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Volkswagen Ferdinand Piech hat hoch gepokert

21.04.2006 ·  Der VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piech steht im Machtkampf bei Volkswagen vor einer Niederlage. Großaktionäre wollen ihm die Entlastung verweigern. Mit seiner Kritik an VW-Vorstand Pischetsrieder habe er der Aktie geschadet.

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Der Wind hat sich gedreht. Ferdinand Piech, der mächtige Aufsichtsratschef von Volkswagen, steht am Ende seiner steilen Karriere vor einer unerwarteten, für ihn schmerzlichen Niederlage. Sein Kalkül, mit einer gezielten Indiskretion den VW-Chef Bernd Pischetsrieder aus dem Amt zu drängen und einen Nachfolger nach eigenem Gutdünken auf den Chefsessel zu heben, geht offenkundig nicht auf.

Alles spricht dafür, daß Pischetsrieders Vorstandsvertrag verlängert wird (siehe: Pischetsrieder bleibt Vorstandschef von VW). Doch damit nicht genug: Auf der Hauptversammlung am 3. Mai steht Piech nun selbst am Pranger. Mehrere namhafte Investmentfonds proben den Aufstand. Die Gesellschaften DWS und Deka haben eine Einzelabstimmung zur Entlastung der Aufsichtsräte beantragt.

Und als ob dieses Signal des Mißtrauens gegenüber Piechs Amtsführung nicht ausreichte, legen DWS und Deka den Antrag nach, Piech nicht zu entlasten. Dessen öffentlich geäußerte Zweifel an einer Vertragsverlängerung von Pischetsrieder seien eine „beabsichtigte Schwächung“ des Vorstandsvorsitzenden und seiner Sanierungspolitik, heißt es zum Beispiel im Deka-Gegenantrag.

Piech als Synonym für das „System VW“

Bisher war es Piech gewohnt, aus Machtkämpfen als Sieger hervorzugehen. Auch nach seinem Wechsel vom VW-Vorstandsvorsitz in den Aufsichtsrat behielt Piech den Konzern unter seiner Kontrolle, funktionierten alle „Reporting-Lines“ wie in alten Tagen. Nicht einmal die VW-Affäre um Lustreisen von Betriebsräten, die seinem Freund Peter Hartz zum Verhängnis wurde, hat ihn geschwächt.

Im Gegenteil: Gewerkschafter und Betriebsräte stehen seither fast in Nibelungentreue zu dem Aufsichtsratsvorsitzenden. Vielen, wie Niedersachsens CDU-Ministerpräsidenten Christian Wulff, ist Piechs Machtfülle ein Dorn im Auge. Sie sehen Piech als Synonym für das „System VW“, für jenen Filz zwischen SPD, Betriebsräten und Automobilkonzern, der sich in Jahrzehnten über das ganze Land gelegt hat. Wegen Piechs Doppelrolle als VW-Aufsichtsrat und Miteigentümer von Porsche monierten institutionelle Anleger einen Interessenkonflikt, seit Porsche an VW beteiligt ist. Doch Piech konnte seine Kritiker bisher leicht in Schach halten.

So holte er Anfang März zu einem, wie viele Beobachter glaubten, entscheidenden Schlag gegen den ungeliebten VW-Chef aus. Auf dem Genfer Autosalon, als es VW eigentlich um die Präsentation seiner jüngsten technologischen Errungenschaften ging, sorgte der Oberaufseher dafür, daß statt des neuen Drei-Liter-Polo die Person Pischetsrieder ins Scheinwerferlicht gerückt wurde. Ein einziger Satz in einem Interview mit dem „Wall Street Journal Europe“ reichte Piech dafür. „Ich kenne kein Unternehmen in Deutschland, wo jemand mit zehn Arbeitnehmer-Gegenstimmen überleben konnte.“

Öffentliche Demütigung für Pischetsrieder

Dieser Hinweis, die Arbeitnehmerseite werde Pischetsrieders Sanierungskurs und damit auch dessen Wiederwahl nicht mittragen, löste sofort eine Debatte um die Zukunft des VW-Vorstandschefs aus und brachte alle Reformanstrengungen des Managements fast zum Erliegen. Es verfestigte sich der Eindruck, daß über das Wohl und Wehe bei VW nur einer entscheidet: Piech, der VW-Oberaufseher und Großaktionär von Porsche.

