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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

WestLB Intrigen, Gerüchte und jede Menge Fragen

 ·  Der erzwungene Abgang des Vorstandschefs, Thomas Fischer, hat die WestLB nicht befriedet. Hartnäckige Gerüchte über eine Schieflage an den Kreditmärkten sorgen für Unruhe. Intrigen im Vorstand wirken nach.

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Er wurde als Sanierer geholt und als Retter gefeiert. Thomas „Tommy“ Fischer, der Mann, der wie kein Zweiter in der deutschen Bankbranche polarisiert, sollte die WestLB aus ihrer schwersten Krise führen.

Nun ist Fischer gegangen, wenn auch nicht freiwillig. Er stolperte über Fehlspekulationen im Aktienhandel in Höhe von 240 Millionen Euro. Die Höhe nimmt sich bescheiden aus angesichts der neuen Gerüchte, gegen die sich die WestLB derzeit wehren muss: Die Tochtergesellschaft Brightwater Capital Management in New York wurde von der Krise an den amerikanischen Hypothekenmärkten heftig in Mitleidenschaft gezogen.

Intrige aus den eigenen Reihen?

Nicht nur die fehlgeschlagenen Aktiengeschäfte haben Fischers Abgang erzwungen. Offenbar ist er auch Opfer einer Intrige geworden - und zwar aus den eigenen Reihen. Offenbar haben Vorstandskollegen gegen ihn opponiert unter Beteiligung von Fischers Stellvertreter Norbert Emmerich.

Die Schwierigkeiten bei der WestLB könnten die Verluste aus dem Aktienhandel übersteigen - und zwar um einen viel größeren Betrag. Erinnerungen an den Fall der IKB werden wach. Denn die Konstruktion bei Brightwater sieht ähnlich aus wie bei der IKB Deutsche Industriebank, die wegen ihres Finanzvehikels Rhineland Funding an den Rand des Abgrunds geraten war. Nur ist die WestLB viel stärker engagiert: Rhineland Funding war mit 13 Milliarden Euro dabei, die 31 Beschäftigten von Brightwater verwalten 35 Milliarden Dollar - das sind umgerechnet rund 26 Milliarden Euro.

Die Situation lasse sich in keiner Weise mit der Schieflage der IKB vergleichen, reagierte die WestLB am Donnerstag, nachdem sie schon am Mittwoch mit diesen Gerüchten konfrontiert worden war. Die IKB war bei ihren Fehlspekulationen angesichts eines Eigenkapitals von 1,4 Milliarden Euro durch die Schieflage völlig überfordert. Ihr musste die staatliche Bank KfW mit einer Garantiezusage über 8,1 Milliarden Euro beispringen (siehe auch: KfW als staatlicher Feuerlöscher bei der IKB).

„Ein ziemlich großes Rad“

Auch die finanziellen Möglichkeiten der WestLB sind nicht unerschöpflich. Ihr Eigenkapital beläuft sich auf 6,8 Milliarden Euro. „Fischer hat ein ziemlich großes Rad bei der WestLB gedreht“, sagt ein Kenner aus dem Zinsgeschäft einer Bank in Frankfurt. Bei ihren Geschäften waren Investoren wie Brightwater oder Rhineland finanziell rasch überfordert. Möglich waren sie nur, weil sie Tochtergesellschaften großer Banken sind. Dennoch waren sie darauf angewiesen, dass weitere Banken ihnen Liquiditätsgarantien stellten. Diese Banken gaben - gegen Provision selbstverständlich - die Zusicherung, jederzeit, auch kurzfristig mit frischem Geld beizuspringen, wenn Brightwater oder Rhineland darauf angewiesen sein sollten.

Doch vielen Banken, die diese Garantien anboten, wurden diese Zusicherungen zuletzt zu heiß. „Die WestLB ist derzeit hektisch unterwegs, um zu verhindern, dass Brightwater Liquiditätszusagen wegbrechen“, hat ein Zinsspezialist in einer Frankfurter Bank beobachtet. Denn dies löste die Krise bei der IKB aus: nämlich dass die Deutsche Bank - aus gutem Grund - nicht mehr länger bereit war, die riskanten Geschäfte von Rhineland mitzutragen. Sie kündigte ihre Liquiditätszusage für die Finanzgesellschaft. Damit war das Schicksal dieser Finanzgesellschaft besiegelt.

Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt in den Kapitalmarktabteilungen der Banken. Welche Bank ist nach der IKB die nächste, die kippt? Wie solide sind die anderen? Bei der WestLB versucht man, die Sorgen in der Branche zu zerstreuen. Mehr als die Hälfte der 35 Milliarden Dollar bei Brightwater seien Kundengelder, sagt ein Sprecher der Bank.

