27.11.2006 · Das Spitzenmanagement von Siemens bleibt sprachlos. Abgesehen von Durchhalteparolen an die Mitarbeiter, verharren Vorstand und Aufsichtsrat des Münchner Elektrokonzerns trotz der täglich neuen Details in der Schmiergeldaffäre in der Defensive.
Von Joachim HerrDas Spitzenmanagement von Siemens bleibt sprachlos. Abgesehen von Durchhalteparolen an die Mitarbeiter, verharren Vorstand und Aufsichtsrat des Münchner Elektrokonzerns trotz der nahezu täglich neuen Details in der Schmiergeldaffäre in der Defensive.
Mehr und mehr gerät das oberste Management unter Druck und weckt mit seinem Schweigen in der Öffentlichkeit den Verdacht, das System der schwarzen Kassen zumindest gekannt und toleriert zu haben.
Immerhin soll ein Beschuldigter den Münchner Staatsanwälten berichtet haben, er habe Anfang 2004 den damaligen Chef der Siemens-Festnetzsparte ICN, Thomas Ganswindt, über die als Provisionen bezeichneten Schmiergeldzahlungen unterrichtet. Ganswindt habe seinen Willen bekundet, darauf hinzuwirken, daß die Zahlungen gesenkt würden, wie die "Süddeutsche Zeitung" schrieb. Siemens und Staatsanwaltschaft äußern sich dazu nicht.
Von Pierer und Kleinfeld eingeweiht?
Stimmt diese Information, hätte Ganswindt ganz anders reagieren müssen, wenn er die Verhaltensregeln des Unternehmens (Business Conduct Guidelines) ernstgenommen hätte. Ganswindt war im Siemens-Konzern zudem nicht nur irgendein Manager der zweiten Ebene. Von Oktober 2004 bis zu seinem Ausscheiden im September dieses Jahres gehörte er dem Zentralvorstand der Siemens AG an, der obersten Leitungsebene des Konzerns. Er zählte einige Zeit sogar zu den Favoriten für den Posten an der Konzernspitze.
Doch das Mißtrauen reicht inzwischen weiter: Solche Berichte und die Dimension des Skandals werfen die Frage auf, ob auch die Vorstandschefs Heinrich von Pierer und sein Nachfolger von Januar 2005 an, Klaus Kleinfeld, in die vermuteten unsauberen Geschäftspraktiken eingeweiht waren.
„Im Einzelfall gar nicht so viel“
Mitarbeiter und ehemalige Beschäftigte von Siemens hegen den Verdacht, daß die Verhaltensregeln gar nicht ernst gemeint waren, wenn es darum ging, Aufträge zu gewinnen. "Das Thema war im Konzern bekannt, ohne daß der Vorstand die Devise dazu ausgegeben hätte", berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter, ohne Begriffe wie Schmiergeld oder Bestechung zu erwähnen. "Die Guidelines sind Wischiwaschi." Auch ein Beschäftigter in der Kommunikationstechniksparte Com zeigt sich von der Affäre und den Ermittlungen wenig überrascht: "In manchen Ländern wie Nigeria sind Aufträge doch gar nicht anders als mit Schmiergeld zu bekommen."
Über die Dimension der Affäre - die Staatsanwaltschaft spricht von bisher rund 200 Millionen Euro - wundert er sich ebenfalls nicht. "Verteilt über mehrere Jahre und auf viele Aufträge muß das im Einzelfall gar nicht soviel sein." Mit Sarkasmus kommentiert der Mitarbeiter den Verdacht, es handle sich um ein ganzes System schwarzer Kassen: "Wenn Siemens etwas macht, dann richtig und systematisch."
„Korruption gehört zum Geschäft“
Siemens ist mit 475.000 Mitarbeitern nahezu in der ganzen Welt tätig. Aufsichtsratsvorsitzender Heinrich von Pierer sagt stets mit Stolz, nur Coca-Cola sei in noch mehr Ländern präsent. Im vergangenen Geschäftsjahr, das am 30. September endete, erzielte der Konzern mehr als 80 Prozent des Umsatzes im Ausland. Seit langem sind die Wachstumsraten außerhalb Deutschlands viel höher: Zuletzt stieg der Auftragseingang im internationalen Geschäft um 18 Prozent, der Umsatz um 19 Prozent.
"Globalisierung ist Globalisierung und kennt keine Moral", schreibt Wigand Cramer von der IG Metall in einem Kommentar auf der Internetseite "Siemens Dialog" der Gewerkschaft. "Da bleiben die Hände nun mal nicht sauber." Den Medien wirft er Scheinheiligkeit vor: "Allgemeine Empörung über einen ganz normalen Vorgang." Das Ziel, doppelt so schnell zu wachsen wie die Weltwirtschaft, erreiche Siemens nur mit Geschäften in Schwellenländern wie China, Indien, Indonesien und Rußland - am besten mit Projekten industrieller Infrastruktur. "Jeder weiß, daß das sowohl geographisch als auch von den Zielkunden her die Bereiche sind, in denen Korruption nun mal zum Geschäft gehört."
Im Siemens-Management wird zumindest angedeutet, daß die Methoden, mit denen lokale Partner in manchen Ländern für den Konzern tätig seien, nicht hinterfragt würden. In der Sportartikelindustrie haben sich Hersteller längst verpflichtet, daß auch ihre Partner in Entwicklungsländern, zum Beispiel Auftragsfertiger, Sozialstandards einhalten. Ethikstandards für Geschäftspartner von Siemens gibt es dagegen offenbar nicht. "Da wird dann eine Rechnung an Siemens für Beratungsleistungen ausgestellt", berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter. "Und jeder weiß, was dahintersteckt." Bis 1999 konnten deutsche Unternehmen solche Arten von Beratung sogar als "nützliche Aufwendungen" von der Steuer absetzen.
Für wenig glaubwürdig hält deshalb ein Mitarbeiter von Com die Reaktion seines spanischen Bereichschefs Eduardo Montes, der auch im Vorstand der Siemens AG sitzt. Montes habe seinen Mitarbeitern geschrieben, die Affäre und die Ermittlungen träfen ihn bis ins Mark. "Besser wäre von ihm gewesen, gar nichts dazu zu sagen."
Ein Ruck soll durch das Unternehmen gehen
Pierer und Kleinfeld verlangen in ihrem gemeinsamen Brief an die Mitarbeiter, ein Ruck müsse nun durch das Unternehmen gehen. "Dazu müssen wir kompromißlos aufräumen." Ein anderer Mitarbeiter von Com bezweifelt, daß das gelingen wird. Selbst wenn Kleinfeld wollte, könnte er nicht zu einem Befreiungsschlag ausholen. Der Konzernchef sei befangen, da sein Vorgänger Pierer jetzt Aufsichtsratsvorsitzender sei. "Das ist ein Musterbeispiel, daß solche Wechsel vom Vorstand in den Aufsichtsrat nicht gut sind", fügt der Mitarbeiter hinzu.
Auch eine Kleinigkeit weckt Zweifel an großen Aufräumarbeiten im Hause Siemens. Noch immer steht auf der Internetseite der Immobiliengesellschaft des Konzerns: "Die Geschäftsführung von Siemens Real Estate wird von Michael Kutschenreuter wahrgenommen." Kutschenreuter, der ehemalige Finanzchef von Com, gehört zu dem Dutzend Verdächtigen in der Untreueaffäre. Auf die Frage, ob er beurlaubt wurde, bleibt Siemens sprachlos.
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