Herr Joussen, Vodafone hat viel Geld für neue Funkfrequenzen ausgegeben. Jetzt prescht die Deutsche Telekom vor und kündigt den raschen Ausbau des mobilen Internets in 500 Gemeinden an. Wann zieht Vodafone nach?
Wichtiger als schnell anzukündigen, ist doch schnell auszubauen. Die Versorgung der weißen Flecken ist ein Geschäft. Ich bin sicher, dass in rund zwölf Monaten, also bereits Mitte nächsten Jahres, die ländlichen Regionen an das mobile Internet angeschlossen sind. Dafür sorgt der Wettbewerb. Wer zuerst kommt, gewinnt die Kunden und verdient Geld. Und weil drei Unternehmen Frequenzen aus der digitalen Dividende ersteigert haben, geht das ruck, zuck! Das sieht man schon daran, dass die Telekom ihren DSL-Ausbau in den unversorgten Gebieten beschleunigt hat, seit die Frequenzversteigerung feststeht. Da hat man versucht, schnell noch alles mitzunehmen, was einigermaßen wirtschaftlich ist, bevor Wettbewerber mit mobilen Angeboten an den Markt gehen.
Wo wird Vodafone mit den Investitionen beginnen?
Wir werden sehr zügig das gesamte Vodafone-Netz hochrüsten. An jeder GSM-Basisstation wird über die nächsten drei Jahre auch die Technik für LTE (den neuen Mobilfunkstandard Long Term Evolution) verbaut. Erst in den weißen Flecken, dann in den Ballungsräumen. Wir nutzen unsere bereits bestehenden Antennen und werden die intelligenten Schaltkästen neu bestücken. Vieles spricht dafür, auch in den Städten die 800-Megahertz-Frequenz aus der digitalen Dividende einzusetzen. Die trägt nicht nur weiter; auch die Gebäudedurchdringung ist besser.
Wie schnell wird man auf dem Dorf mit LTE surfen können?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir Bandbreiten von 5 Megabit in der Sekunde schaffen. In den Städten werden es auch bis zu 70 MBit sein.
Braucht der Wettbewerb auf dem deutschen Mobilfunkmarkt vier Anbieter?
Das ist besser als Monopolstrukturen wie im Festnetz. Das starke Wachstum im mobilen Internet führt dazu, dass der gesamte Markt wieder wächst - trotz des starken Wettbewerbs. Aber lokale Größeneffekte sind absolut notwendig. Unsere Volkswirtschaft ist groß genug, um vier Netzbetreiber ernähren zu können. Ohne LTE kann ein Unternehmen in diesem Markt aber nicht überleben.
Fehlt Vodafone ein Zugpferd wie das iPhone? Sprechen Sie schon mit Apple über einen Vermarktungsvertrag?
Viele unserer Kunden nutzen schon heute ein iPhone, das in unserem Netz hervorragend funktioniert. Niemand braucht wegen eines iPhones seinen Anbieter zu wechseln. Und ich glaube, dass alle dazugelernt haben. An Vodafone kommt man als Hardware-Anbieter in Deutschland nicht vorbei.
Muss bei Vodafone wegen der Investitionen in den Mobilfunk nun der Ausbau des Festnetzes zurückstehen?
Wir werden das Festnetz nicht vernachlässigen, aber wir konzentrieren unsere Mittel momentan stärker auf den Mobilfunk. Das ist im Vergleich zum Festnetz der gesündere Markt und die Rahmenbedingungen für Investitionen sind wettbewerbsorientiert. Das schafft Planungssicherheit für Investitionen. Im Mobilfunk erzielt Vodafone strukturell Margen von mehr als 40 Prozent. Im Festnetz ist es die Hälfte.
Woher kommt der Abstand?
Die Wettbewerber sind auf den letzten Metern zum Kunden auf die Leistungen und Infrastruktur der Telekom angewiesen. Wir sind heute mit Abstand der größte Kunde unseres Hauptwettbewerbers: die Nutzung der sogenannten letzten Meile kostet bei vier Millionen Kunden rund eine halbe Milliarde Euro im Jahr, die wir an die Telekom bezahlen. Noch schlimmer ist es bei Bitstrom-Produkten. Die Kosten sind so hoch, dass die Marge praktisch null ist - kaufmännisch absurd. Aber wir brauchen den Zugang, weil unser Netz noch nicht das ganze Bundesgebiet abdeckt.
Hakt es in der Marktregulierung?
Im Festnetz gibt es zu viele alte Zöpfe; da bremsen die Bewahrer des alten Staatsmonopols viele Investitionen. Es kommt kein Tempo beim Breitband auf, weil die investitionswilligen Unternehmen sehr ungleiche Startbedingungen vorfinden. Damit entsteht aber nicht die Dynamik beim Breitbandausbau, die Deutschland eigentlich braucht. Ich sehe in diesem "Katz-und-Maus-Spiel" den organisierten Stillstand.
Trotzdem hat Vodafone viel Geld für Arcor bezahlt. Hätten Sie dann nicht besser in den Mobilfunk investiert?
