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Boom in China : Im größten Starbucks der Welt rollt der Renminbi

Eine ganze Kaffee-Welt: Rund 2800 Quadratmeter bietet Starbucks seinen Kunden in Schanghai – 15 Mal mehr als in normalen Filialen. Bild: AFP

McDonalds, KFC und Pizza Hut stoßen in China an ihre Grenzen, das Kaffeehaus aber erobert das Land der Teetrinker – mit mehr als einer neuen Filiale täglich. Wie machen die das?

          Han Jun, 22 Jahre, angehender Doktor der Rechtswissenschaften, hat an diesem Tag x Kilometer zurückgelegt, um sich in Schanghai vor einem gerade neu eröffneten Starbucks für eineinhalb Stunden in die Schlange einzureihen, als gäbe es drinnen das IPhone X für den Preis von einem Venti Latte. Der Starbucks-Fan ist aus Nantong in Schanghais Nachbarprovinz Jiangsu mit dem Zug angereist. Nicht mit der Hochgeschwindigkeitsverbindung, sondern mit der billigen Bummelbahn, denn als von den Eltern abhängiger Student muss Han seine Ausgaben im Monat unter der Grenze von 3000 Yuan (386 Euro) halten, inklusive Wohnung.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Endlich drinnen, schiebt sich Han an Teenagern und Rentnern vorbei bis zur 27 Meter langen Kaffeetheke, die angeblich die längste der Welt darstellt und im weltgrößten Starbucks auf 2800 Quadratmetern steht, dem Fünfzehnfachen der Größe eines gewöhnlichen Starbucks. Dann schlägt er zu: ein Set mit vier Getränken, Cappuccino, Latte, Orangensaft, Tee, ein Stück Kuchen und ein winziges Päckchen frischgemahlener Kaffee. 328 Yuan oder 42 Euro, ein Neuntel von Hans verfügbarem Einkommen. Der Kunde hat Probleme, das Bestellte zu konsumieren, den Tee überlässt er dem Reporter, die Qualität ist durchschnittlich.

          600 Starbucks-Cafés in Schanghai

          Die Szene wirkt wie eine Zeitreise zurück ins goldene China der nuller Jahre, in denen ausländische Manager, zum Beispiel aus Gastronomie und Lebensmittelbranche, mit leuchtenden Augen von 50-prozentigen Umsatzzuwächsen berichteten und jubelten, alles sei möglich auf diesem unerschlossenen Markt mit über einer Milliarde potentieller Konsumenten. Am Wochenende pilgerten Vater und Mutter mit Einzelkind und Großeltern zu Kentucky Fried Chicken oder McDonald’s, deren Tausende Filialen einen der Mittelpunkte des gesellschaftlichen Lebens in Chinas Städten darstellten und in denen sich eine rasant wachsende Zahl von Christen in Hunderttausenden Bibelgruppen organisierte, während den kommunistischen Machthabern die neue Religiosität langsam unheimlich wurde. Ein Chinese, der etwas auf sich hielt und auf dem Wohnungsmarkt rechtzeitig investiert und später mit vielen hundert Prozent Gewinn verkauft hatte, stellte sich vor einem der Pizza-Hut-Restaurants in die Schlange, in denen der in der Pfanne servierte Teigfladen doppelt so viel kostete wie in seinem Herkunftsland Amerika.

          Der Kaffee wird vor Ort geröstet. Bilderstrecke
          Neueröffnung : So sieht es im größten Starbucks der Welt aus

          Auch die Kaffeehauskette Starbucks aus dem amerikanischen Seattle war im schnell wachsenden chinesischen Markt in Goldgräberstimmung unterwegs und träumte in Gestalt ihres Vorstandschefs Howard Schultz, das größte Volk der Welt, traditionell eine Teetrinkernation, über die Freuden des Kaffeegenusses zu „unterrichten“, die Chinesen zu Starbucksfans umzuerziehen, eine kulinarische Reideologisierung.

          Während McDonald’s sein Geschäft verkauft hat genauso wie der Eigner von Pizza Hut und KFC, will Starbucks bis 2020 die Zahl seiner Läden auf 5000 erhöhen. Derzeit sind es 2000 weniger. Der Konzern eröffnet mehr als 500 Lokale im Jahr, alle 15 Stunden einen. Allein in Schanghai gibt es 600 Starbucks-Cafés, rund doppelte so viele wie in New York. Allein auf der Seite gegenüber seinem neuen Flaggschiff, das der Konzern in der Nanjing-Straße am Mittwoch eröffnet hat, stehen zwei weitere Starbucks-Läden.

          Was treibt die Chinesen nur in die amerikanischen Kaffeeläden?

          Wie in der Schokoladenfabrik von Willy Wonka sieht es im weltgrößten Starbucks aus. Rohre führen die Kaffeebohnen zu Röstmaschinen, dann zu einem riesigen, zwei Stockwerke hohen bronzefarbenen Gefäß und schließlich zu den „Baristas“, die den Kaffee zubereiten und deren Namensschilder die Herkunftsorte verraten: das chinesische Festland, Hongkong, Taiwan, Italien und viele andere Plätze auf der Welt.

          Als Chinas bekanntester Unternehmer, der Gründer des weltgrößten E-Commerce-Anbieters Jack Ma, die Kaffeewunderwelt eröffnete, gab er unumwunden zu, das braune Gebräu nicht zu trinken. Doch da sei er wohl die Ausnahme. Anders als etwa McDonald’s habe Starbucks verstanden, was es braucht, im Reich der Mitte Erfolg zu haben, sagte Ma: „Ich trinke keinen Kaffee, aber ich liebe Starbucks.“

          Was der Konzern in China anders gemacht hat, das hat Howard Schultz, der sich im April aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat und geschäftsführender Verwaltungsratsvorsitzender ist, in einem Gespräch mit der „New York Times“ erklärt. In den fast 20 Jahren seines Bestehens im Land investierte Starbucks dort unermüdlich und fuhr hohe Verluste ein, zum Leidwesen seiner Aktionäre. Der Konzern stellte sich gut mit der Regierung, zahlte höhere Löhne als die Mitbewerber, bot Mietzuschüsse und Krankenversicherungsleistungen sogar für die Eltern der Angestellten. Das China-Geschäft führt eine Chinesin, kein Amerikaner.

          Sogar als das chinesische Staatsfernsehen Starbucks kritisierte, weil der Latte in China ein Drittel teurer war als in Amerika, überstand dies der Konzern – und änderte den Preis nicht. 49 Yuan (6,30 Euro) kostet der Latte im Schanghaier Riesenstarbucks. Das sei akzeptabel, sagt Wang Li im Laden, 23 Jahre alt, monatliches Einkommen umgerechnet 640 Euro. Die vielen blitzenden Maschinen im Laden, die raffiniert gestaltete Holzdecke, all das sei „Abenteuer“. Und nur hier, im weltgrößten Starbucks, gebe es „Cold Brew“, kalt gebrühten Kaffee, ein Trendgetränk.

          Das stimmt nicht. „Cold Brew“ gibt es auch in vielen anderen der 2000 Starbucks-Läden im Land, zum Beispiel in den beiden Starbucks-Läden auf der anderen Straßenseite. Doch das verdirbt hier niemandem die Laune. Innerhalb der kommenden zehn Jahre will Starbucks weitere 10.000 Filialen aufmachen. Ausgerechnet für Kaffee scheint in China tatsächlich alles möglich zu sein.

          Quelle: F.A.Z.

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