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Digitaler Einkauf : Ersetzt Amazon bald den guten alten Supermarkt?

Auch Supermärkte sind disruptierbar: Sainsbury´s-Filiale im britischen Redhill Bild: Bloomberg

Rewe und Edeka setzen auf Lebensmittel-Lieferdienste, um dem Großversender die Stirn zu bieten. Britische Händler sind damit bereits erfolgreich. Doch da sind die Verbraucher auch deutlich experimentierfreudiger.

          Rewe tastete sich als erster in das fremde Terrain vor. Doch für den Kölner Handelskonzern zahlte sich dieses Wagnis bislang nicht aus. „Wir verdienen noch kein Geld mit dem Online-Lebensmittelhandel“, gab Vorstandschef Lionel Souque in einem Gespräch mit der F.A.Z zu Protokoll. Danach hat der Betreiber von 3300 Filialen in Deutschland die Tücken des Onlinegeschäftes gravierend unterschätzt. Doch ein Rückzug ist für den rührigen Franzosen, der Rewe seit Mitte 2017 als Konzernchef führt, undenkbar. „Wir konzentrieren uns jetzt darauf, die Lieferqualität in jenen 75 Städten, in denen wir bereits präsent sind, zu verbessern.“

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Dass sich selbst ein Platzhirsch wie Rewe schwer tut, private Haushalte nach einer Bestellung im Internet mit frischem Fleisch, Obst oder Gemüse jeweils an sechs Tagen in der Woche zwischen 8 und 22 Uhr zu beliefern, überrascht Kenner der Branche wenig. Schließlich ist das Geschäftsvolumen in diesem Segment mit einem Marktanteil von gerade einmal 1,1 Prozent relativ klein. Zudem sind üppige Investitionen in Logistik und Liefernetz nötig, um auf Dauer mitzumischen.

          Nutzung der Lieferdienste ist eine Preisfrage

          Ob sich der Lebensmittelhandel per Internet angesichts solcher Barrieren zum Massenmarkt entwickelt, ist offen. Das sei womöglich nur für spezielle Zielgruppen interessant, heißt es etwa beim Institut für Handelsforschung in Köln. Für Peter Heckmann müssen zudem mehrere Voraussetzungen erfüllt sein, um in der Nische zu reüssieren: „Nur Städte und größere Ballungszentren bieten den Händlern das nötige Volumen, damit sich ein eigener Lieferdienst auf Dauer rechnet“, ist der Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Alix-Partners überzeugt.

          Doch in diesen Regionen ist auch die Dichte an Einkaufsstätten hoch – was die Erfolgschancen der Lieferdienste schmälert. Dann stehen Verbraucher vor der Wahl, ob sie sich nach Dienstschluss mit Obst und Gemüse im Supermarkt um die Ecke versorgen oder ihren Einkauf vom Büro aus online abwickeln und zu später Stunde nach Hause liefern lassen.

          Solche Entscheidungen werden hierzulande nicht nach dem Aspekt der Bequemlichkeit, sondern in Abhängigkeit vom Preis gefällt: Schließlich ist der deutsche Verbraucher laut Heckmann viel preissensibler als sein britisches Pendant: „Es sind hierzulande nur wenige bereit, bei einem Warenkorb im Gesamtwert von 15 Euro weitere 3 Euro für die Lieferung zu bezahlen, obwohl das Zeit und Stress beim Einkaufen spart“, sagt er.

          Auch Vorreiter aus England haben Schwierigkeiten

          Doch diese Abstinenz könnte sich mit dem raschen Vordringen von Amazon bald legen. Der amerikanische Großversender testet mit „Amazon Fresh“ in Berlin und München, wie die Auslieferung von frischer Ware bei deutschen Kunden ankommt. Auch der zu Edeka gehörende Lieferdienst Bringmeister ist in zwei Städten aktiv. Die Anbieter von sogenanntem „E-Food“ erzielen Umsätze von insgesamt 200 Millionen Euro. Zum Vergleich: Rewe erlöst in diesem Segment zwischen 50 und 100 Millionen Euro.

          Höhere Zahlungsbereitschaft und mehr Experimentierlust der Verbraucher führten dazu, dass das Onlinegeschäft in Großbritannien frühzeitig expandierte. Heute sind die Konsumenten auf der Insel Weltmeister im Online-Shopping: 18 Prozent ihrer gesamten Einkäufe erledigten sie 2017 digital statt im Laden. Treiber der Entwicklung sind die führenden Supermarktketten des Landes.

          Darüber hinaus bietet Marktführer Tesco auch in ländlichen Regionen die Möglichkeit, bestellte Lebensmittel noch am selben Tag geliefert zu bekommen. Bei Sainsburys, der Nummer zwei im britischen Lebensmittelhandel, gibt es diesen Service in rund 40 Prozent des Landes. Tests zeigen, dass die schnelle Lieferung häufig an Kapazitätsengpässen scheitert: nicht selten kann das Angebot auf den Internetseiten der Supermarktriesen nicht gebucht werden. Ein Nachteil sind relativ hohe Kosten: Wer frischen Fisch oder Salat am selben Tag ins Haus geliefert haben will, dem berechnet Tesco 8 Pfund (rund 9 Euro) je Bestellung. Kunden, die es nicht ganz so eilig haben, und die auf ihre Lebensmitteleinkäufe ein paar Tage warten können, werden dagegen von den Händlern teilweise gratis beliefert.

          Mit Unterstützung gegen Amazon

          Für die meisten Kunden ist der digitale Einkauf von Lebensmitteln nur eine Ergänzung zum traditionellen Supermarkt. Analysten gehen davon aus, dass das Online-Geschäft auch für die Konzerne in Großbritannien noch ein Verlustgeschäft ist. Manche Händler bieten deshalb als Alternative „click and collect“ an: Die Kunden bestellen online und holen die fertig verpackte Ware dann im Laden oder von einer Abholstation in der Nähe ab.

          Auch „Amazon Fresh“ ist seit 2016 in Großbritannien präsent, bisher in London und im Südosten Englands. Mit einem Umsatz von nur 45 Millionen Pfund ist der Marktanteil im Königreich winzig. Um sich gegen Attacken von Amazon zu wappnen, hat der Branchenpionier Ocado für andere Betreiber von Online-Supermärkten die passenden Rezepte parat. Das an der Börse notierte Unternehmen hilft den traditionellen Lebensmittelhändlern mit technischem Knowhow in der Logistik, den Sprung in die Online-Welt zu schaffen. Im Mai hat Ocado dafür den amerikanischen Supermarktriesen Kroger als Kunden gewonnen. Auch die französische Casino-Gruppe steht auf der Liste. Die Erfahrungen der Briten sind plötzlich so wertvoll wie nie zuvor.

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