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Weinbau im Klimawandel Sonne satt und Regengüsse

18.08.2010 ·  Der Klimawandel hinterlässt seine Spuren in der Weltkarte des Weines. Klassische Rebsorten drängen in den Norden. Deutschlands Winzer profitieren - über ihnen lacht die Sonne.

Von Bernd Freytag, Ludwigshafen
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Klaus Rückrich sorgt sich um das Wetter. „Langsam könnte mal jemand den Hahn zudrehen“, sagt der Sprecher des Deutschen Weinbauverbandes. Schließlich beginnt in vier Wochen die Weinlese und Wasser hatten die Reben jetzt genug. Für die Qualität des Weines seien die letzten Sonnentage besonders wichtig, die Winzer sehnten sich deshalb nach Trockenheit, sagt Rückrich. Dass viele deutsche Weinbauern zur Zeit mit Blick auf den Klimawandel ihre Bewässerungssysteme ausbauen, ist für Rückrich kein Widerspruch. Im Gegenteil: „Die Extreme“, sagt er, „sind auch eine Folge des Klimawandels.“

Der Klimawandel ist im Weinbau angekommen und noch freuen sich die Winzer darüber. Es laufe „absolut in die richtige Richtung“, sagte kürzlich Steffen Christmann, der Präsident des Verbandes deutscher Prädikatsweingüter (VDP). Noch in den achtziger Jahren habe es Reifeprobleme gegeben, diese Zeiten seien vorbei. „Jetzt erreichen wir jedes Jahr Vollreife und sind sehr glücklich darüber.“ Schließlich liege Deutschland am nördlichen Rand der Weinbauregionen: „Wir können das schon entspannter sehen als etwa die Kollegen auf Sizilien.“

Cabernet Sauvignon aus Deutschland

Tatsächlich hat es in Deutschland seit etlichen Jahren keine schlechten Jahrgänge mehr gegeben. Experten wie Hans Schultz, Direktor der Forschungsanstalt für Garten- und Weinbau in Geisenheim im Rheingau, führen dies aber nicht nur auf den Klimawandel zurück. Auch die Ausbildung der Winzer sei entscheidend verbessert worden, sagt er. Die deutschen Winzer profitierten zwar bislang vom Klimawandel, in den nächsten Jahren sei allerdings zunehmend mit Wetterkapriolen zu rechnen. „Extremer Starkregen und Trockenperioden werden sich abwechseln.“ Während sich die Mittelmeeranrainer „nur“ auf längere Trockenperioden einstellen müssten, seien die Herausforderungen in Deutschland ungleich größer. Von der zunehmenden Erwärmung ist Schultz überzeugt. Austrieb, Blüte und Reife der Pflanzen fänden bereits heute deutlich früher im Jahr statt. Zugleich sinke das Spätfrostrisiko. Mit anderen Worten: Es gibt weniger Eiswein.

Der Weinbau wandert nach Norden, diese Folge des Klimawandels ist bereits offensichtlich. Galt früher der 52. Breitengrad als nördliche Schmerzgrenze, hinter der keine Rebe mehr ordentlich gedeiht, wird heute 500 Kilometer nördlich von Berlin, auf der schwedischen Insel Gotland ebenso Wein angebaut wie in Norwegen, Kanada und Dänemark. In Großbritannien hat sich bereits eine kleine wachstumsstarke Weinbranche etabliert. Die Sonne lockt auch neue Sorten in den Norden. Einst typische Mittelmeerreben wie Cabernet Sauvignon, Merlot oder Chardonnay gehören bald ins Standardprogramm deutscher Winzer. Frühreife Sorten hingegen wie Müller Thurgau oder der einst so hoch gehandelte Ortega verschwinden zusehends vom Acker.

Französischer Champagner von englischem Boden

Die frühere Reifephase in wärmerer Umgebung verändert aber auch den Geschmack der etablierten Rebsorten. Schon heute sei eine Zunahme der durchschnittlichen Öchslegrade - also ein höherer Zuckergehalt - und eine Abnahme der Säure zu beobachten, sagt Schultz. Es gibt zwar immer mehr alkoholreiche Weine, zugleich nimmt aber ihre Spritzigkeit ab. Damit ändert sich der Charakter des Weines: Ein deutscher Weißwein mag dann zwar schmecken wie ein französischer, aber werden die Verbraucher ihren schlanken, säurebetonten deutschen Riesling nicht vermissen?

Die Rettungsversuche für die alten „Marken“ sind unterdessen im vollen Gange. Ausgerechnet die stolzen französischen Champagnerproduzenten haben sich große Flächen in England gesichert, um bei ähnlicher Bodenbeschaffenheit wie in der Champagne die Produktion von säurehaltigen aber wenig zuckerreichen Sorten sicherzustellen. Australische Winzer orientieren sich sehr zum Unmut von Umweltschützern in Richtung der vorgelagerten Insel Tasmanien. Und Miguel Torres, einer der größten Weinproduzenten Spaniens kauft nach Schultzes Worten Flächen in den Pyrenäen, um ausweichen zu können, falls es in traditionellen Gebieten wie der Mancha zu warm werde.

Neue Experimente mit vergessenen Sorten

Der Temperaturanstieg wird die Reben nachhaltig beeinflussen, darin ist sich Schultz sicher. Werner Knipser aus dem pfälzischen Laumersheim, einer der erfolgreichsten Winzer Deutschlands, sieht die Entwicklung noch entspannt. Während Deutschland bislang am nördlichen Rand der Weinklimazone gelegen habe, werde es künftig eben von einem gemäßigten Klima geprägt, sagt er. Trotzdem stellt er sich auf Veränderungen ein und experimentiert mit neuen und in Vergessenheit geratenen Sorten wie dem Gelben Orleon, der früher in Deutschland nur in sehr guten Jahrgängen auch gute Qualität liefern konnte.

Um den Klimawandel für die Altsorten in den Griff zu bekommen, versucht es der Vorzeigewinzer mit neuen Varianten sogenannter Unterlagsreben. Bei der in Deutschland üblichen Pfropfrebe wird ein kleines Stück Edelreis auf eine Unterlagsrebe aufgepfropft und mit Wachs versiegelt. Das Edelreis bestimmte die Sorte, die schädlingsresistene aber geschmacksschwache Unterlagsrebe sorgte dafür, dass die gefürchtete Reblaus in Europa keine Chance mehr hat. Knipser testet nun verschiedene Unterlagen, um eine zu schnelle Reifung zu verhindern. Einen ähnlichen Effekt erhofft sich der Winzer, wenn er zwischen die Reben „konkurrierende“ Grünpflanzen sät und auch damit die Reifung verzögert. Andere Winzer gehen noch einen Schritt weiter: An der Mosel wollen einige ihre Weinberge sogar wieder versetzen, in sonnenärmere Seitentäler.

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Jahrgang 1967, Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

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