Die Entscheidung war richtig. Wir sind heute im Festnetz nicht nur bei den Privatkunden die erste Alternative. Das Festnetz eröffnet uns darüber hinaus auch den Zugang in ein völlig neues Segment, den Großkundenmarkt. Da braucht man integrierte Angebote, sonst werden Sie erst gar nicht zu den Ausschreibungen zugelassen.
Der Umbau der Netze auf Glasfaser hat begonnen. Wie muss die Regulierung darauf reagieren?
Ich sehe die Gefahr einer Remonopolisierung, wenn die Regulierung nicht bald gegensteuert. Natürlich muss auch die Glasfaser, die die Telekom jetzt verlegt, reguliert werden. Alles andere wäre grotesk. Denn investiert wird doch in alte Strukturen, in Kabelschächte und Verteiler aus der Monopolvergangenheit. Die wurden damals vom Steuerzahler bezahlt und heute sollen die Wettbewerber diese längst abgeschriebene Infrastruktur ein zweites Mal bezahlen. Wir brauchen einen offenen Netzzugang, damit die Wettbewerber aus der Abhängigkeit von der Telekom herauskommen und Deutschland echte Anreize für Telekommunikations- und Internetunternehmen schafft, stärker hier zu investieren.
Die Telekom hat mehr als eine Million Kunden für ihr Internetfernsehen. Wie lange schaut Vodafone noch zu?
Wir werden zum Weihnachtsgeschäft den Aufschlag machen. Dann kommt Vodafone mit einer Multimedia-Suite und mit einer TV-Lösung, die ganz anders sein wird als das, was die Telekom anbietet. Das wird eine Hybridtechnologie, da wird Kabel drin sein, Satellit und auch IPTV. Die Kunden brauchen nicht mehr alles wegzuwerfen. Sie ergänzen, was sie haben. IPTV hat in meinen Augen einen riesigen Nachteil: Sie müssen erst mal ein schnelles Netz aufbauen, und dann haben Sie immer noch keine Broadcast-Technologie. Wir holen das, was frei verfügbar ist, aus der Luft und aus dem Kabel. Und nur das, was der Kunde darüber hinaus sucht, aus dem Internet.
Die Netzneutralität wird heiß diskutiert. Ihre Kollegen Obermann und Alierta wollen Google zur Kasse bitten. Sie auch?
Ich bin sehr dafür, dass die Zugänge zum Netz diskriminierungsfrei sein müssen, trotzdem müssen wir im Wettbewerb Diensteklassen differenzieren können - also unterschiedliche Preise je nach Qualität und Leistung verlangen. Als Netzbetreiber muss man das Recht haben, in seinem Netz kommerzielle Angebote zu formen. Wir waren nie der Meinung, dass man Internettelefonie verbieten solle. Aber dafür muss es einen Preis geben.
Aber gerade Skype ist doch ein klassischer Fall der Diskriminierung. Vodafone verlangt doch nicht für Skype einen Zusatztarif, weil Skype hohe Datenmengen verbraucht, sondern weil Skype Ihr Kerngeschäft kannibalisieren könnte.
Bei Wettbewerbern müssen Skype-Nutzer in manchen Tarifen keinen Aufpreis zahlen. Aber dafür für andere Dienste, die bei uns frei sind. Der Kunde kann entscheiden, welchen Netzbetreiber er wählt. Ich sehe an dieser Stelle kein Problem. Ich finde wichtig, dass jeder Kunde Zugang zu allen Angeboten haben sollte.
In der Branche wird über das Ende der Flatrate nachgedacht. An ihre Stelle sollen wieder Datentarife treten, mit Aufpreisen für Dienste wie Youtube oder Telefonie. Denken Sie auch so?
Eigentlich finde ich Preise für Anwendungen keine schlechte Idee, da die Kapazität im Netz begrenzt ist. Andere Branchen wie die Luftfahrtindustrie müssen auch ihre Kapazität bestmöglich auslasten. In Spitzenzeiten sind Flüge nun mal teurer. Die Netzneutralität widerspricht dieser wirtschaftlichen Betrachtung. Für eine effiziente Ausnutzung und Gewährung hoher Qualitäten ist diese Differenzierung nötig. Qualität kostet eben. Wer dafür zahlt? Das wird der Markt zeigen. Aber ich schlage keinen Alarm. Die mehr als 20 Prozent Umsatzwachstum mit mobiler Datenübertragung im Jahr sind ein ziemlich interessantes Geschäft.
Welche Plattform finden Sie besser: Apple oder Google?
Offene Plattformen haben historisch die größere Chance, erfolgreich zu sein. Ich halte Googles Ansatz mit Android für ziemlich gut.
Breitband auch für Menschen, die täglich arbeiten müssen?
norbert doerre (ndoerre)
- 05.07.2010, 21:44 Uhr
Regulierung, das Geschäft mit dem Internet und die Netzneutralität
Karsten Bender (Kasmo)
- 05.07.2010, 22:56 Uhr
