27.07.2008 · Familien denken langfristig, lieben ihre Mitarbeiter und sind dem Standort treu. So heißt es. Hier die guten deutschen Familien, dort die bösen angelsächsischen Investoren. Nüchtern betrachtet, ist das ziemlicher Unsinn.
Von Rainer Hank und Georg MeckÜberrumpelung heißt die Mutter aller Listen. Maria-Elisabeth Schaeffler ist listig: Im Schutz der Dunkelheit ließ sich die Erbin des fränkischen Automobilzulieferers Ina ein gewaltiges Aktienpaket des Reifenherstellers Continental reservieren. Erst nachdem der Coup glückte, machte Schaeffler Conti ein offizielles Übernahmeangebot. Dem Opfer blieb nur noch die empörte Geste der Unterwerfung. Über Nacht hatte sich die Unternehmerfamilie mittels raffinierter Finanztransaktionen den Zugriff auf Conti gesichert.
Der Angriff hat ein Vorbild: Chris Hohn, ein junger und steinreicher britischer Investor, hat mit der gleichen List jüngst die Macht bei einem amerikanischen Schienenverkehrsbetreiber übernommen. Hohns „The Children’s Investment Fund“ (TCI) ist jener Hedge-Fonds, der vor zwei Jahren die Deutschen das Fürchten lehrte, nachdem er sich aggressiv in die Deutsche Börse AG eingekauft und bei dieser Gelegenheit Management und Aufsichtsrat aus dem Unternehmen gedrängt hatte.
Das überkommene Bild
Ein alteingesessener Familienbetrieb in Franken und ein neureicher Investment-Fonds („Heuschrecke“) in London arbeiten mit denselben Tricks? Das passt so gar nicht in das überkommene Bild deutscher Familienunternehmen. Hier die guten deutschen Familien, dort die bösen angelsächsischen Investoren, so geht die übliche Geschichte. Familienunternehmen sind langfristig orientiert, freigebig zu den Mitarbeitern und halten dem Standort die Treue – heißt es. „Sie denken in Generationen und nicht an den schnellen Euro“, sagt Brun-Hagen Hennerkes, Gründer der Stiftung Familienunternehmen: „Sie sind ein Segen für alle und die deutsche Volkswirtschaft.“
Maria-Elisabeth Schaeffler nutzt das Image gerne, wenn es gilt, die feindliche Übernahme von Conti als gute Tat zu verkaufen. Auch die Politik liebt solche Storys: „Wenn ein deutsches Familienunternehmen bei einem für die deutsche Automobilindustrie strategisch wichtigen Unternehmen wie Conti einsteigt, ist das gut“, lässt das Umfeld von Wirtschaftsminister Michael Glos verlauten. Glos ist Franke und mit Maria-Elisabeth Schaeffler gut bekannt.
„In Wahrheit nichts anderes als Finanzinvestoren“
Doch die Geschichte vom guten Familienkapitalismus ist ein Mythos. Auch die Familien Piëch und Porsche haben zur Übernahme von Volkswagen keinen Trick ausgelassen, wenn er ihrem Machtanspruch diente. „Familienunternehmen adaptieren die Taktik von Private Equity“, sagt ein Frankfurter Investmentbanker: „Sie sind in Wahrheit nichts anderes als Finanzinvestoren.“
Was sollten sie auch sonst sein? Schließlich geht es ihnen darum, das Vermögen der Vorfahren zu wahren, zu mehren und an künftige Generationen zu übergeben. Die Bindung an ein bestimmtes Geschäft, an immer gleiche Produkte, gar an eine bestimmte Fabrik an einem bestimmten Ort gehört nicht zum Familienauftrag.
Im Gegenteil. Hätten die Haniels, eine der reichsten und ältesten Familien Deutschlands, an der Gutehoffnungshütte im Ruhrgebiet für immer festgehalten, wäre vom Familienerbe heute vermutlich nicht mehr viel übrig. Stattdessen haben sie sich bei der Metro, beim Pharmagroßhändler Celesio und bei einer Fülle weiterer Unternehmen eingekauft, die nicht mehr miteinander gemein haben als das Ziel, dem Profit der Haniels zu dienen.
Man darf es nicht Zerschlagung nennen
Wie sie kaufen, so zerschlagen die Eigentümer ihre Firmen, sollten sie keine angemessene Verzinsung versprechen. Bloß, dass man es nicht Zerschlagung nennen darf, wenn eine angesehene Familie hinter der Transaktion steckt. „Was den Anforderungen nicht entspricht, wird abgestoßen“, lautet der Grundsatz der Freudenbergs. Die Freudenbergs sind eine reiche und ziemlich verschwiegene Familiendynastie in Weinheim an der Bergstraße, die einst aus einer Ledergerberei hervorging. Doch selbst die Historie ist nicht heilig: Echtes Leder („Elefanten-Kinderschuhe“) dominierte lange Zeit das Geschäft, wurde aber vor ein paar Jahren ohne große Skrupel verscherbelt.
