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Wienerwald Nicht mehr nur das halbe Hendl

12.10.2010 ·  In den 70er Jahren war das Wienerwald-Imperium auf der ganzen Welt bekannt. Dann kam der große Niedergang und viele Eigentümerwechsel. Jetzt soll der Wienerwald ein modernes Gesicht bekommen. Doch leicht lässt sich die Unternehmensgeschichte nicht vergessen.

Von Julian Trauthig, Dietzenbach
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Die Weltkarte im Büro von Michael Schrank ist mit Stecknadeln übersät. Eine steckt in Australien, eine in Chile, eine in Kanada. Eines Abends markierte der Geschäftsführer der Wienerwald Franchise GmbH aus München alle Länder, in denen er dem Unternehmen eine Chance gibt. Der 45-Jährige hat große Pläne für den Wienerwald. Irgendwann soll das Unternehmen wieder das werden, was es einmal war: Ein Konzern, der auf der ganzen Welt bekannt und vertreten ist. An die Erfolge des Unternehmensgründers Friedrich Jahn, der den Wienerwald in den 60-er und 70-er Jahren zu einem Imperium aufgebaut hatte, möchten Schrank und Daniel Peitzner, ebenfalls Geschäftsführer, anschließen.

2007 kauften Jahns Töchter Margot Steinberg und Evelyn Peitzner die Markenrechte des Wienerwalds zurück. Am Grab des Vaters, Jahn starb 1998, haben die beiden versprochen, das Unternehmen zurück in die Familie zu holen. Die Geschäftsführung haben die Töchter der Enkelgeneration übertragen: Schrank ist Steinbergs Schwiegersohn, Daniel Peitzner der Sohn von Evelyn Peitzner. Bis Sommer dieses Jahres ließen die beiden sich Zeit, um ein neues Konzept auszuarbeiten. Nun soll Wienerwald ein modernes Gesicht bekommen.

„Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald“

Im Juni eröffneten in München und Unterhaching zwei Restaurants, die nicht mehr an Dorfgaststätten mit Schrammelmusik erinnern sollen. Mit einem modernen Design in hellen Farben und einer überarbeiteten Speisekarte, auf der es neben dem klassischen halben Hendl auch Neuentwicklungen wie Geflügelwürstchen gibt, soll das Unternehmen zukunftstauglich werden. Und auch um die Stecknadeln hat sich Schrank gekümmert. Im Juni 2009 eröffnete der erste Wienerwald in der Türkei.

Vor kurzem reiste Schrank persönlich zur Eröffnung des 30. Restaurants nach Istanbul. Ende des Jahres sollen es schon 40 sein. „Dort konnten wir auf einer grünen Wiese beginnen ohne die komplizierte Ausgangslage, die durch die diversen Betreiberwechsel entstanden ist“, sagt Schrank. In der Türkei wächst der Wienerwald wie zu Jahns besten Zeiten.

Von München aus eroberte der Unternehmensgründer Friedrich Jahn in der Nachkriegszeit als Hendlkönig Deutschland und die Welt. 1955 fing der gelernte Kellner mit dem ersten Restaurant im Münchener Stadtteil Schwabing an. In den 80-er Jahren waren es etwa 1500 auf der Welt. Den Spruch „Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald“, kannte jedes Kind.

Wienerwald musste schon dreimal Insolvenz anmelden

Der Niedergang des Unternehmens begann 1982. Aus Angst vor Betriebsräten, so sagt Schrank heute, habe Jahn das Unternehmen in zu viele kleine Einheiten aufgeteilt und sich bei mehr als 30 Banken Geld geliehen. Jahn konnte die Schulden nicht mehr bedienen, musste Insolvenz anmelden und den Wienerwald verkaufen.

Das Unternehmen wurde geteilt, bis heute ist der Wienerwald in Österreich eine eigenständige Gesellschaft, deren Markenrechte nicht dem Wienerwald Deutschland gehören. Bis der Markenname 2007 zurück in die Familie kam, wechselte das Unternehmen oft den Besitzer und musste dreimal Insolvenz anmelden (siehe etwa Restaurantkette Wienerwald stellt Insolvenzantrag). 2005 ließ sich die damalige Geschäftsführung sogar dazu überreden, das grüne Huhn aus dem Logo zu entfernen.

