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Vor dem Abschwung Die Unternehmen fahren auf Sicht

07.10.2008 ·  Die Banken- und Finanzmarktkrise erreicht die Realwirtschaft. SAP berichtet von Kunden, die Bestellungen verschieben. Andere Unternehmen sitzen zwar auf vollen Auftragsbüchern, wissen aber nicht, wie es vom kommenden Frühjahr an weitergeht.

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Europas größten Softwarehersteller SAP hat die Finanzkrise mit voller Wucht getroffen. „SAP konnte sich den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise, wie sie seit der zweiten Septemberhälfte die Märkte erfasst, nicht entziehen“, hat der SAP-Vorstandsvorsitzende Henning Kagermann eingeräumt. Als Grund nannte er Finanzierungsschwierigkeiten, die durch die Kreditklemme entstanden seien: Kunden, die sich überlegt hätten, bei SAP zu bestellen, seien abgesprungen.

Damit steht SAP nicht alleine. Die Realwirtschaft spürt die Auswirkungen der Finanzkrise immer stärker, was auch der Bundesverband der Deutschen Industrie einräumt. Es ist zwar häufig schwer zu trennen, was Folge der allgemeinen Konjunkturabschwächung und was Folge der Finanzmarktkrise ist. Aber was sich in dem Spezialchemie-Unternehmen Cognis schon zum Halbjahr abzeichnete, ein Rückgang im Auftragseingang speziell im Geschäft mit Chemikalien für Farben oder Klebstoffe, dürfte nach den Meinung von Analysten in den kommenden Wochen in vielen Quartalsberichten zu sehen sein.

Asien wird zur Wachstumslokomotive

Nach mehreren Jahren ungebrochenen Wachstums gehen in zahlreichen Unternehmen die Auftragseingänge zurück. Wegen der vorgeschriebenen Schweigepflicht wird von börsennotierten Gesellschaften derzeit nur unter der Hand bestätigt, was der Unternehmer Friedhelm Loh (Friedhelm-Loh-Group) aussprechen darf: „Im Objektgeschäft spüren wir eindeutig Verzögerungen.“

Auch wenn seine Gruppe wie die gesamte Elektroindustrie noch Auftragsbestände vor sich herschiebe, die in den kommenden zwei bis drei Monaten für Vollauslastung sorgen, ist die Ungewissheit groß, was dann folgt. „Der Puls ist in Erregung übergegangen“, heißt es in dem Konzern mit einem Umsatz in Milliardenhöhe. „Das größte Problem ist, dass zur Zeit nichts planbar ist“, sagt Loh und warnt vor den psychologischen Folgen der Unsicherheit. Nicht wenige Hersteller hoffen, dass der befürchtete Nachfrageeinbruch in Nordamerika und in Europa durch weiteres Wachstum in Asien, vor allem in China, aufgefangen werden könnte. Manche sehen sogar den Zeitpunkt gekommen, zu dem Asien die Vereinigten Staaten als Wachstumslokomotive ablösen wird.

Die Investoren werden vorsichtiger

Bei Dornbracht, dem Hersteller hochwertiger Armaturen für Bad und Küche, sind allerdings auch die ersten Projekte im Objektgeschäft in Fernost verschoben worden. „Die Investoren werden überall vorsichtiger“, sagt Geschäftsführer Andreas Dornbracht. Zweistellige Auftragsrückgänge hat Dornbracht in jüngster Zeit in Russland, Frankreich, Großbritannien und Spanien verzeichnet. In den Vereinigten Staaten schwächelt das Geschäft schon seit Anfang des Jahres.

Statt des geplanten zweistelligen Umsatzzuwachses erwartet das Familienunternehmen aus Iserlohn für 2008 nur noch „ein leichtes Wachstum“. Bei der Kreditaufnahme bemerkt Dornbracht keine Schwierigkeiten. „Das hängt wohl mit unserer guten Bonität zusammen“, sagt der Firmenchef selbstbewusst. Diese Aussage teilen viele deutsche Mittelständler, die in den vergangenen Jahren ihre Hausaufgaben gemacht und hohe Liquidität und eine komfortable Eigenkapitalausstattung aufgebaut haben.

