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Mittwoch, 15. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Werner Müllers Abschied Der Ruhrgebiets-Geschichtsschreiber tritt zurück

20.08.2008 ·  „Gehe, wenn es am schönsten ist.“ So begründet Werner Müller, Vorstandschef bei Evonik Industries, seinen vorzeitigen Rückzug. Mit der Leitung des Ruhrkohle-Nachfolgekonzerns hat Müller ein Kapitel Ruhrgebietsgeschichte geschrieben - auch weil sein Draht zur Politik immer gut war.

Von Werner Sturbeck
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Überraschend kündigt Evonik Industries einen vorgezogenen Chefwechsel an. Werner Müllers Vertrag wurde erst im vorigen Jahr bis 2011 verlängert. Nun scheidet er 2008 aus dem Evonik-Vorstand aus. Als Nachfolger ist Klaus Engel vorgesehen. Der Aufsichtsrat soll am 16. September die von seinem Präsidium vorgeschlagene vorzeitige Vertragsauflösung mit Müller beschließen und den 52 Jahre alten Klaus Engel zum 1. Januar 2009 zum Vorstandsvorsitzenden bestellen. Das teilte Evonik am Mittwoch mit (siehe dazu auch: Werner Müller legt Chefposten bei Evonik nieder).

In dem Chemie-, Energie- und Immobilienkonzern gilt der promovierte Chemiker Engel schon länger als Kronprinz. Jedoch verschob sich der Stabwechsel, als im Frühjahr 2007 Müllers Traum vom Wechsel an die Spitze der RAG Stiftung platzte und wenig später die aufziehende Finanzmarktkrise den angestrebten schnellen Börsengang ausbremste.

„Gehe, wenn es am schönsten ist“

„Gehe, wenn es am schönsten ist“, begründet Werner Müller seinen vorzeitigen Rückzug. Die Vision, mit der er vor gut fünf Jahren angetreten sei, ist tatsächlich umgesetzt. „Ich habe meinen Dienst gemacht“, sagt Müller. Im Frühjahr 2003, als er den Vorstandsvorsitz der damaligen RAG AG übernahm, war er ob seines Zieles belächelt worden, eine „strotznormale“ Publikumsgesellschaft zu schaffen. Im Jahr 2007 erwirtschaftete der Evonik-Konzern mit 43.000 Beschäftigten aus 14,4 Milliarden Euro Umsatz ein operatives Ergebnis von 1,3 Milliarden Euro.

Der Aufsichtratsvorsitzende Wilhelm Bonse-Geuking würdigt Müllers Werk in zwei Sätzen: „Mit strategischer Weitsicht und höchstem persönlichen Einsatz hat er seine herausragende Idee des Stiftungsmodells entwickelt und dessen Umsetzung entscheidend vorangetrieben. Gemeinsam mit der Politik, der Gewerkschaft Bergbau Chemie Energie und den damaligen Anteilseigner des Konzerns hat er RAG, Evonik und damit dem ganzen Ruhrgebiet eine neue soziale und wirtschaftliche Zukunftsperspektive gegeben.“

Evonik Industries wurde im Jahr 2007 aus den nicht zum Steinkohlebergbau gehörenden RAG-Aktivitäten gebildet. Mit dem Einstieg der britischen CVC Capital Partners im Frühsommer steht Evonik nun tatsächlich vor einer neuen Herausforderung. Das Konglomerat, das aus den Sparten Spezialchemie (Degussa), Strom (Steag) und Wohnimmobilien entstand, erreichte in diesem Juni mit den von CVC für 25,1 Prozent der Aktien gezahlten 2,4 Milliarden Euro einen Unternehmenswert von fast zehn Milliarden Euro. Frühere Gutachten hatten den Wert des nicht im Steinkohlenbergbau tätigen sogenannten weißen Bereich beim Verkauf in einem Paket auf 5,1 Milliarden Euro geschätzt.

Es wartet noch viel Entwicklungsarbeit

Jetzt soll Evonik in den Jahren 2011 bis 2013 an die Börse gebracht werden. Einschließlich der an den Finanzinvestor verkauften Aktien sollen bis zu 75 Prozent im Publikum gestreut werden. Dafür hat das Evonik-Führungsteam um Müller den beiden Aktionären - neben CVC die 2007 entstandenen RAG-Stiftung - nochmals eine Wertverdopplung versprochen. Das Stiftungsvermögen, das auf diesem Weg entsteht, soll nach 2018 für die Ewigkeitslasten des Bergbaus verwendet werden. Das soll den Staat vor weiteren Zuschüssen schützen.

