08.11.2006 · Ferdinand Piëch ist der Gewinner des Machtkampfes im Volkswagen-Konzern. Der Aufsichtsratsvorsitzende sitzt fester im Sattel denn je, die Abberufung von Vorstandschef Bernd Pischetsrieder war eine Demonstration seiner Macht.
Von Henning PeitsmeierFerdinand Piëch ist der Gewinner des Machtkampfes im Volkswagen-Konzern. Der Aufsichtsratsvorsitzende sitzt fester im Sattel denn je, die Abberufung von Vorstandschef Bernd Pischetsrieder am Dienstag abend war eine Demonstration seiner Macht. Das ist beinahe grotesk. Denn es ist noch gar noch so lange her, da stand Piëch selbst mit dem Rücken zur Wand.
Die schmuddelige VW-Affäre um Korruption und Lustreisen des Betriebsrats hatte seine Position im Sommer 2005 massiv geschwächt und enge Vertraute, Personalvorstand Peter Hartz und Betriebsratschef Klaus Volkert, mußten gehen. Doch an Piëch selbst perlten sämtliche Korruptionsvorwürfe ab wie an einer Teflonpfanne. Und mit dem Einstieg von Porsche, jenem Unternehmen, das seiner Familie mehrheitlich gehört, ist Piëch in Wolfsburg wie Phoenix aus der Asche auferstanden.
Die Fäden von VW und Porsche
Die Porsche-Beteiligung im September 2005 war für Porsche-Enkel Piëch eine Art Wiedergeburt. Innerhalb von nur einem Jahr und drei Monaten ist der heute 69 Jahre alte Österreicher so mächtig, wie es sein Großvater nie war. Die Familien Porsche und Piëch kontrollieren den Sportwagenhersteller Porsche, Piëch allein besitzt mehr als zehn Prozent der Stammaktien. Er ist nicht nur Aufsichtsratsvorsitzender von VW und Mitglied im Porsche-Aufsichtsgremium, sondern auch Mitinhaber der Porsche Holding in Salzburg, einem der wichtigsten VW-Vertriebspartner in vielen Ländern. Kurzum: Bei Piëch laufen die Fäden von Porsche und VW zusammen.
Für ihn sind beide Autofirmen unzertrennlich. Ganz im Sinne seines Großvaters hat er sie wieder zusammengeführt, hat Porsche zum milliardenschweren Einstieg bei VW verholfen. Seitdem haben Aktionärsvertreter und Analysten seine Doppelrolle als Porsche-Miteigentümer und VW-Aufsichtsrat zwar hinterfragt, viele sehen darin eine unerträgliche Interessenkollision, einige wenige verweigerten ihm auf der letzten Hauptversammlung gar die Entlastung. Piëch hat das nicht gestört. Unbeirrbar hat er in den darauffolgenden Wochen und Monaten daran gearbeitet, seine Position bei VW zu festigen.
Gestützt von den Arbeitnehmern
Als erste Amtshandlung zur Wiedererlangung der Macht hat Piëch seine langjährige Seilschaft mit der Arbeitnehmerbank erneuert, indem er im Herbst vorigen Jahres Audi-Personalvorstand Horst Neumann, einen früheren Gewerkschaftsvertreter, bei VW als neuen Arbeitsdirektor im Aufsichtsrat durchboxte – gegen den Willen von VW-Chef Pischetsrieder. Gewerkschafter und Betriebsräte stehen seit jenem taktischen Manöver wie in alten Zeiten in Nibelungentreue zum VW-Aufsichtsratsvorsitzenden, der eigentlich ein Mann der Kapitalseite ist.
Gemeinsam machen sie auch Front gegen Christian Wulff. Der CDU-Politiker, der als Ministerpräsident des Landes Niedersachsen im VW-Aufsichtsrat sitzt, hatte es gewagt, in der VW-Affäre Piëch zum Rücktritt aufzufordern, nachdem der eine Ehrenerklärung für Hartz abgegeben hatte. Wulff hatte sich auch dann noch hinter Pischetsrieder gestellt, als der längst von Piëch zum Rückritt aufgefordert worden war. Die Abberufung von Pischetsrieder ist daher auch eine Niederlage für Wulff. Piëch hat Pischetsrieder auf die für ihn übliche Art geschaßt: Per Zeitungsinterview wird der jeweilige Manager öffentlich bloß gestellt und später per Aufsichtsratsbeschluß abserviert – so hat er die Karrieren der Audi-Manager Franz-Josef Kortüm, Herbert Demel und Franz-Josef Paefgen beendet.