„Welcher Bank können wir unser Geld anvertrauen“

„Die Frage ist nicht, welche Bank uns einen Kredit gibt, sondern welcher Bank wir unser Geld anvertrauen können“, sagt selbstbewusst der Baumarktinhaber Albrecht Hornbach aus der Pfalz. Die Auswirkungen scheinen mit Nähe zum Endverbraucher abzunehmen - noch.

Bei Deutschlands größtem Handelskonzern, der Metro-Gruppe aus Düsseldorf jedenfalls sind bisher keine nennenswerten Auswirkungen auf das Geschäft festzustellen. Was die Finanzierung des Geschäftes angehe, verfüge Metro über komfortable Spielräume, sagte ein Sprecher. Das Familienunternehmen Electronic-Partner aus Düsseldorf, das zu den größten europäischen Verbundgruppen für selbständige Elektronikfachhändler zählt, bereitet sich nach den Worten von Unternehmenschef Oliver Haubrich zwar auf ein raueres Klima vor und wagt keine langfristigen Prognosen. Derzeit sei die Lage aber als stabil zu bezeichnen. „Vor allem im hochwertigen Konsumbereich stellen wir derzeit sogar ein lebhaftes Wachstum fest.“

Rückgang bei den Luxusartikeln

Die noch stabile Situation im Einzelhandel wird auch von dem Logistiker Pfenning bestätigt. Noch spüre man keinen Nachfrageschwäche, bereite sich aber auf ein schwächeres Geschäft vor. Gerade mit Luxusgütern läuft das Geschäft offenbar nicht überall so gut. Aus der Finanzmetropole New York wird berichtet, dass die Juweliere für das Weihnachtsgeschäft wesentlich weniger teure Uhren aus der Schweiz bestellt haben.

Eine Zurückhaltung der Kunden in den Vereinigten Staaten und Großbritannien registriert auch der Luxusküchenhersteller Poggenpohl. Zudem werde in den beiden für Poggenpohl wichtigsten Auslandsmärkten das Projektgeschäft zurückgefahren, sagt Sprecher Thomas Oberle. Auch auf dem Heimatmarkt lässt der Auftragseingang nach. „Wir sehen, dass sich die Krise negativ auf die Stimmung auswirkt.“ In der Golfregion, Osteuropa und Asien registriert Poggenpohl dagegen keine Folgen der Finanzkrise. „Wir sind nach wie vor gut ausgelastet“, betont Oberle.

Gute Auslastung bei Heizungs- und Maschinenbauern

Komfortabel stehen auch die Heizungsbauer da. Das nordhessische Familienunternehmen Viessmann spürt bisher keinen Auftragseinbruch. Im Gegenteil: Weil viele Verbraucher im Vorjahr wegen der Energiepreisentwicklung verunsichert waren und Investitionen in die Heizung zurückgestellt hatten, verzeichne man derzeit sogar ein Wachstum. „Wir liegen vielleicht auch deshalb besser, weil sich bei den hohen Energiepreisen Investitionen in die Heizung schnell amortisieren“, sagt ein Unternehmenssprecher.

„Wir sind gut ausgelastet“, heißt es auch beim Landmaschinenhersteller Claas in Harsewinkel. Landwirte und Lohnunternehmer prüften wie jeder andere Wirtschaftsbetrieb geplante Investitionen intensiv. Derzeit bestätige das Verhalten der Kunden aber die Existenz einer Sonderkonjunktur im Bereich Landwirtschaft und Agrartechnik. Was die Finanzierung der großen Traktoren und Mähdrescher angehe, gebe es auch weniger kapitalintensive Möglichkeiten wie Miete oder Leasing.

Auch bei dem Werkzeugmaschinenbauer Klingelnberg aus dem Bergischen Land bei Köln hat sich die Krise noch nicht bemerkbar gemacht. „Ich rechne damit, dass die Nachfrage nachlässt, aber bisher ist unsere Auftragslage stabil“, sagt Geschäftsführer Jan Klingelnberg. Die Bücher seien voll, die Produktion für die nächsten zwölf Monate ausgelastet. „Wir fürchten aber, dass wir Stornierungen bekommen.“

Es berichten Georg Giersberg, Carsten Knop, Brigitte Koch und Christine Scharrenbroch

Quelle: F.A.Z.
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