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Volkswagen Bordell-Affäre : Die Generalabrechnung beginnt

  • -Aktualisiert am

Bestreitet die Vorwürfe: Bernd Sudholt Bild: ddp

Wer hat sich auf Kosten von Volkswagen mit Prostituierten vergnügt? Die Justiz beginnt jetzt mit der großen Schlussabrechnung. Ab Donnerstag stehen die beiden Schlüsselfiguren vor dem Richter. Auch Bernd Sudholt, der Geschäftsführer des Bundesligisten VfL Wolfsburg, soll zum „inneren Zirkel“ gehören.

          Im VW-Skandal beginnt die Justiz mit der großen Schlussabrechnung: Von diesem Donnerstag an stehen mit dem früheren Betriebsratschef Klaus Volkert und dem einstigen Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer die beiden Schlüsselfiguren vor dem Richter. Die Sechste Große Wirtschaftsstrafkammer am Landgericht Braunschweig will dabei die Umstände unter die Lupe nehmen, unter denen Volkert und etliche weitere Arbeitnehmervertreter auf Lust- und Luxusreisen gegangen sind.

          Bordellbesuche und Volkerts brasilianische Lebensgefährtin wurden aus der Unternehmenskasse finanziert, ebenso „Sonderboni“ für Volkert und diverse Privateinkäufe von Luxuswaren. Das VW-eigene „Modell Mitbestimmung“ kostete den Wolfsburger Autobauer rund 2,7 Millionen Euro. Strafrechtlich geht es dabei um den Vorwurf der Untreue und - ein recht seltener Fall - der Begünstigung von Betriebsräten.

          Prominent besetzte Zeugenliste

          Für Volkert und Gebauer steht viel auf dem Spiel: Zumindest bei dem einstigen Vorsitzenden des Welt- und Konzernbetriebsrats halten Beobachter eine Gefängnisstrafe für sehr gut möglich. Gebauer dürfte hingegen zugutegehalten werden, dass er nur ausführendes Organ des damaligen Personalvorstands Peter Hartz war. Außerdem hat Gebauer, seit die Affäre aufgeflogen ist, in diversen Vernehmungen und Interviews ausgepackt.

          Prominent besetzt ist auch die Zeugenliste: So soll der ehemalige Kanzlerberater Hartz am 20. Dezember Rede und Antwort stehen. Die Aussage verweigern kann er nicht, weil das Strafverfahren gegen ihn selbst bereits rechtskräftig abgeschlossen wurde. Im Januar hatte ihn das Landgericht zu der höchstmöglichen Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt und ihm zusätzlich eine Geldstrafe von 576.000 Euro auferlegt. Der Prozess stieß allerdings auf Kritik, weil das Gericht Hartz jede Beweisaufnahme ersparte, obwohl ihm von Reumütigkeit wenig anzumerken war. Geladen ist nun auch Helmuth Schuster, der frühere Personalchef der Tochterfirma koda. Ihm steht außerdem ein eigener Prozess ins Haus, weil er den Autokonzern durch den Aufbau von Tarnfirmen betrogen haben soll. Geplant ist ferner, den Aufsichtsratsvorsitzenden des Unternehmens, Ferdinand Piëch, zu befragen. Er und seine Untergebenen haben bislang jede Mitwisserschaft des damaligen Vorstandschefs von den dubiosen Zahlungen abgestritten.

          Staranwälte unter sich

          Volkerts Verteidiger Johann Schwenn, zu dessen Mandanten der Radsportler Jan Ullrich und das einstieg Entführungsopfer Jan Philipp Reemtsma gehörten, hat sich eine eigenwillige Argumentation ausgedacht. Die Zahlungen an Volkert seien ihr Geld wert gewesen, meint der Hamburger Anwalt, weil der Gewerkschafter dem Unternehmen zu günstigen Haustarifen und wenigen Streiktagen verholfen habe. Gebauer hat sich gleichfalls prominenten Rechtsbeistand geholt - den Kieler Strafverteidiger und FDP-Politiker Wolfgang Kubicki nämlich, der früher auch seinem verstorbenen Parteifreund Jürgen Möllemann zur Seite stand.

          Nicht ganz so hochkarätig besetzt wirkt dagegen auf den ersten Blick die Bank der Ankläger. Die schleswig-holsteinischen Strafverfolger überraschten vor wenigen Tagen mit der Mitteilung, dass Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff nicht im Gerichtssaal dabei sein werde. Die engagierte Juristin hatte - zusammen mit einer Kollegin - bisher die Ermittlungen im Volkswagen-Komplex geführt und auch die Plädoyers gehalten. Dahinter steckt offenbar die Befürchtung, dass insbesondere Anwalt Schwenn, der sich schon früh auf Wolff wegen deren angeblichen Voreingenommenheit eingeschossen hatte, sie als Zeugin benennen könnte. Dann würde sie womöglich als Anklagevertreterin ausfallen. Deshalb wird sie nun durch die Oberstaatsanwälte Ralf Tacke und Hans-Christian Koch ersetzt.

          Neu angeklagt: Bernd Sudholt

          Weitere Prozesse werden folgen. So teilten die Braunschweiger Strafverfolger am Montag mit, dass sie jetzt gegen den ehemaligen Volkert-Vertreter Bernd Sudholt Anklage wegen Beihilfe zur Untreue in vier Fällen erhoben haben. Der 61 Jahre alte Geschäftsführer des Bundesligisten VfL Wolfsburg soll zwischen 2001 und 2003 bei Dienstreisen auf Kosten von VW ebenfalls die Leistungen von Prostituierten in Anspruch genommen haben. Bei den Flügen nach Asien, Indien, nach Tschechien und in die Schweiz sei ein Schaden von 3575 Euro entstanden. Der Beschuldigte habe bislang jede Teilhabe an dieser Art von „Beiprogramm“ bestritten, gab die Behörde bekannt. Die Ankläger zählen ihn zum „inneren Zirkel“ von Nutznießern einschlägiger Vergnügungsveranstaltungen.

          Bereits abgeurteilt wurden - neben Hartz - zwei Randfiguren. Die ehemaligen Belegschaftsvertreter Hans-Jürgen Uhl, SPD-Bundestagabgeordneter, und Günter Lenz, SPD-Parlamentarier im Niedersächsischen Landtag, wurden vom Amtsgericht Wolfsburg mit Geldstrafen belegt - der eine nach öffentlicher Hauptverhandlung, der andere nach seinem Geständnis diskret mit einem Strafbefehl. Doch mit den Strafsanktionen des Staates ist die Angelegenheit noch nicht erledigt. Zumindest Hartz und Volkert drohen Forderungen einer Haftpflichtversicherung (D&O), die dem Unternehmen vorab den ihm entstandenen Schaden ersetzt hat.

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