Den selbst gewählten Nachfolger öffentlich gedemütigt
Für die Demütigung Pischetsrieders reichte Piëch im März dieses Jahres ein einziger Satz im „Wall Street Journal Europe“: „Ich kenne kein Unternehmen in Deutschland“, hatte Piëch gesagt, „wo jemand mit zehn Arbeitnehmer-Gegenstimmen überleben konnte.“ Damit hatte Piëch eine öffentliche Debatte um die Zukunft seines Vorstands losgetreten, den er selbst vor vier Jahren als seinen Nachfolger auserwählt hatte.
Piëch soll zunehmend um sein Lebenswerk besorgt gewesen sein, hieß es später. Der Vater von 13 Kindern hat nie losgelassen. Auch als er nicht mehr Vorstandsvorsitzender war, habe „der Alte über jedes Entwicklungsprojekt im Konzern Bescheid gewußt“, sagt ein ehemals Vertrauter Piëchs. Die erprobten Berichtslinien funktionierten auch zwischen Wolfsburg und Salzburg, Piëchs Wahlheimat.
Das „System Piëch“
In den Jahren, als das Land Niedersachsen von der SPD regiert wurde, hat Piëch bei VW ein dichtes Netz von wechselseitigen Beziehungen und Abhängigkeiten gewoben. Er verstand sich gut mit dem damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder, die Arbeitnehmervertreter folgten ihm ebenfalls. So konnte er als Vorstandsvorsitzender ungestört Milliarden für Luxusträume ausgeben, konnte Bugatti und Lamborghini kaufen, ohne daß der Betriebsrat lautstark protestiert hätte. Die VW-Belegschaft hielt Personalvorstand Hartz bei Laune. Scheinbar mühelos fand Piëch für alle Managementprobleme auch in der Grauzone zwischen Politik und Wirtschaft eine Lösung. Das war das „System Piëch“.
Wulff und Pischetsrieder gehörten nicht dazu. In ihnen muß Piëch die wahren Störenfriede erkannt haben. Und so konnte der ebenso geniale wie mißtrauische Konstrukteur nicht länger mit ansehen, wie Pischetsrieder mit seinem Nachlaß bei VW umgeht, wie er die Nobelkarosse Phaeton in Amerika gestoppt und die Luxusstrategie scheibchenweise auf Eis gelegt hat. Deshalb, so Piëchs Überzeugung, mußte Pischetsrieder weg.
Unterschiedliche Meinungen über die Konzernstrategie
Auch in Fragen der Konzernstrategie sollen beide immer häufiger anderer Meinung gewesen sein, zuletzt in der Frage, wie unter dem Dach von Volkswagen ein integrierter Nutzfahrzeughersteller mit MAN und Scania entstehen kann. „Der denkt wie ein Schachspieler fünf Züge im voraus, macht nichts ohne einen Plan“, sagt der Piëch-Kenner. Als Piëch vor Jahren die Beteiligung an Scania kaufte, hatte er schon die Idee, VW in der Nutzfahrzeugbranche voranzubringen.
Während Technikenthusiast Piëch seinerzeit darauf bestand, daß alle VW-Vorstände einen Lastwagen-Führerschein machten und er selbst einmal sämtliche Aufsichtsratsmitglieder in einem Scania-Bus über das Werksgelände kutschierte, zeigte der gutmütige Pischetsrieder kein allzu großes Interesse am Geschäft mit schweren Lastwagen. Pischetsrieder hatte in jener Zeit auch genug mit den folgenreichen Fehlentwicklungen in der Modell- und Produktionsstrategie zu tun, die die Marke VW in die Verlustzone stürzten.
Letztlich nie vergessen hat Piëch die Schmach, die ihm Pischetsrieder 1998 auf einem Golfplatz in Ingolstadt zufügte: Gerade erst hatte Piëch stolz den Kauf von Rolls-Royce und Bentley verkündet, da machte ihn der damalige BMW-Chef Pischetsrieder darauf aufmerksam, die Namensrechte an Rolls-Royce für die Münchener gesichert zu haben. „Piëch hat ein Gedächtnis wie ein Elefant. Den Nachmittag auf dem Golfplatz hat er Pischetsrieder nie verziehen.“ Die späte Rache dafür folgte am Dienstagabend in der Aufsichtsratsitzung in Wolfsburg.
| Name | Kurs | Prozent |
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