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Veröffentlicht: 17.05.2017, 07:25 Uhr

F.A.Z. Exklusiv Volvo geht auf Distanz zum Diesel

Der Autohersteller hält die Motor-Neuentwicklung nicht mehr für wirtschaftlich. Sein Heil will er in einer anderen Antriebsart finden.

von und , Barcelona und Frankfurt
© Reuters Konzernchef Hakan Samuelsson präsentiert den XC 60, mit dem Volvo in Deutschland und Schweden 85 Prozent Dieselanteil erreicht.

Als erster namhafter Automobilhersteller mit langer Diesel-Tradition bereitet Volvo den Abschied von dieser Technik vor. „Aus heutiger Sicht werden wir keine neue Generation Dieselmotoren mehr entwickeln“, sagte der Vorstandsvorsitzende Hakan Samuelsson in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Schweden wollten selbstverständlich ihren erst 2013 eingeführten derzeitigen Diesel weiterentwickeln und an den künftigen Abgasgrenzwert Euro 6c anpassen, doch danach werde der finanzielle Aufwand für eine Neukonstruktion zu hoch. Wie lange die bestehende Motorengeneration im Programm bleiben kann, darauf will sich Samuelsson noch nicht festlegen. Man darf bis etwa ins Jahr 2023 rechnen.

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Der Volvo-Chef teilt die motorische Zukunft in zwei Etappen ein: jene bis zum Jahr 2020, von dem an der in der EU vereinbarte Grenzwert von 95 Gramm Kohlenstoffdioxid je Kilometer im Flottendurchschnitt gilt. Und in jene danach, in der wohl andere Vorgaben zum Tragen kommen werden. Die 95-Gramm-Grenze sei ohne Diesel nicht zu erreichen, bekräftigt Samuelsson, was auch alle anderen Unternehmensführer sagen. Doch werde mit immer niedrigeren Werten die chemische Nachbehandlung zur Eindämmung der Stickoxidemissionen so teuer, dass sie sich auch in größeren, mithin teureren und ertragreicheren Fahrzeugen nicht mehr lohne.

Anerkennung für Tesla

Volvo will stattdessen auf die Elektrifizierung der gesamten Modellpalette setzen. Dabei geht es um sanfte elektrische Unterstützung des Benziners per 48-Volt- Bordnetz, um an der Steckdose aufladbare Plug-in-Hybride und um vollelektrische Fahrzeuge. Ein erstes rein elektrisches Auto will Volvo im Jahr 2019 auf den Markt bringen. Die Schweden haben dabei ein Oberklasseprodukt im Auge. „Man muss schon anerkennen, dass es Tesla geschafft hat, ein solches Auto anzubieten, für das die Menschen Schlange stehen. In dem Bereich sollte für uns auch Platz sein, mit hoher Qualität und attraktivem Design“, sagt Samuelsson mit Blick auf den amerikanischen Elektroautohersteller und Wettbewerber.

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Mit seinem Elektroautoangebot käme Volvo wie auch eine Reihe anderer Anbieter erst kurz vor dem Zeitpunkt auf den Markt, in dem in Deutschland nach dem Willen der Bundesregierung eigentlich schon eine Million Elektroautos auf den Straßen fahren sollten. Dieses Ziel hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor mehr als sechs Jahren vorgegeben und stets verteidigt. Am Montagabend nun nahm sie erstmals deutlich davon Abstand. „So, wie es im Moment aussieht, werden wir dieses Ziel nicht erreichen“, sagte sie während eines Fraktionskongresses in Berlin. Allerdings könne der Durchbruch für den Elektroantrieb sehr plötzlich kommen. Dies sei etwa bei Smartphones ähnlich gewesen. Daher müsse man sich weiter auf die E-Mobilität in Deutschland vorbereiten. Merkels Einschätzung widersprachen am Dienstag indes Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries und Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (beide SPD). „Unsere ambitionierten Ziele für die Elektromobilität in Deutschland sollten wir deshalb nicht einfach aufgeben, sondern lieber überlegen, wie wir Deutschland zum Leitmarkt und Leitanbieter für Elektromobilität machen“, ließen die Ministerinnen verlauten.

Benziner verbrauchen rund 20 Prozent mehr Sprit als Diesel

Zum Anfang des Jahres waren nach Angaben des Kraftfahrtbundesamtes in Deutschland gut 34.000 reine Elektrofahrzeuge sowie rund 165.400 Personenwagen mit Hybridantrieb zugelassen. Bis Ende April kamen rund 31.000 Batterie- oder Hybridautos hinzu. Was die Zuwachsraten betrifft, liegen Elektrofahrzeuge derzeit in Deutschland vorne. Die Neuzulassungen gewannen im ersten Jahresdrittel um mehr als 120 Prozent, während die Neuzulassungen von Dieselmotoren um gut 8 Prozent zurückgingen.

Dennoch bleibt der Diesel auch für ein Unternehmen wie Volvo ein wichtiger Baustein. Keine rechte Antwort hat Volvo-Chef Samuelsson bisher für die Anforderungen des deutschen Marktes, wo der Diesel unter den Vielfahrern auf der Autobahn nicht zu schlagen ist. Jeder Benzinmotor wird rund 20 Prozent mehr Kraftstoff verbrauchen und entsprechend mehr Kohlenstoffdioxid ausstoßen als ein vergleichbarer Dieselmotor. Wenn er die etwa 400 Kilo wiegende Hybrideinheit auf Langstrecke zusätzlich mitschleppen muss, erhöhen sich Ausstoß und Verbrauch sogar noch. Das gilt besonders für die schweren sportlichen Geländewagen (SUV), die das Geschäft der Schweden hauptsächlich tragen. Doch Volvo, dessen Eigentümer Geely aus China stammt, denkt global, und da gelten in den für das Unternehmen wichtigsten Ländern wie auch im schwedischen Heimatmarkt generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen. Auf die ausgerichtet sollen die Benzinmotoren entwickelt werden. In Deutschland verkauft Volvo rund 40.000 Autos im Jahr, überwiegend mit Dieselmotor.

Volvo argumentiert freilich auch aus einer Situation begrenzter finanzieller Ressourcen. So haben die sich mit einigem Erfolg aus der Existenzkrise befreienden Schweden alle größeren Motoren aus dem Programm gestrichen. Es gibt nur noch Vierzylinder, demnächst erscheint auch ein neuer Dreizylinder. Letzterer übrigens, noch ist die Ära also nicht vorbei, auch als Diesel.

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Von Marcus Jung

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