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VW, BMW und Co. Autohersteller suchen ihr Heil in Brasilien

 ·  Gute Wachstumsperspektiven motivieren zum Bau neuer Werke. VW will im Schlüsselmarkt Südamerikas die Konkurrenz mit Milliardeninvestitionen in Schach halten. Auch BMW kündigt an, mehr als 200 Millionen Euro in ein neues Werk zu stecken.

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Martin Winterkorn liebt Fußball. Umso mehr ärgert sich der VW-Vorstandsvorsitzende über seinen VfL Wolfsburg. Die mit vielen Millionen gepäppelte Werkself steht am Tabellenende der Bundesliga. Doch die globale Aufstellung von Europas größtem Automobilkonzern erlaubt (und erzwingt) ja auch immer wieder die „Flucht“ aus der Misere in der Heimat: zum Beispiel nach Brasilien. Dort, in der Industriemetropole São Paulo, begann am Montag die größte Automesse Lateinamerikas. Aus diesem Anlass ließ Winterkorn nicht nur die Konzernmarken - von VW über Audi, Lamborghini und Ducati bis Bentley und Bugatti - Spalier stehen. Der Konzernchef zeigte sich auch erfreut darüber, dass sich VW mit jährlich 6 Millionen Euro als Sponsor der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft engagiert.

VW will 3,4 Milliarden Euro investieren

Das ist ein winziger Bruchteil dessen, was VW in Brasilien insgesamt in die Hand nimmt: Bis 2016 investiert der Konzern 3,4 Milliarden Euro in neue Produkte und in den Ausbau der Produktionskapazitäten. Denn während es mit den Automärkten im schuldengeplagten und von Überkapazitäten gezeichneten Westeuropa stetig bergab geht, sind die Perspektiven in Brasilien (192 Millionen Einwohner) ausgesprochen gut. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt, ist Brasilien die sechsgrößte Volkswirtschaft der Welt. Dank der erwarteten Impulse aus der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016 könnte Brasilien auf Platz fünf vorrücken und Länder wie Frankreich und Großbritannien hinter sich lassen. Obwohl die Dynamik zuletzt deutlich nachgelassen hat, wird für dieses Jahr immer noch mit einem Wirtschaftswachstum von 3 bis 3,5 Prozent gerechnet. Der Aufschwung führte zu einer deutlichen Reduzierung der Arbeitslosigkeit und zu mehr Wohlstand in einer stetig wachsenden Mittelschicht.

Dies erklärt die rosigen Absatzprognosen im Automarkt, wie sie zum Beispiel Roland Berger veröffentlicht hat. Die Unternehmensberater glauben, dass sich die Autoverkäufe von 2010 bis 2020 auf 6,6 Millionen verdoppeln werden und Brasilien schon 2015 zum drittgrößten Automarkt der Welt hinter China und den Vereinigten Staaten aufsteigen könnte.

Bis 2018 an die Weltspitze

“Wir sind froh, dass es solche Länder gibt“, sagte Winterkorn mit Blick auf die Absatzschwäche in Südeuropa, die VW dazu veranlasst habe, für 2013 vorsichtiger zu planen. Um einen zu großen Lagerbestand zu vermeiden, habe man die Produktionszahlen reduziert. Wie berichtet, hat Winterkorn auch die Absatzerwartung für dieses Jahr leicht zurückgenommen. Das gilt allerdings nicht für Brasilien. Das südamerikanische Land ist ein wichtiger Eckpfeiler in Winterkorns langfristiger Wachstumsstrategie, die da heißt, den VW-Konzern bis 2018 zum größten und besten Autohersteller der Welt zu machen.

Allerdings zieht Brasilien auch die Wettbewerber magisch an. Die chinesischen Autohersteller Chery und JAC Motors sowie Volkswagens koreanischer Erzrivale Hyundai und Ssangyong aus Korea wollen mit eigenen Werken in Brasilien auftrumpfen. Die japanischen Hersteller Suzuki und Nissan haben angefangen, neue Werke zu bauen. Insgesamt haben 16 Autohersteller angekündigt, neue Fabriken zu bauen oder ihre bestehenden Produktionskapazitäten in Brasilien zu erhöhen.

