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Wirtschaft zur Bundestagswahl : „Eine Niederlage der Eliten in Deutschland“

  • Aktualisiert am

VW-Chef Müller neben der Kanzlerin während der Automesse IAA in Frankfurt. Bild: dpa

Das starke Abschneiden der AfD schockiert auch die Entscheider in deutschen Konzernen. Sie äußern ihre Erwartungen an die nächste Regierung.

          In der deutschen Wirtschaft herrscht vornehmlich Erschrecken über das starke Abschneiden der AfD in der Bundestagswahl. Volkswagen-Vorstandschef Matthias Müller befürchtet negative Auswirkungen für Demokratie und Wirtschaft in Deutschland. „Das zweistellige Ergebnis für eine solche Protestpartei ist aus meiner Sicht schockierend. Es wird unser Land verändern und die demokratische Stabilität auf die Probe stellen", erklärte er an diesem Montag in Wolfsburg.
          Deutschland sei in den vergangenen Jahrzehnten politisch und wirtschaftlich erfolgreich gewesen, weil es ein weltoffenes, tolerantes und international orientiertes Land sei.

          „In der globalisierten Wirtschaftswelt führen nationaler Egoismus und Protektionismus in die Sackgasse – und am Ende zum Verlust von Arbeitsplätzen", warnte Müller. Volkswagen habe aufgrund seiner Geschichte eine besondere Verantwortung für Demokratie, Freiheit, Toleranz und Völkerverständigung. „Wir im Volkswagen Konzern stehen zu diesen Werten der europäischen und westlichen Zivilisation. Seit der Bundestagswahl mehr denn je“, betonte der Konzernchef.

          „Wir haben die Wähler am Rand abgetan“

          Auch der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser fordert Konsequenzen daraus. Dass es eine national-populistische Partei wie die AfD „fulminant“ ins Parlament geschafft habe, sei „auch eine Niederlage der Eliten in Deutschland“, sagte Kaeser in München. „Wir haben ihre Wähler als Menschen am Rande der Gesellschaft abgetan.“

          Für den Wohlstand im Land und für den Zusammenhalt der Gesellschaft sei hingegen entscheidend, Menschen, die sich zurückgesetzt fühlten, einzubinden und ihnen Perspektiven zu geben. Das sei Aufgabe aller, sagte der Chef des Münchner Technologiekonzerns.

          Der Siemens-Manager begrüßte zugleich den abermaligen Wahlsieg der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). „Die Welt wird nicht einfacher durch das Erstarken von Populismus und Kurzfrist-Denken, durch globale Migration und Klimawandel. Was mich zuversichtlich stimmt: Wir haben eine sehr erfahrene und kluge Bundeskanzlerin, die die Interessen Deutschlands und Europas auf dem internationalen Parkett zu vertreten weiß und höchsten Respekt überall in der Welt genießt.“

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          „Deutschland kommt in schwierigeres Wetter“

          Entscheidend für Merkels Erfolg wird seiner Ansicht nach sein, dass sie die notwendigen Veränderungen mutig und ambitioniert angehe. Dazu gehörten Investitionen in die Digitalisierung und mehr Ausgaben für Bildung, Ausbildung, für Fort- und Weiterbildung. „Wir sind ein Industrieland und müssen die Vierte Industrielle Revolution formen und gesellschaftlich inklusiv gestalten – also so, dass möglichst alle Menschen davon profitieren. Es geht also, wenn man so will, um die Verbindung von ’Industrie 4.0’ und ’Soziale Marktwirtschaft 2.0’“, so Kaeser.

          Auch von Seiten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) kommt eine klare Ansage an die künftige Bundesregierung, wie auch immer sie aussehen wird. DIHK-Präsident Eric Schweitzer forderte ein „mutiges Startsignal“ in der Wirtschaftspolitik: „Obwohl die wirtschaftliche Situation Deutschlands erheblich besser ist als vor der letzten Bundestagswahl
           2013, beurteilen die Unternehmen die meisten Standortfaktoren heute schlechter", sagte er.

          Für Selbstzufriedenheit gebe es keinen Anlass. Die große Mehrheit der deutschen Unternehmer fordere einen „Koalitionsvertrag für Investitionen“.

          Zahlreiche Betriebe machten sich trotz der günstigen Konjunktur Sorgen. „Auf vielen wichtigen Zukunftsfeldern registrierten sie mehr Stillstand als Aufbruch", so Schweitzer weiter. Er bekräftigte die Forderung nach steuerlichen Entlastungen für Unternehmen. Finanziell sei das möglich.

          Als Kardinalproblem bewerteten die Firmen in einer DIHK-Umfrage den Fachkräftemangel. Dazu gehöre auch die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland. Deutschland könne sich Ausländerfeindlichkeit „auch nicht ansatzweise leisten“, sagte Schweitzer. Auf Rang zwei der Prioritätenliste rangiere die Digitalisierung.

          „Die Zeiten sind vorbei, in denen Verwalten vor Gestalten ging“, sagte Reinhold von Eben-Worlée, Präsident des Verbands „Die Familienunternehmer“ zum Wahlergebnis. „Deutschland kommt in schwierigeres Wetter. Die neue Regierung muss Schiff und Mannschaft auf rauere See vorbereiten.“ Er verlangt vornehmlich, dass Rentensystem für die Zeit nach dem Jahr 2030 stabil zu machen, die Energiewende zu adjustieren und mehr öffentliche Investitionen in Infrastruktur und zumal Digitalisierung.

          Quelle: ala./Reuters

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