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Vorstandsvergütung Bonus malus est

15.03.2009 ·  Boni für Pleite-Banker; Extra-Prämien ohne Gegenleistung. Jetzt zeigt sich: Die Vergütungssysteme verderben erst die Sitten und dann das Geschäft. Zwei Denkschulen haben sich aufgemacht. Die eine will reformieren, die andere will revolutionieren.

Von Winand von Petersdorff
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Die Aktion „Ehrenrettung für Banker“ ist an diesem Wochenende angelaufen: Der heftig attackierte Postbankchef Wolfgang Klein verkündete dem Boulevard, er wolle nächstes Jahr nur für einen Euro arbeiten, nachdem er für 2008 einen Sonderbonus von 2,4 Millionen Euro bekommen hatte. Die Postbank hatte im vergangenen Jahr 821 Millionen Euro Verlust gemacht.

Der Schreck der Top-Manager ist groß, und die Reue bekommt skurrile Züge. Irgendetwas stimmt nicht mit der alten Entlohnung. Ein Wunder ist das nicht. Das Publikum dachte bisher, ein Bonus ist ein Extralohn für gute Leistung. Jetzt registriert es überrascht, Boni fließen selbst, wenn die Branche bankrott ist und die Gefahr der Abwanderung sich in Grenzen hält. Das ist die Perversion einer Idee, die so schlecht ja gar nicht schien: Pay for Performance oder Geld für Leistung.

Ende der achtziger Jahren machten amerikanische Wissenschaftler mit dem Hinweis Furore, die Spitzenkräfte in Unternehmen würden wie Bürokraten bezahlt ohne Bezug zu ihren Erfolgen. Kein Wunder, dass sie sich wie Beamte verhalten. Fortan sollten Leistungsanreize die Führungskräfte animieren, die Unternehmenswerte im Sinne der Eigentümer zu erhöhen.

Die größten Nutznießer der Entlohnungsphilosophie

Die größten Nutznießer dieser Entlohnungsphilosophie waren Investmentbanker. Ihre Arbeit eignet sich besonders für die Bonusvergütung, weil sie aus lauter Deals besteht. Investmentbanker verkaufen und kaufen Unternehmen, Finanzierungen oder Wertpapiere. Jeder Deal bringt Umsatz. Das unterscheidet ihre Arbeit von der des Chefjustitiars oder Risikomanagers.

In den goldenen Tagen funktionierte die Verteilung der Beute grob nach dem geradezu kollektivistisch anmutenden Halbe-halbe-Prinzip: 50 Prozent des Investmentbanken-Umsatzes war Gewinn. 50 Prozent dieses Gewinns bekamen die Investmentbanker als Bonus ausgeschüttet. In keiner anderen Branche konnten gut ausgebildete Akademiker im vergangenen Jahrzehnt mehr verdienen als im Investmentbanking.

Wenn es eine Quintessenz der ökonomischen Theorie gibt, die jedem Realitätstest standhält, dann diese: Anreize wirken. Die Investmentbanker haben sich bis zur Erschöpfung reingehängt in ihre Aufgabe. Das zeigt nicht zuletzt das schiere Volumen der Risikopapiere, die im vergangenen Jahrzehnt in den Portfolios von Banken und Investoren gelandet sind.

Belohnung der Banker war exzessiv

Die Belohnung der Banker orientierte sich am Verkaufsvolumen und war entsprechend exzessiv: Wall Street schüttete 2008 rund 20 Milliarden Dollar aus. Nicht die Bindung der Boni an kurzfristige Erfolge ist dabei das Problem, sondern der kausale Zusammenhang mit langfristigen Verlusten. Die Investmentbanker hatten über ihre Boni einen Anreiz, die Sprengkraft ihrer Risikopapiere zu verschweigen, die nun wie Zeitbomben explodieren. Für Verkaufs- und Verpackungserfolge regnete es Boni, die Verluste aber teilen sich jetzt Bankaktionäre und Steuerzahler.

