22.07.2008 · Die Arbeitnehmer von Continental sind gegenüber Schaeffler überraschend aufgeschlossen. Sie stellen Bedingungen, die der Angreifer erfüllen soll. Jetzt ist der Conti-Aufsichtsrat am Zug.
Von Johannes Ritter und Carsten KnopKurz vor der Sondersitzung des Conti-Aufsichtsrats hat der Gesamtbetriebsrat des Unternehmens der Schaeffler-Gruppe indirekt für einen „freundlichen“ Einstieg in Hannover die Tür geöffnet. Die 50 000 Conti-Beschäftigten in Deutschland „haben nichts gegen deutsche Investoren einzuwenden, solange sie die Grundsätze der sozialen Marktwirtschaft einhalten“, schrieb die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Bärbel Bruns in einem Brief an Schaeffler-Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler. In einer begleitenden Pressekonferenz sagte Betriebsratskollege und Aufsichtsratsmitglied Michael Deister: „Ich gehe davon aus, dass die Zusammenarbeit mit Schaeffler kommt.“
Bruns stellte klar, dass der Konzern, wie von Vorstandschef Manfred Wennemer befürchtet, unter der Ägide von Schaeffler nicht zerschlagen werden dürfe. „Die Kautschuksparte, das traditionelle Herzstück des Konzerns, darf nicht als Spielball von Machtkämpfen und zur Gegenfinanzierung der Aktienkäufe missbraucht werden“, so Bruns. Die Betriebsratschefin forderte langfristige Perspektiven für die Conti-Standorte sowie die Sicherung der Industriearbeitsplätze in Deutschland. Die Tarifverträge und Vereinbarungen mit der IG BCE müssten abgesichert und die Mitbestimmung „auf allen Ebenen“ ausgebaut werden.
Brief an Schaeffler
Die Schaeffler Gruppe hat die Initiative des Gesamtbetriebsrates begrüßt und zu einem Gespräch eingeladen. „Wir stehen zu unseren Zusagen: Continental soll als Ganzes bestehen bleiben, auch mit Bezug auf das Reifengeschäft; als eigenständiger, börsennotierter Konzern mit Sitz in Hannover, selbstverständlich auch künftig mit einem mitbestimmten Aufsichtsrat. Zur Verlagerung oder einem Abbau von Arbeitsplätzen wird es in Folge des Angebots nicht kommen“, wird Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger zitiert. Man sei zuversichtlich, auch in den weiteren, vom Gesamtbetriebsrat angesprochenen Punkten zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen: „Wir hoffen daher, dass der Aufsichtsrat in seiner morgigen Sitzung zu einer Entscheidung kommt, die es erlaubt, in einer konstruktiven Atmosphäre schnell gute Ergebnisse zu erreichen und die Besorgnisse und Ängste der Belegschaft auszuräumen.“
In dem Brief des Betriebsrats an Schaeffler ist an keiner Stelle die Rede davon, dass die Offerte der Franken abgelehnt werden soll. Genau mit dieser Frage beschäftigt sich am Mittwoch der Conti-Aufsichtsrat. In einer außerordentlichen Sitzung wird der Vorstand, der das Übernahmeangebot für zu niedrig hält, den Kontrolleuren wahrscheinlich verschiedene Handlungsoptionen präsentieren. Sollte der Aufsichtsrat sich dem ablehnenden Votum des Vorstands mehrheitlich anschließen, werden wohl verschiedene Abwehroptionen diskutiert. Dazu wird wohl auch die Variante gehören, dass sich befreundete oder strategische Investoren bei Conti engagieren und ein Gegengewicht zu den Franken aufbauen. Namen potentieller Einstiegskandidaten sind bisher nicht nach außen gedrungen. Vermutlich werden diese auch nach der Aufsichtsratssitzung unter Verschluss gehalten. Denn der Vorstand wird sich nicht in die Karten gucken lassen wollen.
„Vernunft ist angesagt, nicht Kampf um jeden Preis“
Die Conti-Führungskräfte lehnen das Übernahmeangebot der Schaeffler-Gruppe ab. „Wir haben einfach kein Vertrauen“, sagte der Sprecher der leitenden Angestellten, Thorsten Reese, der ebenfalls Aufsichtsratsmitglied ist. Die Führungskräfte glaubten den Zusicherungen der Schaeffler-Gruppe nicht, Conti werde im Falle einer Übernahme nicht zerschlagen und bleibe ein eigenständiger Konzern mit Sitz in Hannover.
Unterdessen ist Conti-Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg auch öffentlich zu seinem Vorstandvorsitzenden Wennemer auf Distanz gegangen: „Vernunft ist angesagt, nicht Kampf um jeden Preis“, sagt Grünberg dem „Manager-Magazin“. „Wenn die Übernahme wahrscheinlich ist, dann bevorzuge ich, dass wir keine verbrannte Erde hinterlassen.“ Damit ließ Grünberg erkennen, dass er, wie schon vielfach vermutet, Schaeffler Sympathien entgegenbringt. Zudem kritisiert er damit indirekt die sehr harte Verteidigungslinie Wennemers. Grünberg ist ebenfalls gegen eine Zerschlagung von Conti. Doch Schaeffler wolle vertraglich garantieren, den Konzern nicht zu zerschlagen. Obwohl Grünberg schon Wochen vor dem Vorstand über das Ansinnen informiert war, beteuert er, dass der Angriff nicht vorhersehbar gewesen sei. Im Falle eines Erfolgs werde Schaeffler-Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler vermutlich Anspruch auf den Posten des Conti-Aufsichtsratsvorsitzenden erheben.
Ein amtliches Veto wird nicht mehr erwartet
Der juristische Kampf von Continental gegen Schaeffler dürfte bald zu Ende gehen: Das Übernahmegesetz legt in Paragraph 14 enge Fristen fest. Sobald ein Angreifer seine „Entscheidung zur Abgabe eines Übernahmeangebots“ getroffen hat - nach Angaben Schaefflers war dies am 15. Juli -, muss er die offiziellen Unterlagen dazu an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) übermitteln. Dazu hat das Unternehmen vier Wochen Zeit; einmal kann es eine Verlängerung beantragen. Der Aufsichtsbehörde bleiben dann - wenn die Dokumente vollständig sind - nur zehn Tage, um diese zu prüfen. Danach müssen sie veröffentlicht werden. Die Rechtsanwälte von Continental pochen zwar darauf, dass die Bafin auch für die „Missstandsbekämpfung“ zuständig ist (Paragraph 4 Absatz 1 Satz 3). Doch für ein solches Einschreiten sehen die Übernahmewächter bislang keinen Grund, wie zu hören ist. (jja.)
Wer jetzt
resi mayer (kimwales)
- 23.07.2008, 11:46 Uhr
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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