19.07.2006 · So macht man sich Feinde an der Wall Street: Der Investmentbanker Jonathan Knee hat ein Enthüllungsbuch über seine Branche geschrieben - und scheut darin nicht davor zurück, Namen zu nennen.
Von Norbert Kuls, New YorkJonathan Knee hat einen garantierten Weg gefunden, an der Wall Street zur unerwünschten Person zu werden. Der Investmentbanker hat nämlich ein Enthüllungsbuch über seine Branche geschrieben - und scheut darin nicht davor zurück, Namen zu nennen. Zum Beispiel den von Joseph Perella, der bei einem Mittagessen mit Kunden schon mal dem Besteck mehr Aufmerksamkeit schenkt als der Präsentation eines Kollegen.
Investmentbanker Perella soll während der fraglichen Präsentation alle Bestecke am Tisch, inklusive dem des Kunden, genau inspiziert haben, schreibt Knee. Sitzungen mit Perella seien zudem von „Wegdösen und gelegentlichen Blähungen“ geprägt gewesen. Zwar gebe es niemanden, der effektiver als Perella gewesen sei, Aufträge an Land zu ziehen - wenn er in guter Form war. Wegen seines potentiell bizarren Verhaltens und einer Tendenz zum Trivialen hätten dennoch viele von Perellas Kollegen nach Möglichkeit vermieden, ihn zu Kunden mitzunehmen.
Bisher war der Autor in der Branche respektiert
Knee pinkelt da nicht irgend jemandem ans Bein. Perella hat an der Wall Street Legendenstatus. Der Mann hatte zusammen mit Bruce Wasserstein, dem derzeitigen Vorstandschef der Investmentbank Lazard, das später an die Dresdner Bank verkaufte Investmenthaus Wasserstein Perella gegründet. Nach seiner Trennung von Wasserstein war er lange einer der Top-Banker bei Morgan Stanley gewesen. Kürzlich hat er eine neue Boutique-Investmentbank, Perella Weinberg Partners, aufgemacht.
Die Wege von Perella und Knee kreuzten sich bei Morgan Stanley, wo Perella sein Chef gewesen war. Neben Morgan Stanley hat Knee auch bei Goldman Sachs gearbeitet. Mittlerweile ist er bei der kleinen Investmentbank Evercore tätig. Er galt - bisher zumindest - in der Branche als respektiert und lehrt als außerordentlicher Professor an der New Yorker Columbia-Universität. Sein Buch mit dem Titel „The Accidental Investment Banker“, der „zufällige Investmentbanker“, wird im kommenden Monat erscheinen und wurde vorab von der „New York Times“ rezensiert.
Zunehmend geldgierige Typen
Knee geht es nicht nur um die persönlichen Befindlichkeiten der Finanzmanager an der Wall Street. Er beklagt, daß Investmentbanker von „diskreten, vertrauenswürdigen Beratern“ zu zunehmend geldgierigen Typen wurden, die nur auf Geschäft aus sind und vom Wunsch nach Bekanntheit und Gewinn getrieben werden. In einem Beitrag für das „Wall Street Journal“ hatte Knee jüngst ähnliche Thesen vertreten.
Investmentbanken wie Goldman Sachs machten mittlerweile mehr Gewinn mit Eigenhandel und Investitionen auf eigene Rechnung als mit der einstigen Königsdisziplin, der Beratung bei Fusionen und Übernahmen. Die komplexen finanziellen Interessen der Investmentbanken stünden daher oft im Konflikt mit den Zielen ihrer historischen Kundenbasis, findet Knee. Sein Arbeitgeber Evercore, der - offenbar zeitlich gut geplant - parallel zum Erscheinen des Buchs seinen Börsengang plant, konzentriert sich dagegen ausschließlich auf das Beratungsgeschäft.
Schlaflose Nächte für Transaktions-Ranglisten
An der Wall Street dürfte allerdings das Namensverzeichnis des Buchs mehr Aufmerksamkeit erregen als Knees geschäftsphilosophische Betrachtungen. So beschreibt Knee John Thornton, den ehemaligen Präsidenten - also die Nummer zwei - von Goldman Sachs, als brillant, aber sehr auf sein Ansehen bedacht. Es sei zudem ein offenes Geheimnis gewesen, daß Thornton nur begrenzten Respekt für die Kapazitäten seines Chefs hatte, strategisch denken zu können. Thorntons Chef war Henry Paulson, der mittlerweile Finanzminister der Vereinigten Staaten ist.
Knee beschreibt auch, wie Analysten schlaflose Nächte damit verbringen, die Daten der vielbeachteten Transaktions-Ranglisten neu zu arrangieren. Der Grund: Sie suchen nach dem am wenigsten lächerlichen Weg, die eigene Firma als die mit dem größten Marktanteil zu präsentieren. Das funktioniert, indem man die Erfolge der Konkurrenten ausklammert und das in eine komplizierte Fußnote packt.
Mit den gleichen Tricks arbeiten Wahrsager
Knee erzählt zudem von Investmentbankern, die während des Aufschwungs ein großes Ego und ein Faible für Geschäftsreisen entwickelten und zum Leidwesen ihrer Kollegen in Übersee dann an allen Besprechungen teilnehmen wollten. Informiert sind die Banker auch nicht immer, was allerdings nicht bedeutet, daß die Kunden das merken.
Knee berichtet, wie ein Banker das harmlose Wortgeplänkel mit dem Vorstandschef eines potentiellen Kunden nutzte, um diesem geschickt Informationen zu entlocken. Damit täuschte er dann Kenntnis der Materie vor, erhielt weitere Informationen und schließlich den Auftrag. Knee erinnerten diese Methoden an ein anderes Berufsbild: Mit den gleichen Tricks arbeiten nämlich Wahrsager auf einem Jahrmarkt.
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