29.10.2006 · Kaluga war einmal eine verfallene russische Provinzstadt. Jetzt baut VW dort eine 370 Millionen Euro teure Montagefabrik. Das hilft der Stadt, aber vor allem dem Konzern.
Von Moritz GathmannKaluga, 160 Kilometer südwestlich von Moskau, war einmal eine typische russische Provinzstadt. Ihre 350.000 Einwohner sahen seit der Perestrojka vor allem eines: Verfall. Kaputte Straßen, zugemüllte Parks, baufällige Häuser, selbst das Kosmonautikmuseum bröckelte.
Schuld, so sagen sie hier, war der damalige Gouverneur, der jeden zweiten Tag betrunken war. Die großen Fabriken der Stadt, die meisten davon Zulieferer der Roten Armee, entließen massenhaft Arbeiter: Die Turbinenfabrik senkte die Belegschaft von 12.000 auf 6000, die Motorenfabrik von 11.000 auf 2500.
Eine ganz neue Stadt soll entstehen
Glaubt man den Worten von Wadim Witkow, Bürgermeister für Wirtschaft und Finanzen, ist diese Ära nun zu Ende: „Nach der Zeit des Überlebens ist jetzt die Zeit der Entwicklung gekommen.“ Er zeigt stolz die Pläne für die nächsten 20 Jahre.
Auf der anderen Seite des Flusses soll eine ganz neue Stadt mit zugehörigem Industriepark entstehen, am Stausee ein Vergnügungsbezirk mit Kasinos und Hotels für Moskauer Wochenendurlauber. Der Optimismus dieses 28jährigen Erfolgstypen im Nadelstreifenanzug ist ansteckend.
Wir haben sie erobert
Witkows gute Laune hat ein Geburtsdatum: den 29. Mai dieses Jahres. Da unterzeichnete VW-Chef Bernd Pischetsrieder den 370 Millionen Euro schweren Vertrag über ein VW-Werk in Kaluga. 3500 neue Arbeitsplätze soll es schaffen, davon 3000 in der Region.
Am Samstag war Pischetsrieder schon wieder da. Gemeinsam mit dem russischen Wirtschaftsminister German Gref legte er den Grundstein für die Montagefabrik. Das zufriedene Lächeln von Finanzbürgermeister Witkow sagt: Wir haben sie erobert.
„Alles wird dynamischer“
Ebenso zufrieden ist Maksim Akimow, mit 36 Jahren Oberbürgermeister der Stadt. Für ihn ist Volkswagen mehr als eine Geldquelle. Keine Chemie mehr, keine Metallurgie wie in den Sowjetzeiten - die Stadt soll ein Zentrum der Hochtechnologie und der Automontage werden.
Das klingt wie Stuttgart. Oder Wolfsburg. So ungefähr scheint sich Akimow auch die Zukunft vorzustellen: „Das ist ein mächtiger Impuls! Volkswagen wird die Stadt verändern: die Organisation des Lebens, den Lebensstil. Alles wird dynamischer.“
Mehrmals pro Woche Deutschkurse
Die Entscheidung von VW ist für Akimow vor allem „ein Zeichen des Vertrauens“. Nachdem Kaluga lange nicht als Favorit für das Werk gehandelt wurde, stellte Friedrich Lenz, Geschäftsführer der russischen Volkswagen-Tochter, drei Dinge heraus, mit denen Kaluga überzeugte: die Infrastruktur, das hohe Potential an Fachkräften und das eingespielte Team von Managern und Politikern. Leute wie Akimow: Gouverneur und Oberbürgermeister sind in Freundschaft verbunden.
So gut wie alle führenden Politiker sind Mitglieder der Präsidentenpartei „Einiges Rußland“. In den leitenden Positionen gibt es kaum jemanden, der älter als der Oberbürgermeister ist. Das Deutschlehrbuch auf Akimows Schreibtisch zeugt von echtem Bemühen. Seit kurzem besucht er mehrmals pro Woche Deutschkurse.
Beschützer von Lada & Co.
