09.10.2005 · Am Montag will Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff bei einer Sondersitzung Ferdinand Piech aus dem VW-Aufsichtsrat drängen. Der Putsch wird scheitern.
Von Georg MeckWenn am Montag in Berlin die Parteien die Kanzlerfrage klären, hat der beliebteste Politiker Deutschlands dafür keine Zeit: Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hat Termine in Wolfsburg. In seiner Funktion als VW-Großaktionär besichtigt er morgens das Volkswagen-Werk, nachmittags trifft sich der Aufsichtsrat. Um 15 Uhr kommt es zum vorläufigen Höhepunkt der Schlacht zwischen Wulff und Ferdinand Piech, dem ehemaligen VW-Vorstandschef und heutigen Vorsitzenden des Aufsichtsrates. In einer Sondersitzung diskutiert das Kontrollgremium den Einstieg des Sportwagenherstellers Porsche bei Volkswagen. Wulff wittert darin die Chance, den verhaßten Widersacher Piech loszuwerden.
Spätestens mit den Wolfsburger Skandalgeschichten, in denen CDU-Politiker Wulff den Chefaufklärer gibt, eskalierte der Konflikt der ungleichen Kontrahenten. Piech steht in Wulffs Augen für das „System VW“, für die inzwischen aktenkundige Kumpanei von Betriebsräten, SPD und VW-Konzern, die - quasi als Nebeneffekt - ihn so lange von der Macht in Hannover ferngehalten hat.
Gegen das Recht der übrigen VW-Aktionäre
Den neuen Großaktionär Porsche hat Wulff zwar öffentlich begrüßt, als Schutz vor einer feindlichen Übernahme. Lieber wäre ihm jedoch zweifellos ein anderer Weißer Ritter gewesen. Mit Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp hat Niedersachsens Ministerpräsident deswegen Gespräche geführt. Als der zögerte, kam ihm Porsche und somit Ferdinand Piech zuvor.
Piech übernehme nun die Macht in Wolfsburg, so lautet der Vorwurf gegen den Enkel von Käfer-Erfinder Ferdinand Porsche. Die Familie Piech/Porsche hält nicht nur 100 Prozent der stimmberechtigten Anteile des neuen VW-Großaktionärs Porsche in Zuffenhausen. Ihr gehört mit der Salzburger Porsche-Holding auch der größte Autohändler Europas, spezialisiert auf die Marken des VW-Konzerns. Der starke Mann hinter alledem ist Ferdinand Piech. Das heißt noch lange nicht, daß er als Eigentümer durch alle Gesellschaften durchregieren kann, dagegen steht das Recht der übrigen VW-Aktionäre.
Putschversuch ist zum Scheitern verurteilt
Piechs Interessenkonflikt sei evident, urteilt Corporate-Governance-Experte Theodor Baums. „Er trägt als Aufsichtsrat bei VW und bei Porsche auf zwei Schultern. Er hat also zumindest ein Problem.“ Die Regeln zur guten Unternehmensführung empfehlen, daß „wesentliche und nicht nur vorübergehende Interessenkonflikte in der Person eines Aufsichtsrates zur Beendigung des Mandats führen sollten“. Darauf beruft sich nun Christian Wulff und versucht offenbar im Aufsichtsrat eine Mehrheit gegen Piech zu organisieren - mit dem Ziel, den als Vorsitzenden abzuwählen und durch Heinrich von Pierer zu ersetzen.
Der Putschversuch ist jedoch zum Scheitern verurteilt; allein wegen des Widerstands der Arbeitnehmervertreter und unabhängig von der Frage, ob tatsächlich alle Eignervertreter sich gegen Piech verschworen haben. IG-Metall-Chef Jürgen Peters hat bereits klargestellt, daß keiner der zehn Arbeitnehmervertreter eine Revolte gegen Piech unterstützen werde. Gestürzt werden kann der also nicht, und freiwillig wird er in keinem Fall zurücktreten. „In meiner Karriere haben schon viele versucht, mich rauszudrängen; es ist noch keinem gelungen“, sagte Piech dem „Spiegel“.
Stets der Stimme enthalten
Gab es bisher eine Kollision der Interessen, hat Piech sich im VW-Aufsichtsrat stets der Stimme enthalten. Nur, wenn Porsche und VW jetzt noch mehr Motoren und Modelle gemeinsam entwickeln, dann könnte schnell der Moment erreicht sein, an dem Piech laut Aktienrecht gar nicht mehr mitreden darf. „Falls ein Aufsichtsrat seinen Aufgaben und Pflichten als Kontrolleur in erheblichem Umfang nicht mehr nachkommen kann, dann muß er zurücktreten“, erläutert Professor Theodor Baums die Rechtslage. Diese Bedenken gelten nicht für Piech, sondern auch für Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, wenn der wie geplant in den VW-Aufsichtsrat einzieht. 18,5 Prozent der VW-Aktien hält der Sportwagenhersteller inzwischen. Die 3,4 Prozent, auf die Porsche eine Option hat, werden dazukommen. Mit knapp 22 Prozent beanspruchen die Zuffenhausener dann drei Sitze im VW-Aufsichtsrat - den von Piech nicht eingerechnet, wie sie betonen.
In jedem Fall sinkt der Einfluß des Landes Niedersachsen, also die Macht des Christian Wulff. Schon deshalb hätte er ein Bündnis mit Daimler vorgezogen. Die von ihm propagierte Überkreuzbeteiligung hätte VW wie Daimler vor feindlichen Übernahmen geschützt und hätte das jeweilige Management vor den Ansprüchen der restlichen Aktionäre bewahrt. Dies hindert Wulff nicht daran, sich jetzt, da es anders gekommen ist, als „Sachwalter der freien VW-Aktionäre“ zu empfehlen. Dumm nur, daß die am liebsten einen Rückzug des Landes Niedersachsen von VW sehen würden und den Porsche-Coup begrüßen. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz knüpft daran die Hoffnung, daß bei VW „ein bißchen mehr Rendite-Denken einzieht“. Das wiederum liegt nicht unbedingt im Interesse Wulffs. In der Abwägung zwischen Profitabilität und Arbeitsplätzuen, ist die Wahl des Landesvaters leicht vorhersehbar: im Zweifel für Wolfsburg und gegen die Aktionäre.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,27 | −1,21% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2445 | −0,35% |
| Rohöl Brent Crude | 105,15 $ | −1,59% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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