewachsen. Zum einen durch Übernahmen. Warth & Klein ist durch Zukäufe gewachsen, Roever Broenner Susat ist der Zusammenschluss aus Roever Broenner und Susat. Dem Wachstum einiger Unternehmen steht also der Wegfall anderer Unternehmen gegenüber. Diese Marktbereinigung wird zunehmen. „Viele mittelständische Wirtschaftsprüfer stehen unter einem Wachstumsdruck“, sagt Marktforscher Jörg Hossenfelder von Lünendonk. Der Hauptgrund ist die Vorwegnahme geplanter Maßnahmen der EU.

„Kritische Masse“ zwischen 50 und 100 Millionen Euro

Die EU hatte in einem Grünbuch vorgeschlagen, dass große Unternehmen ihren Wirtschaftsprüfer spätestens nach sechs Jahren wechseln müssen. Damit sollte die Dominanz der großen Prüfungsgesellschaften vor allem bei börsennotierten Mandanten gebrochen werden. Bis jetzt ist das nur ein Vorschlag, den nur die Niederlande gerade in einen Gesetzestext gießen wollen. Aber auch in Deutschland entfaltet allein die Drohung mit der Zwangsrotation des Wirtschaftsprüfers Wirkung. Immer mehr große Unternehmen schreiben das Prüfungsmandat öffentlich aus.

Mit der Ausschreibung bekommen jetzt auch andere Prüfungsgesellschaften eine Einstiegschance. „Davon werden aber nur Unternehmen profitieren, die mindestens 50 Millionen Euro Umsatz machen“, sagt Hossenfelder. Andere Marktbeobachter setzen die „kritische Masse“ für die Teilnahme an wichtigen Ausschreibungen auf 75 oder gar 100 Millionen Euro. Daher versuchen immer mehr mittelständische Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, schnell diese Marken zu überschreiten. Aus eigenem Wachstum gelingt das nur wenigen, die meisten müssen Wettbewerber übernehmen. Noch wichtiger als die Größe ist für die Auswahl eines Wirtschaftsprüfers aber die internationale Prüfungsfähigkeit, betont Martin Plendl, Sprecher der Geschäftsführung der deutschen Deloitte.

Ein bisher am Markt nahezu unbekanntes Unternehmen will beides - kritische Größe und internationale Prüfungsfähigkeit - binnen weniger Monate erreichen. Die Essener ETL AG (ETL steht für European Tax & Law) ist mit 464 Millionen Euro Umsatz heute nach eigenen Angaben Deutschlands größte Steuerberatungsgesellschaft. Auf Wirtschaftsprüfung entfallen heute nur 10 Prozent dieses Umsatzes. Ende 2013 möchte man aber von 500 Millionen Euro Umsatz dann 75 Millionen Euro in der Wirtschaftsprüfung machen. Damit würde man 15 Prozent des Umsatzes mit Prüfung erzielen und die Aufnahmebedingungen für die Branchenliste erfüllen, hebt Franz-Josef Wernze hervor, der Gründer und Vorstandsvorsitzende der ETL AG. Bis Ende 2013 will ETL auch in jedem Land der EU vertreten sein.

Bewegung im Angebot

Angesichts der Bemühungen, auch der hohen Investitionen in IT, der großen Prüfungsgesellschaften und angesichts neuer Wettbewerber verliert mancher Mittelständler die Zuversicht, dass der Zwangswechsel des Wirtschaftsprüfers wirklich dem Mittelstand der Branche zugutekommt. Für Uwe Wolf, Managing Partner der Wirtschaftsprüfung Mazars, ist es noch längst nicht ausgemacht, dass der Mittelstand gegen die „Big 4“ (PWC, KPMG, Ernst & Young, Deloitte) Marktanteile gewinnt. „Die externe Zwangsrotation kann für mittelgroße Wirtschaftsprüfungsgesellschaften auch nachteilig sein, weil wir unter dem Strich mehr Mandanten an die großen vier verlieren als von ihnen gewinnen. Das Ziel, die Marktmacht der großen vier zu brechen, würde damit ins Gegenteil verkehrt.“

Bewegung - und damit eine Erklärung der steigenden Unternehmensumsätze bei stagnierendem Branchenumsatz - gibt es aber auch in dem Angebot der Wirtschaftsprüfer. Die Prüfung selbst steht unter anhaltendem Preisdruck, auch wenn es erste Zeichen einer Verbesserung gibt. Viele Gesellschaften weichen daher auf andere Geschäftsfelder aus. Die meisten wachsen in der Unternehmensberatung. „Die Dynamik geht derzeit von den Beratungsbereichen aus“, sagt Plendl. Der Prüfungsanteil bei Deloitte solle aber nicht unter 35 Prozent des Umsatzes rutschen. Wolf kann sich vorstellen, dass Wirtschaftsprüfer zunehmend zu Zertifizierern werden. Schon heute würden viele Unternehmen auch ihre Nachhaltigkeitsberichte von einem Wirtschaftsprüfer freiwillig prüfen lassen. Mazars habe zudem gute Erfahrung mit der Überprüfung der Lieferkette auf die Einhaltung sozialer Standards (keine Kinderarbeit, geregelte Arbeitszeiten) gemacht. Der Vorteil der Wirtschaftsprüfer für neue Zertifizierungen ist ihr Ruf als unabhängiger Begutachter. Das kommt der Wirtschaftsprüfung nicht zugute, wohl aber den Wirtschaftsprüfern.

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Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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