Das Wertsteigerungsversprechen einzuhalten setzt noch erhebliche Entwicklungsarbeit in den drei Sparten voraus - und bald auch eine stetige Präsenz in der Finanzwelt. Es ist der geeignete Zeitpunkt zum Chewechsel. Denn ob Müller in seinem Vierjahresvertrag einen Börsengang überhaupt noch aktiv hätte gestalten können, ist ungewiss. Mit Engel hatte sich der ausgewiesene Energiefachmann schon 2006 einen Chemiespezialisten mit Kapitalmarkterfahrung in die Führungsspitze geholt.

Der gebürtige Duisburger hat nach der Promotion in Bochum seine berufliche Karriere 1984 im Konzern der Eon-Vorgängergesellschaft Veba begonnen und bei ihr in den Stabsabteilungen Energie, Beteiligungskontrolle oder Unternehmensentwicklung auch diverse Stationen außerhalb der Chemie durchlaufen. Bis 2001 arbeitete sich Engel auf den Vorstandsvorsitz des schon damals in der Welt führenden Chemiehandelskonzern Brenntag vor. Er verbesserte die Brenntag-Marktpositionen auch für den Finanzinvestor Bain Capital weiter, der 2006 mit dem Brenntag-Verkauf für mehr als drei Milliarden Euro innerhalb von drei Jahren seinen Einstiegpreis verdreifachen konnte. Am 8. August nahm Werner Müller in Düsseldorf an der Geburtstagsfeier von Ulrich Hartmann, dem früheren Veba-Chef und Architekten des weltgrößten privaten Energieversorgungsunternehmens, teil.

Konsensorientierte Thesen

Was mag in Müller so vorgegangen sein, als auf dieser Veranstaltung die herausragende Leistung Hartmanns bei der Europäisierung des Versorgungsmarkte gewürdigt wurde? Wäre der legendäre Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder nicht 1989 einer schweren Krankheit erlegen, wäre Müller im Veba-Vorstand vielleicht für den acht Jahre älteren Hartmann ein ernsthafter Konkurrent geworden.

Vieles von dem, was Bennigsen-Foerder in achtziger Jahren zum Vorzeigemanager in den Medien machte stammte aus der Feder seines geistigen Vorturners Müller, zum Beispiel die Forderung nach einem energiepolitischen Konsens mit begrenztem Einsatz der Kernenergie oder nach einer Entlohnung des Produktionsfaktors Natur, aber auch der Ausstieg der Veba aus dem deutschen Wiederaufarbeitungsprojekt Wackersdorf. Durch den Tod seines Mentors jedoch gewann die Atom- und Kohlefraktion bei der Veba die Oberhand.

Mit seinen kosensorientierten Thesen war Müller schon als Berater des niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder präsent. Der holte ihn denn auch nach seiner Wahl zum Bundeskanzler als parteilosen Wirtschaftsminister in das rot-grüne Kabinett. Als selbständiger Berater war Müller für eine stark von Energie- und Klimapolitik geprägte Legislaturperiode nach Berlin gezogen. In die gleiche Rolle, aber politisch besser vernetzt als zuvor, kehrte er vier Jahre später in das Ruhrgebiet nach Mühlheim zurück. Hartmann, bis 2003 Vorsitzender des Eon-Vorstandes und des RAG-Aufsichtsrats, holte Müller auf den Vorstandsposten. Denn der Bergbaukonzern war wegen der vielen Beihilfen politisch bestimmt.

Müller hat ein Kapitel Ruhrgebietsgeschichte geschrieben

Als RAG-Chef hat Müller ein Kapitel Ruhrgebietsgeschichte geschrieben: Die jahrzehntelang ihrem Untergang entgegentrudelnde, hochsubventionierte Zechengesellschaft wird langsam bis 2018 sozialverträglich ihre Förderung einstellen. Ihre in Unternehmen wie Steag oder Degussa investierten Reserven müssen nicht im Stilllegungsprozess aufgebraucht werden, sondern bleiben in der Evonik erhalten. Lange bevor das dafür erforderliche Stiftungs-Börsenmodell gegen divergierende Parteilinien durchgesetzt und vom Gesetzgeber beschlossen wurde, hat Müller in wenigen Jahren den ertragsschwachen industriellen Teil des Konzers restrukturiert und börsenreif neu aufgestellt.

Mit dem Regierungswechsel von rot-grün auf schwarz-rot zunächst in Düsseldorf und im selben Jahr in Berlin verlor Müller die befreundeten Politiker. Der von ihm im Wahlkampf 2005 gereizte Jürgen Rüttgers hat als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Müller zwar straucheln lassen, aber nicht stürzen können. Nun hat Müller in dem ihm gewohnten Stil - gestützt auf externe Berater, in diesem Fall seine Frau - in geheimer Blitzaktion selber seinen Rückzugstermin bestimmt.

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