Das ist mittlerweile wieder da und das Unternehmen hat laut Schrank die turbulenten Zeiten erfolgreich hinter sich gelassen. Doch leicht lässt sich die Unternehmensgeschichte nicht vergessen. Es gibt noch immer eine andere Seite des Unternehmens, eine Seite jenseits von Bosporus, Geflügelwürstchen und engagierten Enkeln.

In Städten wie Dietzenbach ist diese Seite zu finden. Etwa 33.000 Einwohner hat die Stadt südlich von Frankfurt. Die Restaurants dort tragen Namen wie „Alte Schmiede“ und „Zum Hügeleck“. 1976 hat sich Josef Humnig in der hessischen Kleinstadt als Franchisepartner selbständig gemacht. In Humnigs Wienerwald hängen schwere Lampenschirme mit Blumenmuster, die Preise auf der Anzeigetafel hinter der Theke sind mit Hand geschrieben, im Regal hinter dem Tresen stehen Lederbecher für Würfelspiele. Die Kunden nennen ihn Juppi, bestellen Hendl zum Mitnehmen oder verschwinden im Hinterraum zum Feierabendbier mit den Kollegen. Wenn nichts los ist, lässt Humnig um halb neun die Rollläden herunter, obwohl er eigentlich bis 23 Uhr geöffnet hat.

„Der Wienerwald braucht junge Leute“

An seinem Wienerwald wird er nichts mehr verändern. Kein modernes Design, keine Geflügelwürstchen. „In einem halben Jahr oder Jahr gehe ich in Rente und mache den Laden sowieso zu“, sagt er. Als Geschäftsführer Schrank die verbliebenen Franchisenehmer in diesem Jahr zum Oktoberfest nach München eingeladen hat, ist Humnig in Dietzenbach geblieben. „Der Wienerwald braucht junge Leute, die ihn wieder nach vorne bringen. Für mich ist das nichts mehr“, sagt er.

Der Spagat zwischen neuem Konzept und Bosporus auf der einen Seite und Dietzenbach auf der anderen ist die Herausforderung, vor der Schrank und Peitzner stehen. Denn unter den 33 verbliebenen Restaurants in Deutschland gibt es viele Josef Humnigs. Einige Betreiber sind schon in Rente gegangen und haben ihr Restaurant geschlossen, andere wie Humnig gehen in den nächsten Jahren. Das neue Konzept will Schrank den verbliebenen Franchisenehmern nicht aufdrängen. „Unsere Partner sind uns Jahrzehnte lang treu geblieben, sie sollen selbst entscheiden, ob sie das wollen oder nicht“, sagt er.

Für die Geschäftszahlen des Unternehmens bedeutet das in den kommenden Jahren wenig Wachstum. Der Umsatz des Wienerwalds ist 2009 auf 25,7 Millionen gesunken, 198 Mitarbeiter und zwei Auszubildenden hat das Unternehmen noch. Als die Familie 2007 die Markenrechte übernahm, handelten Schrank und Peitzner neue Franchiseverträge für immerhin 42 Betriebe mit einem Umsatz von etwa 30 Millionen Euro aus. Vom einstigen Imperium etwa 1500 Restaurants, rund 25.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von mehr als 2 Milliarden D-Mark in den besten Jahren, war der Wienerwald selten weiter entfernt.

Dass in Deutschland vereinzelte Neueröffnungen in den vergangenen Jahren und zwei Restaurants mit neuem Konzept in diesem Jahr nicht nach großer Expansion klingen, weiß auch Schrank. „Wir wollen nicht um jeden Preis wachsen“, sagt er. In den kommenden Monaten werde er genau beobachten, wie das Konzept bei den Kunden und Franchisepartnern ankomme. Manchmal fühle er sich mehr als Unternehmensgründer als ein Geflügelspezialist, der sich neben Branchenriesen wie McDonald‘s eine Nische sucht.

Genauere Wachstumsziele möchte er nicht nennen. Es gebe zwar konkrete Pläne, bald soll etwa die nächste Nadel auf der Weltkarte mit Leben gefüllt werden, mehr möchte Schrank aber nicht sagen. Ob er jemals Jahns Messlatte von 1500 Restaurants erreichen wird, wisse auch er nicht. Eine Sache macht ihn aber jetzt schon stolz: „In der Türkei hat es Friedrich Jahn nie probiert.“

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