Hohe Kursverluste

Auch verweisen die betroffenen Banken landauf landab darauf, dass sie zwar am amerikanischen Hypothekenmarkt engagiert seien, aber nur Papiere erstklassiger Bonität gekauft hätten. Welche deutsche Bank auch in diesen Tagen gefragt wird - und es werden viele gefragt -, die Antwort lautet stets, dass weit mehr als 90 Prozent der Gelder in Papieren mit erstklassiger Bonität angelegt seien. Bei Brightwater bestehen die Vermögenswerte laut WestLB zu 98 Prozent aus Papieren mit der Bonitätsnote „AA“ und noch besser.

Doch die einstigen Sorglos-Papiere mit exzellenter Bonität sind selbst in die Turbulenzen an den Finanzmärkten geraten. Das Ausfallrisiko - das allein die Bonitätsnote der Ratingagenturen misst - ist nur die eine Seite. Jetzt droht Gefahr von der anderen Seite, vom Kursrisiko dieser Papiere. Das bestand bis zum Ausbruch der Krise praktisch nicht. Doch nun ziehen sich die Anleger massenhaft aus diesen Papieren zurück. In der Folge sind die Kurse in die Tiefe gestürzt. Der Markit-Index für Papiere mit der bestmöglichen Bonität „AAA“ ist um mehr als 10 Prozent gefallen. Für Papiere der Bonitätsnote „AA“ beträgt der Kurssturz durchschnittlich sogar 30 Prozent.

Diese Kursverluste bringen schon zahlreiche Akteure an den Finanzmärkten in Bedrängnis. Und einer davon, so die Befürchtung, könnte Brightwater sein. Denn WestLB Mellon, die Schwestergesellschaft von Brightwater, die mit einem ähnlichen Geschäftsmodell aktiv ist, musste schon einige Fonds schließen, die auf dieses Segment am Zinsmarkt spezialisiert sind. Vieles ist ungewiss, doch eines ist sicher: Die Krise an den internationalen Finanzmärkten ist noch nicht ausgestanden.

Fondsmanager mussten gehen

Die Gerüchte um die WestLB überschlagen sich. Es wurde verschiedentlich schon kolportiert, das Bewertungsrisiko der Bank betrage 300 Millionen bis 400 Millionen Euro. Dies sei abwegig, beschwichtigt ein Sprecher der WestLB und meint, der Wert müsse deutlich darunter beziffert werden. Doch nur die Bekanntgabe der genauen Zahl könnte für eine Beruhigung an den Märkten sorgen.

Die WestLB hat den Erklärungsbedarf der Geschäfte von Brightwater bei weitem noch nicht gestillt. Denn schon längst ist bekannt, dass Brightwater Verluste erlitten hat. Die Höhe allerdings ist genauso unbekannt wie die Geschäfte, die dazu geführt haben. Immerhin war der Fehlbetrag groß genug, um zwei Fondsmanagern in New York den Kopf zu kosten.

Komplizierte Geschäfte mit vielen Kürzeln

Die Nervosität in der Branche hängt auch damit zusammen, dass die Geschäfte besonders riskant sind. Brightwater wie auch Rhineland sind nämlich gewagte Spekulationen auf den Zinsmärkten eingegangen. Sie haben spezielle Anlageinstrumente gekauft mit Namen wie Collateralized Debt Obligations (CDO), Collateralized Loan Obligations (CLO) oder - auch sehr beliebt - Asset Backed Commercial Papers (ABCP).

Die Konstruktion bei diesen Papieren ist im Prinzip immer die selbe: Bei diesen Wertpapieren werden Forderungen gebündelt, nach Bonitätsklassen neu gemischt und in einem solchen Wertpapier - als CDO, CLO oder ABCP - verbrieft. Und die Forderungen, derer sich die Banken durch diese Verbriefung entledigen, können so ziemlich alles sein: Leasingforderungen italienischer Autofinanzierer, Forderungen aus Kreditkartenzahlungen oder auch ganz biedere Mittelstandskredite.

Ein Großteil dieser Forderungen wird zu Wertpapieren mit bester Bonität gebündelt. Nur ein kleiner Teil geht in Hoch-Risiko-Konstruktionen. Doch auch die Titel mit besten Bonitätsnoten sind im Risiko gestiegen nach den hohen Kursabschlägen, die sie erlitten haben.

