07.01.2010 · Der kräftige Wintereinbruch beschert dem weltgrößten Salzhersteller K+S eine unerwartete Nachfrage. Gearbeitet wird mittlerweile „rund um die Uhr“, um die Streudienste beliefern zu können.
Von Robert von LuciusEuropas größter Salzlieferant Esco (European Salt Company GmbH & Co KG) muss derzeit „rund um die Uhr, auch am Wochenende“ arbeiten, um seine Garantie an Kunden einzuhalten, sie jederzeit schnell und zuverlässig zu beliefern. Straßenmeistereien für Autobahnen werden bevorzugt beliefert.
In Baumärkten Norddeutschlands sind die Paletten mit Streusalz großenteils leer – und das schon, bevor etwa die Landeshauptstadt Hannover, Sitz des Unternehmens, das Verbot für Privatleute aufhob, Gehwege vor ihrem Haus mit Salz zu bestreuen. Norddeutsche Großhändler führten in den vergangenen Tagen Salz aus Marokko, Tunesien und Österreich ein, und Esco erwägt einen Bezug aus Chile – normalerweise ist Salz ein so preisgünstiger Rohstoff, dass Produzenten und Händler bei knappen Margen auf kurze Wege setzen. Sie verweisen auf Alternativen wie Spielsand, Bausand oder Split zum Streuen.
Streusalz ist ein Nischengeschäft
Esco und ihre Tochtergesellschaft Deutscher Straßendienst GmbH, Hannover, die sich auf die Belieferung öffentlicher Winterdienstleister spezialisiert hat, sind trotz ihrer Mitarbeiterzahl von 1300 – die Hälfte arbeitet unter Tage in Niedersachsen (Grasleben), Nordrhein-Westfalen (Rheinberg) und Sachsen-Anhalt (Bernburg) – wenig bekannt. Das beruht zum einen auf der Konzernstruktur: Die Unternehmenszahlen gehen über die Muttergesellschaft K+S Salz GmbH in Hannover ein in den Konzernabschluss der Muttergesellschaft K+S AG aus Kassel. 2008 lag der Esco-Umsatz bei 195 Millionen Euro nach einigen schwierigen Jahren und milden Wintern, 2005 betrug er noch 279 Millionen Euro. Stärker noch sind die Schwankungen bei der Deutscher Straßendienst GmbH: 2008 lag der Jahresumsatz bei 39 Millionen Euro, 2007 bei 25 Millionen und 2006 bei 85 Millionen Euro. Die 2002 gegründete Esco produziert jährlich um die 6 Millionen Tonnen Salz, die Zahl schwankt indessen besonders beim Streusalz stark.
Zudem ist Streusalz trotz der Bedeutung, die es derzeit in der öffentlichen Debatte erreicht, eine Nische in einer Nische. Salz macht im Geschäftsjahr 2008 etwa 13 Prozent des Umsatzes der K+S aus, im dritten Quartal 2009 waren es 17 Prozent. Der Kali- und Düngemittel-Anteil zog im abgelaufenen Jahr nach dem rasanten Anstieg der Kalipreise das Augenmerk auf sich, nachdem früher die Salz-Abteilung als ertragreicher galt. Größter Konkurrent in Deutschland bei Salz wie auch bei Streusalz ist die Südwestdeutsche Salzwerke AG in Heilbronn mit ihrer Ende 2007 gegründeten Tochtergesellschaft SWS-Winterdienst GmbH.
Täglich liefert das Unternehmen mehrere 10.000 Tonnen Salz
Streusalz (Auftausalz) wiederum trägt nur gut ein Drittel bei zum Umsatz des Geschäftsfeldes Salz. Dieses liefert Salz für die Fischwirtschaft zum Einpökeln und für Zierfischaquarien, für Reinigungsmittel und die Ledergerbung, für die Pharmaindustrie und für Futtermittel, außerdem als Tafelsalz für den Haushalt. Zudem trug Esco mit ihrem deutschen und europäischen Markt im Geschäftsjahr 2008 nur 48 Prozent bei zum Weltumsatz der K+S-Gruppe beim Salz, nachdem der Konzern in den vergangenen Jahren durch Aufkäufe in Amerika weltgrößter Salzhersteller wurde. Dabei hatte schon 2008 die winterliche Witterung Europa wie auch Nordamerika beim Auftausalz mit 4,5 Millionen Tonnen einen Umsatzanstieg von 18 Prozent gebracht; dieser dürfte 2009 und, gemessen an der starken Nachfrage im Januar, möglicherweise auch 2010 weiter steigen; Zahlen für 2009 oder Tendenzen wollte Esco nicht nennen. Dennoch brachte der Wintereinbruch nach Analystenempfehlungen der Aktie K+S zur Wochenmitte den größten Kursanstieg aller Dax-Werte.
Die Gruppe habe, sagt Esco-Sprecher Holger Bekemeier, in den vergangenen beiden Wochen so viel Nachfrage wie zuvor seit vielen Monaten nicht. Täglich liefert Esco mehrere 10000 Tonnen Salz. Die Nachschublage sei „ein wenig angespannt“ und bringe Verzögerungen. So haben Straßenmeistereien für Autobahnen und Bundesstraßen Vorrang vor Kommunen oder gar dem Einzelhandel. Geliefert wird derzeit an einigen Standorten direkt vom Salzbergwerk ohne Zwischenlagerung. Hannover hat in diesem Winter schon bisher fast doppelt so viel Salz gestreut wie in einem Durchschnittsjahr. Der Verkehrssicherheit dienen neben dem Auftausalz (Steinsalz in zahlreichen Körnungen) auch Sole und Salzlösungen, die am Markt in verschiedenen Gebindearten und -größen vom Drei-Kilogramm-Beutel bis zum Sack mit einer Tonne geliefert werden. Feine Salzkristalle sorgen für ein sofortiges Tauen, gröbere Kristalle für die Langzeitwirkung gegen dickere Eisschichten: Bei Temperaturen mit zweistelligen Minusgraden ist das wichtig, da Auftausalz nur bis acht Grad minus wirkt.
Robert von Lucius Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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