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Wirtschaftskriminalität Frühwarnsystem gegen Betrug

18.06.2008 ·  Mit einer riesigen Datenbank will ein Frankfurter Unternehmensberater die Betrüger in der Wirtschaft schneller, automatisch und systematisch aufspüren. Fälle von Korruption, Bestechung oder Bilanzbetrug, in denen ein Frühwarnsystem geholfen hätte, gibt es mehr als genug.

Von Christian von Hiller
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Manfred Schmider war lange der Vorzeigeunternehmer in Baden-Württemberg, in dessen Erfolg sich die Landespolitiker gerne sonnten. Es dauerte lange, bis im Jahr 2000 seine Scheingeschäfte mit nicht existenten Bohrmaschinen von Flowtex aufflogen (Früherer Flowtex-Chef aus Gefängnis entlassen). Der Schaden belief sich auf mehr als eine Milliarde Euro.

Ein noch größeres Rad hatte der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Energiekonzerns Enron, Jeffrey Skilling, gedreht. Nach jahrelangem Bilanzbetrug beantragte Enron 2001 die Insolvenz. Skilling wurde zu einer Haftstrafe von 24 Jahren verurteilt (Amerika: Schuldsprüche im Enron-Prozeß).

Nach außen gab sich die Führung von Siemens ethisch korrekt, während in anderen Ecken des Konzerns mit schwarzen Kassen, Korruption und einem dubiosen Kontengeflecht Geld verdient wurde (Prozessauftakt: Die Siemens-Affäre vor Gericht ). Das System flog auf. In einer Großrazzia wurde umfangreiches Beweismaterial sichergestellt. Zahlreiche Führungskräfte mussten ihren Posten räumen. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Heinrich von Pierer gab unter dem öffentlichen Druck den Vorsitz im Aufsichtsrat auf.

Die Öffentlichkeit ahnte nichts

Alle Fälle haben eines gemein: Die Öffentlichkeit war ahnungslos. Die Führungskräfte der betroffenen Unternehmen waren hoch angesehen und gesuchte Gesprächspartner. Und bei all diesen Unternehmen versagte die Kontrolle: Den Wirtschaftsprüfern fiel genauso wenig etwas auf wie den Kapitalmarktbehörden, den Ratingagenturen, Analysten oder Steuerfahndern - im Falle Flowtex stand die Emission einer Anleihe unmittelbar vor Bekanntwerden des Betrugs bevor.

Viele Fälle systematischer Wirtschaftskriminalität hätten vermieden oder früher aufgedeckt werden können, glaubt der Frankfurter Unternehmensberater Bernd Adam, der internationalen Banken zur Seite steht. „In den meisten Betrugsfällen haben die Kontrollmechanismen über Jahre hinweg versagt“, hat er beobachtet. „Das ist umso erstaunlicher, als alle wichtigen Daten öffentlich waren.“ Es habe sich nur niemand die Mühe gemacht, die Informationen zu einem Bild zusammenzufügen.

30 Millionen Dokumente in der Datenbank

Um das zu ändern, hat er vier Jahre lang eine Datenbank aufgebaut, die diese Informationen zusammenfügt - eine Art Frühwarnsystem für die Wirtschaft. Erames GmbH heißt die Gesellschaft, die Adam gegründet hat, die Abkürzung von Early Risk Alerting Monitoring and Evaluating System.

Zunächst wollte Adam nur die Tagespresse auswerten - das Vorhaben war riesig genug angesichts von rund 350 Tageszeitungen allein in Deutschland. Doch im Laufe der Zeit ist die Datenmenge, die Adam über seine Rechner laufen lassen wollte, noch mehr gewachsen. „Wir werten heute alles aus, was öffentlich ist, Zeitungen, Magazine, Geschäftsberichte, Bekanntmachungen der Aufsichtsbehörden.“ Auf insgesamt 30 Millionen Dokumente können die 17 festangestellten Programmierer von Erames zurückgreifen.

Die Merkmale wiederholen sich

„Bei allen Betrugsfällen tauchen immer wieder die gleichen Merkmale auf“, sagt Adam. Zum Beispiel bauten solche Unternehmen gern eine überhöhte Reputation auf. Adam horcht auch auf, wenn Unternehmer oder Vorstände eine große Nähe zur Politik pflegen. „Beides, Reputation und Politiknähe, kann der Pflege von Geschäftsbeziehungen dienen, es kann aber auch den Hauch der Unantastbarkeit über das Unternehmen und seine Manager legen“, meint Adam.

Wird der Unternehmenschef häufiger in der Regenbogenpresse als in den Wirtschaftsmedien zitiert, ist dies ein Anzeichen, dass er vielleicht anfängt, sich in vergangenen Erfolgen zu sonnen und darüber das Tagesgeschäft zu vernachlässigen. Auch extreme Entlohnungsmodelle mit besonders hohen Aktienkomponenten (Auslaufmodell Aktienplan), Auffälligkeiten in der internen und externen Unternehmensführung, personelle Verflechtungen, die auf Interessenkonflikte deuten, aber auch charakteristische Verläufe in der Leistung der Unternehmen wecken Adams Argwohn. Auch auf anhängige Gerichtsverfahren achtet er. Denn im juristischen Verhalten schlage sich die Unternehmenskultur nieder.

Bilanzen und Quartalsberiche verraten nichts

„In den offiziellen Zahlen der Unternehmen findet man die Betrugsfälle nie“, weiß der Unternehmensberater heute. Die Zahlenwerke zeigten nur, was die Interessierten - Wirtschaftsprüfer oder Analysten - sehen sollen.

„Insgesamt beobachten wir 800 Evidenzpunkte“, sagt Adam. Das Rechenzentrum sichtet die Dokumente, sammelt die Daten und analysiert die unstrukturierten Inhalte vollautomatisch nach 6500 Textregeln. Dann führt das System jede Auffälligkeit in eine auf mathematisch-statistischen Verfahren nach Bayes fußende „Reasoning-Engine“. Die gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass ein Unternehmen seine Außendarstellung wird korrigieren müssen. Die Bewertung mit einer klaren Wahrscheinlichkeit hält er für einen der größten Pluspunkte der Datenbank. Die zentrale Intelligenz des Systems, dessen ökonomisch-kriminologische Detail-Logik in einem ständigen Lernprozess verbessert wird, unterliegt strenger Geheimhaltung.

Vor allem Hedge-Fonds sind interessiert

Die ersten Tests haben Adam ermutigt, als er Unternehmen, die schon insolvent sind, durch sein System schickte. Bei einem deutschen Unternehmen, das in diesem Jahr pleiteging, hatte Erames schon für das Jahr 2005 angeschlagen. Für Großunternehmen wie General Motors oder die Deutsche Bank braucht das System noch fünf Tage.

Das Interesse ist da, hat Adam nach ersten Sondierungsgesprächen festgestellt. Vor allem die Leiter von Kreditabteilungen der Banken oder auch Versicherer greifen auf Erames zurück. Das größte Interesse jedoch kommt von Hedge-Fonds, die sich ein Bild von den Unternehmen machen wollen, bevor sie ihre Strategie an den Finanzmärkten festlegen.

Viele - auch daraus macht Adam keinen Hehl - stehen seiner Entwicklung skeptisch gegenüber. Doch schon bald wird sich zeigen, wer raffinierter ist: Bernd Adam oder die Trickser in den Unternehmen. Denn die werden mit Sicherheit auch nicht schlafen.

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