Riskante Fristentransformation

Anleger wie Brightwater oder Rhineland kauften solche Papiere auf und finanzierten den Kauf in der Regel mit kurzlaufenden Papieren. Auf diese Weise konnten sie zusätzlich von Zinsdifferenzen zwischen den Laufzeiten profitieren. Fristentransformation nennen die Bankexperten diese Geschäfte. Und sie werden in allen Finanzlehrbüchern als besonders riskant beschrieben, weil langfristige Anlagen kurzfristig finanziert werden und allein dadurch rasch eine Schieflage entstehen kann.

Weil diese Spezialgesellschaften mit möglichst wenig Eigenkapital ausgestattet werden - bei Rhineland waren es nicht mehr als 500 Euro angesichts eines Volumens von 13 Milliarden Euro -, sind sie auf Liquiditätszusagen anderer Banken angewiesen. Allerdings reichte die Finanzkraft der IKB mit 1,4 Milliarden Euro Eigenkapital dazu allein nicht aus. Deshalb sind die Liquiditätszusagen anderer Banken für diese Finanzgesellschaften lebenswichtig.

Weitere Banken könnten ihre Zusagen zurückziehen

Der WestLB könnte Ähnliches drohen. Denn selbst wenn sie nur 17,5 Milliarden Euro eigenes Geld in der Brightwater haben sollte, wäre ihre Bilanz mit einem Eigenkapital von knapp 7 Milliarden Euro schon bei einem teilweisen Wertverlust der Positionen überfordert. „Am Markt wird befürchtet, dass weitere Banken die Liquiditätsgarantien, die sie abgegeben haben, kündigen könnten“, sagte der Zinsexperte einer Frankfurter Bank.

Viele deutsche Banken haben ähnliche Vehikel wie die WestLB oder die IKB gegründet, Zum Beispiel betreibt selbst die Deutsche Ärzte- und Apothekerbank in Dublin die Gesellschaft AC Capital Partners.

Vorstandsbrief an den Aufsichtsrat

Die WestLB befindet sich ohnehin in einer besonders schwierigen Situation. Der Abgang Fischers ist noch immer nicht verarbeitet. Mitten in der Krise veranlasste er angeblich einen Brief des gesamten Vorstands an Aufsichtsratschef Gerlach. In dem stand sinngemäß, dass der Vorstand das Aufsichtsgremium stets zeitnah unterrichtet habe.

Das konnte Gerlach natürlich nicht gefallen, fiel doch damit die Verantwortung für die missglückten Aktienengagements zum Teil wenigstens auch auf ihn zurück. Doch der Sparkassen-Funktionäre musste sich nicht lange ärgern. Denn bald schon distanzierten sich die Vorstände Norbert Emmerich, Hans-Jürgen Niehaus und Werner Taiber von der Darstellung in ihrem ersten Brief und nahmen es auf sich, den Aufsichtsrat doch nicht immer so informiert zu haben, wie es notwendig gewesen wäre.

Fischer war schon immer unbequem

Rolf Gerlach, der starke Mann im Sparkassenverband Westfalen-Lippe und Aufsichtsratsvorsitzender der WestLB, hatte Fischer auf dem Tiefpunkt der WestLB-Krise geholt. Anfang 2004 trat Fischer sein Amt an und konnte für das vergangene Jahr schon wieder einen Reingewinn von knapp 800 Millionen Euro verkünden.

Das war Gerlach angeblich nicht genug. Kritik an Fischer wurde immer wieder laut. Aber vor allem dürfte er auch unbequem geworden sein, hielt er doch wenig von einem diskutierten Zusammenschluss mit der Landesbank Baden-Württemberg. Und wer Fischer kannte, musste befürchen, dass er seine Meinung auch mit Nachdruck vertreten würde. Auch schien Fischer nach erfolgreicher Sanierung entbehrlicher als zuvor.

Einige Vorstände durften bleiben

Mit der Bestätigung, dass der Aufsichtsrat nicht umfassend informiert worden sei, war Gerlach aus der Schusslinie. Seltsam: Alle Vorstände um Tommy Fischer mussten gehen, nur Emmerich, Niehaus und Taiber nicht. Damit ist die Affäre noch nicht aus der Welt. Denn nun muss Gerlach eine Erklärung dafür finden, dass er Vorstände im Amt lässt, obwohl diese zugaben, gegen Berichtspflichten verstoßen zu haben.

Diese Situation der WestLB verspricht noch keinen Neuanfang. Wahrscheinlich braucht der neue Vorstandsvorsitzende Alexander Stuhlmann noch Zeit, bis das ganze Ausmaß der Krise offenbar werden kann. Bis dahin nagt der Zweifel.

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