Nicht anders agieren die Mohns (Bertelsmann), die gerade dabei sind, ihre Buchclubs zu verkaufen, jenes Geschäft, das den Aufstieg Reinhard Mohns im Wirtschaftswunderland begründete. Auch die Quandt-Erbin und BMW-Großaktionärin Susanne Klatten war – womöglich zu spät – dazu bereit, den Pharmakonzern Altana zu zerlegen und das Arzneigeschäft an ein bis dahin unbekanntes dänisches Unternehmen zu verkaufen.
Dass Familienunternehmen besser abschneiden als Kapitalgesellschaften mit breitgestreutem Eigentümerkreis, lässt sich nicht belegen. Der Aktienindex Gex, ein Indikator, der börsennotierte Unternehmen mit familiären Großaktionären auflistet und zumeist besser notiert als der Dax, ist wenig aussagekräftig. Denn die meisten der mächtigen Familiengesellschaften scheuen die Transparenz und sind nicht an der Börse notiert.
Von wegen Standorttreue
Auch die Behauptung, Familien seien besonders standorttreu, wird von der Wirklichkeit widerlegt. Auf der jährlich vom Schweizer Magazin „Bilanz“ veröffentlichten Liste der 300 Reichsten im Land finden sich mit dem Spediteur Klaus-Michael Kühne (acht bis neun Milliarden Franken), dem Handelsmilliardär Otto Beisheim (fünf bis sechs Milliarden) oder Klaus C. Jacobs und Otto B. Happel (drei bis vier Milliarden) jede Menge deutsche Familienunternehmer auf den vorderen Rängen.
Selbst mit dem Jobmotor „Familienfirma“ ist es nicht allzu weit her: Gerade einmal um einen Prozentpunkt mehr als die übrige Wirtschaft wuchsen hierzulande zwischen 2004 und 2006 die von Familien geschaffenen Arbeitsplätze, hat das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) gerade herausgefunden.
Dass sich die Mär von den guten Familienunternehmen so lange halten konnte, verdanken die Familien nicht zuletzt einer kleinen Schar von Beratern und den von ihnen finanzierten Instituten, die hartnäckig die Geschichten vom heimatverbundenen, langfristig agierenden, überdurchschnittlich erfolgreichen Patron erzählen. Familien schützen die Firmen vor „aggressiven Investoren“ und verhindern, dass die Beschäftigten zum „Spielball von Private Equity“ werden, wird ihr Chefberater Hennerkes nicht müde zu wiederholen. Das dient auch der Rechtfertigung von Privilegien im Erbschaftsteuerrecht.
Wissenschaft deckt das Urvertrauen nicht
Der Mythos sitzt fest. 74 Prozent der in einer Emnid-Untersuchung befragten Deutschen sagen, sie würden am liebsten in einem vom Inhaber geführten Familienunternehmen arbeiten; nur 19 Prozent votieren für ein vom Management geführtes Kapitalunternehmen.
Die Wissenschaft deckt dieses Urvertrauen nicht. „Mehrere Untersuchungen belegen, dass Familienunternehmen im Vergleich zu sonstigen Firmen eher underperformen“, schreiben Marianne Bertrand und Antoinette Schoar, Forscher aus Chicago und vom MIT in Cambridge, im angesehenen „Journal of Economic Perspectives“. Historisch hat erst die Anstellung von gutausgebildeten Technikern und Betriebswirten die Konzerne vor unfähigen oder geldgierigen Eignern gerettet.
Nur solange der Firmengründer selbst mit an Bord ist, entwickeln sich Familienunternehmen besser als andere Firmen. Später kommt es meist zu unerquicklicher Vetternwirtschaft. Besonders pleiteträchtig sind die Aussichten immer dann, wenn per Testament der erstgeborene Sohn gezwungen ist, den Betrieb zu übernehmen. „Aus Pflichtgefühl und Respekt vor den Vorfahren haben es die jüngeren Generationen schwer, unternehmerische Entscheidungen zu verändern“, sagen die Forscher.
Das nüchterne Ergebnis der Wissenschaft: Ob sich eine Firma in Familienbesitz befindet, ist mehr oder weniger unerheblich für die Güte des Managements und die Profitabilität des Unternehmens. Als hätten wir es nicht schon geahnt: Die Welt ist weder schwarz noch weiß.
[Die Leserkommentarfunktion zu diesem Beitrag wurde gesperrt.
Kommentieren können Sie weiterhin in der
Leserdebatte: Sind Familien die besseren Unternehmer? ]
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,75 | −1,03% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2435 | −0,43% |
| Rohöl Brent Crude | 105,11 $ | −1,63% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
Anonym bewerben? Ist das gut?