Home
http://www.faz.net/-gqi-sg5t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Weltwirtschaft Baustelle Hannover Messe

24.04.2006 ·  Mit dem Verlust publikumswirksamer Schwerpunkte verlor die Hannover Messe ihren Charakter als Schaufenster der deutschen Industrie. Doch ihr Umbau ist gewaltig vorangekommen. In diesem Jahr spielt erstmals Energietechnik eine dominierende Rolle. Diese Idee kann man nur als glücklich bezeichnen.

Von Georg Giersberg
Artikel Bilder (4) Video (1) Lesermeinungen (0)

Die Hannover Messe hat sich schon größer und strahlender präsentiert. Von heute an zeigen 5000 Aussteller eine Woche lang ihre Produkte. Das ist beileibe kein Rekord. Auf dem größten Messegelände der Welt haben schon mehr als 7000 Unternehmen ihre Produkte im Rahmen der Hannover Messe gezeigt. Aber den Titel der größten Messe der Welt hat die Hannover Messe längst an die aus ihr hervorgegangene und ebenfalls in Hannover stattfindende Computermesse Cebit abgegeben.

Im Rahmen solcher Verselbständigungen hat die Hannover Messe viele Teile verloren. Auch die Baumesse Bauma in München, die Druckmaschinenmesse Drupa in Düsseldorf oder die Lichtmesse Light & Building in Frankfurt haben ihren Ursprung in der Hannover Messe. Sie mußten einst gehen, weil der Platz des Messegeländes begrenzt ist, wenngleich es hierzulande das größte ist.

Verlust publikumswirksamer Schwerpunkte

Mit jedem Verlust eines Teilbereichs aber ändert sich auch die Zusammensetzung der Industriemesse an der Leine. Die Hannover Messe verlor zunächst immer mehr den Charakter des Schaufensters der deutschen Industrie, sie war zuletzt nicht einmal mehr das der Investitionsgüterindustrie. Sie büßte mit dem Fall der Mauer zudem ihre politische Funktion als neutraler Treffpunkt für Politiker aus Ost und West ein. Hinzu kam der sich in den letzten Jahren wegen zunehmender Überkapazitäten verschärfende Wettbewerb im Messewesen, der dazu führte, daß andere Messeplätze weitere Teile aus der Hannover Messe herausbrachen und an ihren Standort zogen.

Mit dem Weggang der Roboterhersteller nach München (Automatica) verlor die Messe einen der letzten spektakulären und publikumswirksamen Schwerpunkte. Immer drängender stellte sich die Frage nach der Substanz, nach dem Kern der Hannover Messe. Bei aller Kritik an der Messe muß aber auch gesagt werden, daß die Hannover Messe selbst nach großen und auch herben Abgängen noch immer eine der bedeutendsten Messen der Welt ist. Und manch ein Konkurrent, der genüßlich auf Schwierigkeiten in Hannover verweist, hätte gern eine solche Großmesse in seinen Hallen, die nach wie vor für die deutsche Industrie und ihren Export von großer Bedeutung ist.

Neukonzeption der Messe

Auch aus diesem Grund arbeitet Sepp Heckmann seit der Übernahme des Vorstandsvorsitzes der Deutschen Messe AG mit Hochdruck an einer Neukonzeption der Messe. Die Renovierung ist noch nicht abgeschlossen, manches ist noch eine Baustelle. Die Neuaufstellung der Hannover Messe ist in diesem Jahr aber einen gewaltigen Schritt vorangekommen.

Kern der Messe ist die Automatisierungstechnik. Hannover will die "Wertschöpfungskette für die industrielle Fertigung" abbilden. Hier soll der Besucher schon heute finden, was morgen in den Produktionshallen der Welt stehen wird. Damit wird eines der großen industriellen Themen in Hannover abgebildet, nämlich die nicht zuletzt durch die voranschreitende Globalisierung getriebene Automation der Fertigung. Und das weltweit, wie der hohe Anteil ausländischer Aussteller und Besucher auf der Messe zeigt.

Energietechnik als zweite tragende Säule

Dieser Bereich ist in den vergangenen Jahren auch gestärkt worden: Die bis dahin in Düsseldorf stattfindende Prozeßautomationsmesse Interkama findet jetzt alle zwei Jahre im Rahmen der Hannover Messe statt. Aus Nürnberg hat man sich die Powder Coating, eine Messe für Oberflächentechnik, geholt. Aber gerade weil das Thema Automation so attraktiv ist, sind die Begehrlichkeiten anderer Messeplätze daran eben auch groß.

Und solange in München die Roboterhersteller ausstellen und in Frankfurt die große Welt des chemischen Apparatebaus gezeigt wird, ist in Hannover eben noch nicht die ganze Welt der industriellen Fertigungstechnik zu sehen. Und die Automation von der Fertigungstechnik auch auf die Haustechnik zu erweitern stößt noch auf den erbitterten Widerstand der Messe in Frankfurt, die die Haustechnik als integralen Bestandteil ihrer Messen ISH (Messe für Sanitär und Heizungstechnik) und Light & Building sieht.

In diesem Jahr hat das Messemanagement der Automation eine zweite tragende Säule zur Seite gestellt. Erstmals spielt die Energietechnik in Hannover eine dominierende Rolle. Diese Idee kann man nur als glücklich bezeichnen. Mit diesem Thema stößt die Messe in eine weltweit aktuelle Diskussion. Die kostengünstige und umweltfreundliche Energieversorgung großer wachsender Volkswirtschaften in Asien ist ebenso zu bewältigen wie Störungen in der Energieversorgung, wie sie von Iran oder von Rußland ausgehen. Die Techniken dazu werden in Hannover zu sehen sein. Die Energietechnik könnte in Zukunft die Messe nicht nur beherrschen, sondern ihr auch einen ebenso spektakulären wie publikumswirksamen Schwerpunkt verleihen.

Stimmiges Messekonzept

Ergänzt werden sollen die zwei Kernthemen Automation und Energie um eine attraktive Länderschau einer international bedeutenden Weltwirtschaft - in diesem Jahr ist es Indien - und um die seit Jahren in Hannover vertretenen Bereiche Forschung und Entwicklung. Mit diesem Vierklang hat Hannover wieder ein stimmiges Messekonzept. Auch wenn die Messe noch einige Abgrenzungsschwierigkeiten hat und wenn man sich bei den Länderpräsentationen überlegen muß, welchen Partner man nach den fünf größten aufstrebenden Volkswirtschaften präsentiert, könnte aus der Baustelle Hannover Messe wieder eine geschlossene Weltleitmesse für die industrielle Fertigungstechnik werden. Die guten Konjunkturaussichten - Hannover galt viele Jahre als wichtiges Konjunkturbarometer - tun ein übriges, daß sich Hannover in dieser Woche in gutem Licht präsentiert und auf gutem Weg ist, an frühere Hoch-Zeiten anzuknüpfen.

Quelle: F.A.Z., 24.04.2006, Nr. 95 / Seite 11
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 12 19

30.05.2012 12:29 Uhr
  Vortag
Dax 6.326,29 −1,10%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.379,24 −1,07%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2441 −0,38%
Rohöl Brent Crude 105,16 $ −1,58%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.