Für Pischetsrieder, den Piech selbst vor vier Jahren nach Wolfsburg geholt hatte, war es die zweite öffentliche Demütigung. Bereits wenige Monate zuvor mußte der bärtige Bayer gegen seinen Willen die Bestellung von Personalvorstand Horst Neumann hinnehmen. Das hatte Piech, eigentlich ein Mann der Kapitalseite, im Aufsichtsrat gemeinsam mit der Arbeitnehmerbank und seinem Intimus, IG-Metall-Boss Jürgen Peters, ausgeheckt.

Oft genug hat Piech, dessen Karriere erst nach dem Weggang aus dem Familienunternehmen Porsche als Entwicklungschef bei Audi richtig Fahrt aufnahm, die Karrieren anderer schnell befördert und ebenso schnell beendet. Besonders schwer hatten es immer jene Manager, die wie Pischetsrieder den Nachlaß von Piech übernehmen mußten. Erstes Opfer war 1993 Franz-Josef Kortüm, der auf dem Chefsessel bei Audi Piechs Nachfolge antrat. Schon nach 13 Monaten wurde er gefeuert. Später erwischte es an der Spitze von Audi auch noch die Vorstände Herbert Demel und Franz-Josef Paefgen.

Weit entfernt vom früheren VW-Anspruch

Piech selbst war über ein Jahrzehnt unangreifbar, so schön hatte er es sich eingerichtet. Die Machtverhältnisse in der Autostadt waren lange ausbalanciert. Der Betriebsrat billigte Piechs Modellpolitik, die sich weit entfernt hatte vom früheren VW-Anspruch, preiswerte Autos fürs Volk zu bauen. Piech durfte als Vorstand Milliarden ausgeben für den Kauf von Lamborghini und Bentley, konnte ungestört die Luxuslimousine Phaeton mit 12-Zylinder-Motor entwickeln oder den Supersportwagen Bugatti mit 1001 PS. Als genialen Ingenieur sollten sie ihn bei VW in Erinnerung behalten - so wie seinen Großvater Ferdinand Porsche als Käfer-Erfinder.

Worum es Piech bei VW geht, hat sich in dem Machtkampf der vergangenen Monate gezeigt. Der gebürtige Österreicher sieht in VW eine Lebensaufgabe: Piech will das Erbe seines Großvaters sichern. Zu dem legendären Konstrukteur hat Piech immer aufgeschaut, an ihm will er gemessen werden: „Es war immer mein Ziel, einmal eine größere Firma zu leiten als mein Großvater“, hat Piech einmal gesagt.

Piechs Luxusstrategie

Eine enge Verzahnung der Unternehmen Porsche und VW ist ganz im Sinne von Piech. So könnte er als Großaktionär von Porsche sicher darauf Einfluß nehmen, daß der nächste Sportwagen aus Zuffenhausen demnächst bei VW gebaut wird. Die vom Stellenabbau bedrohte VW-Belegschaft würde es Piech danken. Nur ist Pischetsrieder für Piech nicht der richtige Mann, seit der es gewagt hatte, Piechs Luxusstrategie scheibchenweise auf Eis zu legen und in aller Offenheit die pikante VW-Affäre aufzuarbeiten.

Die Konfrontation mit seinem Vorstandschef hat Piech offenbar als seine letzte Chance gesehen, die Weichen bei VW in eine andere Richtung zu stellen. Piech hat nicht mehr viel Zeit. Er selbst hat sich bereit erklärt, auf eine weitere Verlängerung seiner Amtszeit als Aufsichtsratsvorsitzender zu verzichten. Dann ist in einem Jahr, wenn Piech seinen 70. Geburtstag feiert, Schluß. Ob das wirklich das Ende der Ära Piech bei VW sein wird, bleibt offen. Piechs Geschichte zeigt, daß er immer für eine Überraschung gut ist.

Quelle: hpe., F.A.Z., 21.04.2006, Nr. 93 / Seite 14
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