Schon seit Ende der 90er Jahre streckt VW seine Fühler nach Rußland aus, denn bei den hohen russischen Zöllen für Importautos kann ein Lada innerhalb Rußlands trotz geringerer Qualität heute locker mit importierten VW-Kleinwagen konkurrieren. Das soll sich ändern. Derzeit liegt der Absatz bei 30.000 Autos im Jahr, in vier bis fünf Jahren soll er auf 150.000 steigen.
Dazu sollen ab Mitte 2007 teilzerlegte Modelle der Marken Volkswagen und Skoda in Kaluga montiert werden, ab 2009 soll eine Vollfertigung mit einem speziell für Rußland konstruierten Modell den Betrieb aufnehmen.
Der Wagen soll weniger als 10.000 Dollar kosten. Das ist die Preisklasse, in der die heimische Autoindustrie produziert. Die russische Regierung, bisher Beschützer von Lada & Co., fordert dafür, daß nach einer Übergangsfrist mindestens 30 Prozent der Zulieferteile in Rußland produziert werden.
Vorzeigeunternehmen der Stadt
Andrej Wiljenowitsch Pertschjan ist einer, der sich ziemlich gute Chancen ausrechnet, Zulieferer von VW zu werden. Nach einem Studium im Kalugaer „Bauman-Institut“ wurde der heute 48jährige 1990 Direktor der frisch gegründeten Fabrik „Awtoelektronika“, die Steuerungselemente und Sensoren für Autos herstellt.
Die Holding mit 1800 Mitarbeitern verzeichnete im letzten Jahr einen Umsatz von 65 Millionen Euro. Die Fabrik ist ein Vorzeigeunternehmen der Stadt: neue Produktionsmethoden, internationale Qualitätsstandards. Besonders angetan, so erzählt der Direktor, sei VW von „Emuru“, einer firmeneigenen Neuentwicklung zur Lenkradunterstützung.
„Das ruhige Leben war für uns zu Ende“
Dem Sohn armenischer Einwanderer mangelt es deshalb nicht an Selbstbewußtsein. Während andere Unternehmen sich über den Mangel an Informationen beklagen, hat er schon relativ konkrete Angaben darüber, welche Standards er erfüllen muß, um Zulieferer zu werden: „Das ruhige Leben war für uns weitaus früher zu Ende als für andere“, sagt er.
Die anderen, damit meint er Unternehmen, die sich - von Staatsaufträgen versorgt - zu lange sicher vor der Konkurrenz gefühlt haben. Neben der Zusammenarbeit mit einheimischen Autobauern unterschrieb Pertschjan Verträge mit einer Daewoo-Fabrik in Usbekistan und mit Siemens.
Der größte Fisch am Haken heißt Electrolux
Kein Wunder, daß Pertschjan die großzügigen Vergünstigungen verteidigt, die VW für den Bau seiner Produktionsstätte erhält: „Anders hätten wir VW nicht bekommen.“ Konkrete Informationen über die Vergünstigungen sind rar. Soviel ist zumindest klar: Volkswagen ist für die nächsten zwölf Jahre von der Eigentumsteuer befreit, von weiteren Steuervergünstigungen ist die Rede.
Für Kalugaer Verhältnisse ist die Größenordnung der Unterstützung neu: „Das ist das erste Mal, daß wir einer ausländischen Firma in diesem Maße geholfen haben“, sagt Oberbürgermeister Akimow. VW muß erst noch beweisen, ob sie gerechtfertigt waren. Mit Aufträgen für die Unternehmen der Stadt. Und vor allem mit weiteren ausländischen Unternehmen, die Volkswagen wie ein Magnet anziehen soll.
„Das ist erst der Anfang“, sagt Witkow. Die Rechnung scheint vorerst aufzugehen. Angeblich haben sich seit besagtem 29. Mai 2006 schon mehrere ausländische Firmen in Kaluga gemeldet. Der größte Fisch am Haken heißt bislang Electrolux.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,27 | −1,21% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2445 | −0,35% |
| Rohöl Brent Crude | 105,15 $ | −1,59% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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