Zuletzt konkretisierte BMW seine Pläne für den Bau eines neuen Autowerks in Brasilien. Wie Vorstandsmitglied Ian Robertson am Montagabend bei einem Treffen mit Präsidentin Dilma Rousseff mitteilte, will der Autobauer in den nächsten Jahren mehr als 200 Millionen Euro in die neue Produktionsstätte investieren. Sofern die brasilianische Regierung den Plänen endgültig zustimme, werde die Fertigung von Fahrzeugen 2014 beginnen. Geplant ist Robertson zufolge eine Produktion von 30.000 Autos jährlich.

Importsteuer von 35 Prozent

Ausschlaggebend für die Investitionen der Autobranche ist nicht nur das erwartete Marktwachstum, sondern auch die Errichtung von Handelsbarrieren. Die brasilianische Regierung hat eine zusätzliche Importsteuer von 35 Prozent verhängt für die Einfuhr von Autos aus dem Ausland, um die lokalen Produzenten zu schützen und Technologie ins Land zu holen. Prompt sackte der Absatz all jener Anbieter, die ihre Autos nicht in Brasilien bauen, in den Keller.

Paradoxerweise profitiert VW von diesem Protektionismus, denn die Deutschen sind seit 60 Jahren in Brasilien verankert: Sie besitzen drei Fahrzeugwerke und ein Motorenwerk und beschäftigen 24.000 Mitarbeiter im Land. Dank einer hohen lokalen Wertschöpfungstiefe von 85 Prozent heimst VW darüber hinaus allerlei andere Steuernachlässe ein. Andere Konzernmarken wie Audi und Porsche, die nicht in Brasilien produzieren, leiden allerdings unter dem Schutzwall. Trotzdem ist dieses Land der drittgrößte Absatzmarkt für den Konzern, für die Marke Volkswagen aktuell sogar der zweitgrößte nach China. In den vergangenen fünf Jahren hat der Konzern seine Auslieferungen in Brasilien um fast 40 Prozent auf mehr als 700000 Autos erhöht.

Gemessen an den Ausbauplänen aller Hersteller, dürfte die Produktionskapazität in Brasilien von aktuell 3 Millionen Fahrzeugen bis 2016 auf 5 Millionen Einheiten steigen. Nach Ansicht von Stefan Bratzel vom Auto-Institut in Bergisch Gladbach könnte dies mittelfristig zu Überkapazitäten und Margenverfall führen. Bratzel glaubt, dass es für VW künftig härterer Anstrengungen bedürfe, den Marktanteil (22 Prozent) zu halten oder gar auszubauen.

Ehrgeizige Angreifer

Auch der VW-Vorstand rechnet mit einem wachsenden Wettbewerbsdruck. Von dem damit wohl einhergehenden Preiskampf hoffen sich die Wolfsburger mit einer Fülle neuer Modelle abkoppeln zu können. Auf der größten Automesse in Lateinamerika stellte VW die Studie für einen kleinen Geländewagen (“Taigun“) vor, der auf den holprigen brasilianischen Straßen gut zu gebrauchen wäre. Auch in den Überlegungen zum Bau eines Billigautos spielt Brasilien eine Rolle.

Winterkorn sprach von „aggressiven Investitionen“, mit denen er die Wettbewerber in Schach halten will. Dabei hat er vor allem den Fiat-Konzern im Blick, den Winterkorn unbedingt überholen will. Die Italiener sind in Brasilien seit vielen Jahren in etwa gleichauf mit dem VW-Konzern, verfügen aber über deutlich weniger Feuerkraft. Winterkorn will auch die ehrgeizigen Angreifer aus Asien auf Abstand halten, wobei er (wieder mal) Hyundai für gefährlicher hält als die Chinesen. Von der Fußball-WM in zwei Jahren erhofft sich Winterkorn als Sponsor der brasilianischen Nationalkicker einen „Riesenschub“ für die Marke VW. Und er hat klare Vorstellungen, wie dieses Turnier am 13. Juli 2014 im Maracanã-Stadion in Rio enden sollte: mit dem Finale Brasilien gegen Deutschland.

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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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