Hertie ist tot, Woolworth auch, Horten schon längst. Von Karstadt weiß man es nicht so genau, schwer zu deuten sind die Signale aus dem Zwischenreich zwischen Insolvenz und Wiederauferstehung. Als gesicherte Erkenntnis hatte lange Zeit nur zu gelten: Das Kaufhaus als solches stirbt aus; ein Auslaufmodell, von vorgestern, unrentabel, dem Tode geweiht. Widerstand zwecklos.
Über kurz oder lang, so unkt es seit Jahren aus allen Ecken, werden die Gebäude sich leeren und als Ruinen der Wohlstandsgesellschaft die Fußgängerzonen verschandeln. Die Innenstädte werden veröden. So weit die herrschende Meinung.
Wie schön, dass die Realität sich nicht an derlei Prognosen hält: In den Einkaufsmeilen ist in den Wochen vor Weihnachten kaum ein Durchkommen, die Tüten der Kunden sind voll, der Handel brummt. „Das Warenhaus lebt - und wie!“, frohlockt Kaufhof-Chef Lovro Mandac. „Allein zu uns strömen über zwei Millionen Leute Tag für Tag. Und die kommen sicher nicht zur Leichenschau.“
Von Trübsal keine Spur
So quicklebendig fühlt sich der Mann, dass er Hohn und Spott ausschüttet über all die „Weisen und Untergangspropheten“, die das Ende der Kaufhäuser besungen haben: „Die können gerne bei mir vorbeischauen, bisher hat keiner von denen je hier angerufen.“
Gewiss, notfalls redet jeder Manager sein Geschäft schön. Wahr ist aber auch: Der Kaufhof-Chef kann seine Frechheiten mit Zahlen unterlegen. Der Umsatz ist im dritten Quartal um knapp vier Prozent gestiegen, der Gewinn wächst entsprechend. Von Trübsal keine Spur, Mandac triumphiert: „Wir sind der zweitgrößte Uhren- und Schmuckverkäufer in Deutschland und bei lupenreinen Diamanten unangefochten die Nummer eins. Niemand verkauft mehr Damenunterwäsche.“
Nun ließe sich einwenden: Galeria Kaufhof gut und schön. Aber still stirbt der Rest. Auch dies jedoch widerlegen die Zahlen. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), der fast schon amtliche Statistiker, ruft die Wende aus: „Die Abwärtsspirale, die die Kaufhäuser jahrzehntelang beim Umsatz verzeichnet hat, wird 2010 erstmals gestoppt.“
Keine Antworten auf Billig-Outlets und das Internet
Wahrlich haben die Warenhäuser, vor mehr als 150 Jahren erfunden, bittere Zeiten hinter sich. Etliches haben die Herren Manager dort falsch eingeschätzt, vieles verschlafen. So beschleunigte sich seit den 70er und 80er Jahren der Niedergang. Das „Alles unter einem Dach“-Konzept hatte sich scheinbar überlebt, die Häuser hatten kein Profil. Auf die Billig-Outlets auf der grünen Wiese fanden sie so wenig eine Antwort, wie auf die aus dem Nichts auftauchenden Elektromärkte wie Media/Saturn. Das Modegeschäft rissen Hersteller wie H&M und Zara mit eigenen Läden an sich, Amazon und Konsorten setzen ihnen aus dem Internet zu.
Im Ergebnis schrumpfte der Anteil der Kauf- und Warenhäuser an den Konsumausgaben in Deutschland auf gut drei Prozent. Die Zahl der Standorte halbierte sich seit den 70er Jahren. Das Totenglöckchen bimmelte.
Vor einem Jahr noch betrauerten die GfK-Marktforscher die große Kaufhauskrise, um jetzt überrascht festzustellen: „Viele Geschäfte schlagen sich erstaunlich gut.“ Und ein so potenter Zulieferer wie Adidas-Chef Herbert Hainer bestätigt: „Das Kaufhaus hat wieder eine Chance.“
Das neue Zauberwort heißt Lokalisierung
Als Grund, genauer gesagt als Ausrede für die Misere, musste lange die angeblich schwindende Mittelschicht herhalten (noch so ein Mythos, der einer Überprüfung nicht standhält): Daraus leitet sich die gängige, aber wenig einleuchtende These ab, nur ganz oben, mit Superluxus, und ganz unten, im 1-Euro-Shop, finde der Kaufmann ein Auskommen: Warum aber sind die Aufsteiger der letzten Jahre gerade jene Marken, die auf die Mitte zielen? Esprit, S.Oliver, etliche andere mehr. „Louis Vuitton kaufen vielleicht 0,1 Prozent der Menschheit“, sagt Kaufhof-Chef Mandac. „Von denen kann ich nicht leben.“ Der Mann zielt mit voller Absicht auf die „obere Mitte“. Das Gerede, nur Weltstadthäuser könnten überleben, hält er für hanebüchenen Unsinn: „Schauen Sie mal nach Landau und Düren, schöne Renditen erzielen wir da - natürlich mit einem ganz anderen Angebot als in Hamburg, Frankfurt oder München.“
Das neue Zauberwort im Kaufhaus-Gewerbe heißt Lokalisierung. Das predigen die Berater. Das machen erfolgreiche Häuser wie Breuninger in Stuttgart und Ludwig Beck in München seit Generationen vor. „Alles wird lokaler, alles wird individueller“, tönt der Chef des Marktführers Kaufhof. Erlag die Branche früher dem Charme der großen Zahlen, sollte alles vereinheitlicht werden, um Kosten zu sparen, so gibt es heute keine zwei Kaufhof-Filialen mit identischem Angebot. Die Zentrale gibt nur die Basis vor, den Rest des Sortiments bestimmt der Geschäftsführer vor Ort: Trachten in München, Halloween-Folklore in Frankfurt, wo viele Angelsachsen arbeiten.