Und nun? Zwei Denkschulen haben sich aufgemacht, die Vergütung der Banker zu renovieren. Die eine will reformieren, die andere will revolutionieren. Michael Kramarsch, Deutschlandchef der Unternehmensberatung Towers Perrin, gehört schon allein berufsbedingt zur Fraktion der Reformer. Er bemüht das Bild des Kutschers, der mit einer Angel, an deren Haken eine Karotte hängt, seine Pferde zum Laufen bringt. Das Prinzip funktioniert, glaubt der Vergütungsexperte. Die Pferde rennen. Nur: „Die Karotte hing in der falschen Richtung.“

Doch die Aufgabe ist zu bewältigen. Kramarschs Lösung lautet: „Wir brauchen mehr Sachverstand und Unabhängigkeit bei der Bestimmung der Gehälter.“ Dann kann man Investmentbanker von unverantwortlichem Risikoverhalten abhalten. Die Schweizer Großbank UBS hat als eines der ersten Finanzhäuser ihre Vergütung reformiert: Der fixe Teil der Gehälter wurde erhöht, der variable Teil verkleinert und eine Verlustbeteiligung eingeführt. Löst das das Problem?

Eines steht fest: Pay for Performance nützt den Unternehmen. Manchmal. Das hat der amerikanische Wissenschaftler Edward Lazear nachgewiesen. Er zeigte, dass Arbeiter eines Glasunternehmens deutlich mehr Frontscheiben in Autos einsetzten, nachdem die Entlohnung von Stundenlohn auf Entlohnung nach Stückzahl verändert wurde. Der Ausstoß der Fabrik stieg um 44 Prozent. Doch ein entsprechender Nachweis, dass Leistungslöhne für Führungskräfte die Unternehmensgewinne oder den Firmenwert erhöht haben, fehlt trotz zahlloser Studien, bestätigt der renommierte Schweizer Ökonom Bruno Frey. Das leuchtet ein. Je komplexer die Arbeit, desto schwieriger die Messung des Erfolgsbeitrags.

Nur noch gute Fixlöhne zahlen

Frey gehört zur Fraktion der Revolutionäre. Er will die Boni abschaffen und nur noch gute Fixlöhne zahlen. „Es ist eine seltsame Vorstellung, dass Leute nur etwas leisten, wenn sie dafür extra belohnt werden.“ Freys Argumente sind gut: Boni haben sich als „asymmetrischer Risikoanreiz“ erwiesen, der es den Managern erlaubt, kurzfristige Gewinne zu ihren Gunsten auszunutzen, Verluste hingegen den Eigentümern, den Mitarbeitern und dem Staat aufzubürden. Zudem erhöhen Boni die Manipulationsgefahr. Wissenschaftler haben einen Zusammenhang zwischen der Höhe der Leistungsentlohnung und der Häufigkeit von Bilanzskandalen in amerikanischen Unternehmen nachgewiesen. „Erfolgsbeteiligungen animieren die Empfänger, die Zahlen zu schönen.“ Das gilt auch für die jetzt von vielen Banken angestrebten Vergütungsmodelle, die Verlustbeteiligungen vorsehen. Diese Modelle dürften die Banker zudem animieren, für noch höhere Boni zu kämpfen, haben sie doch jetzt ein persönliches Risiko.

Und schließlich geht es auch um die Frage, welchen Menschenschlag man beschäftigen möchte: „Wer Boni zahlt, lockt Leute an, denen es ums Geld geht. Wer feste Gehälter zahlt, lockt Leute an, denen es um die Arbeit geht“, sagt Frey.

Eine Prämien-Variante könnte allerdings in diesen Krisenzeiten sinnvoll sein: die hochumstrittene Halteprämie. In deren Genuss sind nämlich auch die Investmentbanker der Dresdner Kleinwort in London gekommen. Für sie war eine Aufforderung der Londoner Finanzaufsicht ein Bonusprogramm. Die mahnte, die Banker sollten nicht von der Fahne gehen, bevor sie aufgeräumt hatten. Daraufhin gab es Halteprämien für die Dresdner-Kleinwort-Banker, obwohl sie hohe Verluste angehäuft hatten. Das war eine Abwrackprämie der besonderen Art.

Pension auf einen Schlag

Klaus Zumwinkel ist nicht der einzige ehemalige Vorstand im Postkonzern, der sich seine Pensionszusagen auf einen Schlag hat auszahlen l ässt. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung macht auch der Aufsichtsratsvorsitzende und langjährige Postbankchef Wulf von Schimmelmann von dem Wahlrecht, sich das Geld komplett auszahlen zu lassen Gebrauch.

Während für Zumwinkel rund 20 Millionen Euro vor Steuern zusammenkamen, wie sich aus dem Geschäftsbericht schlussfolgern lässt, fielen bei Schimmelmann etwa elf Millionen Euro an. Das lässt sich aus dem Postbank-Geschäftsbericht erschließen. Die Post wollte die Informationen nicht bestätigen.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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