Die Innenstädte florieren
Dieses Konzept macht die Häuser schneller, flexibler, lifestyliger. Beispiel Desigual: Die Kollektion der hippen spanischen Modemarke landete ungewöhnlich früh im Kaufhof, nicht weil ein zentraler Einkäufer es so wollte, sondern weil der Kölner Geschäftsführer Desigual im Spanien-Urlaub entdeckt und für sein Haus geordert hat. „Der Kunde will nur eines: neue Ware“, sagt Mandac. Lampen, Teppiche, Waschmaschinen verkauft er längst nicht mehr, dafür wechselnde Mode im Vier-Wochen-Rhythmus, wie sie es von den Zaras abgeschaut haben.
Das Wort Revolution mag übertrieben klingen, aber Erstaunliches tut sich im Handel auch abseits der Warenhäuser: Die Innenstadt floriert, die grüne Wiese verblüht, das berichten DIHK und Konsumforscher übereinstimmend.
Über Jahrzehnte wurde auf dem billigen Grund vor der Stadt ein Shopping-Center nach dem anderen hochgezogen. Vor ein, zwei Jahren hat die Rückkehr in die Innenstädte eingesetzt, Stadtplaner sprechen bereits von einer „postindustriellen Renaissance der Städte“.
Krise, welche Krise?
Für die kommenden fünf Jahre sei kein Einkaufscenter auf der grünen Wiese mehr geplant, sagt der zuständige Branchenverband. Wenn gebaut wird, dann in Zentrumslage. Das wertet die Einkaufsmeilen auf, davon profitieren die Kaufhäuser. Ein Übriges tut der Aufschwung, der auch die Binnennachfrage ankurbelt, wie die Ökonomen so schön sagen.
Mit Kaufhäusern lässt sich wieder gutes Geld verdienen, im Ausland sowieso, wo sich die Aktienkurse von Konzernen wie Saks (49 Häuser) und Macy's (800 Geschäfte) seit Anfang 2009 verdreifacht haben. Aber auch in Deutschland meldet ein Ludwig Beck, gelegen am Münchner Rathauseck, einen Rekordgewinn, der Aktie geht es blendend: plus 40 Prozent in einem Jahr. Und Breuninger, das inhabergeführte Kaufhaus, das Stuttgarts bessere Gesellschaft seit dem Jahr 1881 anzieht, mag erst recht nichts von einer Misere hören. Der geschäftsführende Gesellschafter Willem van Agtmael liebäugelt gar mit weiterer Expansion und berichtet von erstaunlichen Einnahmen: „Mit einem guten Weihnachtsgeschäft werden wir dieses Jahr zweistellig wachsen.“ Krise, welche Krise?
Kommt das Bündnis der zwei Großen?
Eine Karstadt-Pleite mache noch keine Kaufhaus-Krise, sagt der Breuninger-Chef. Mit anderen Worten: Manche können es, andere nicht. Ob der neue Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen mehr versteht als seine Vorgänger, muss sich zeigen. Ungeklärt ist die Frage, wie viel Geld und Energie er in seine Kaufhäuser steckt, ob ein paar Eimer Farbe für frischen Glanz reichen. Und ob es nicht doch, unter welcher Regie auch immer, zu einem Bündnis zwischen den beiden Großen kommen wird.
Der Kaufhof zählt bei seinem Eigner, der Metro-Gruppe, bekanntermaßen nicht mehr zum Kerngeschäft. Nur hat es Metro-Chef Eckhard Cordes mit der Trennung nicht mehr so eilig, seit sich die Zahlen aufhellen und sich deshalb potentielle Investoren bei ihm melden. Sogar ein Börsengang auf eigene Faust wird im Markt diskutiert. „Derzeit nicht aktuell“, sagt der Vorstandsvorsitzende Lovro Mandac zu entsprechenden Gerüchten. Wichtig ist ihm nur eines: Das Kaufhaus lebt.
Das Kaufhaus lebt?
Wilh. Kaiser (hoppla181)
- 13.11.2010, 23:38 Uhr
Das Kaufhaus bleibt
Eva Steidl (evilein12)
- 14.11.2010, 12:38 Uhr
@#1 Nichts gefunden?
Horst Günther (MarkTwain)
- 14.11.2010, 16:46 Uhr
Diese hingehauene
Dieter Erkelenz (d.erkelenz)
- 14.11.2010, 17:17 Uhr
Die Stadt lebt
Christian Schneider (C.P.S)
- 14.11.2010, 19:23 Uhr
